Am Hafen von Wannsee. Links die Warteschlangen vor der "MS Wannsee", rechts das Ersatzschiff "MS Tempelhof". Foto: André Görke
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Kommt die Pop-up-Fähre? Das Dilemma ums Wannsee-Schiff der BVG

Berlins beliebteste Fähre hatte im Sommer ein Coronaproblem: die Enge. Die CDU schlug eine temporäre Verstärkung vor. Das muss der Senat jetzt prüfen.

Sie trägt einen berühmten Namen und ist Berlins beliebteste Fähre: die „MS Wannsee“. Jeden Tag fährt sie übers Wasser, bringt die einen zur S-Bahn und die anderen in den Kurzurlaub.

Eine Mini-Kreuzfahrt mit der BVG. Fahrzeit: 20 Minuten. Preis: 2,90 Euro. Aussicht: unbezahlbar.

Doch die wunderbare Vorstadtattraktion, die längst in Reiseführern steht und Familien selbst von der „New York Times“ empfohlen wird („take the small ferry across the Havel river to a suburban neighborhood called Kladow, where the Räuberspielplatz is built right into the riverbank“), hat ein Problem: die Enge in der Coronakrise.

Im Frühsommer ging's los: 300 Menschen passen eigentlich aufs BVG-Schiff, doch wegen der Abstandsregeln durfte nur noch die Hälfte drauf. Der Haken daran: Das Boot fährt nur einmal pro Stunde. Die Folge: Die Schlangen waren so lang, dass die BVG kapitulierte und zu Pfingsten öffentlich via Twitter von der Nutzung abriet. Das macht die stolze BVG auch nicht oft und auch nicht gern.

Später wurden mehr Leute aufs Boot gelassen, die Enge blieb - vor allem an den warmen Wochenenden, wo die ganzen Leute aus der Innenstadt raus nach Spandau ins Grüne fahren.

Was also tun? Eine temporäre Pop-up-Fähre einsetzen, also ein BVG-Verstärkerschiff? Pop-up-Fähre klingt kesser - fast so wie die schnell eingerichteten und vom Verwaltungsgericht aktuell wieder gekippten Pop-up-Radwege in der Innenstadt. Die waren aus einer ähnlichen Not in der Coronakrise entstanden und halfen Fußgängern und Radfahrern, Abstand zu halten - ganz wie die BVG-Fährgäste auf dem Boot.

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Die CDU sprach darüber im Juni, brachte den Antrag für eine Zweitfähre in Spandau im August im Rathaus ein; es war klar, dass der Zustimmung finden würde. Deshalb steht seit Ende August auf der Rathaus-Drucksache auch: „Ohne Änderungen beschlossen.“

Ein zweites Schiff zu mieten, kostet viel Geld

Allerdings werben schon seit Jahren etliche Leute für ein zweites Schiff auf dem Wannsee, selbst Sebastian Czaja (FDP) hatte schon die Kapitänsmütze auf, und auch die SPD hat das enge Coronagedränge am Fähranleger erst im Frühsommer kritisiert.

Das Pop-up-Schiff wird jetzt durch diesen Beschluss ein erneuter Prüffall für den Senat um Regine Günther (Grüne). Bislang reagiert die Senatsverwaltung ungewohnt wortlos auf die Idee.

Der Senat sagt nichts zur Pop-up-Ideen am Stadtrand

Die CDU nutzt die Stille und schlägt den Einsatz eines umweltfreundliches Solarbootes vor. Auch würden Berliner Reedereien sicherlich gern ihre Ausflugsdampfer vermieten. 620.000 Euro zahlt der Senat jährlich an die „Stern und Kreis“, damit die im BVG-Auftrag hin und herpendelt. In Wannsee liegt übrigens das Ersatzschiff meist schon am Anleger: die alte „MS Tempelhof“.

Vor der Coronakrise war die Lage so: 60 Fahrten pro Jahr und laut Senat kein Bedarf für den Einsatz eines zweiten Schiffes. Die Fähre nutzten werktags durchschnittlich 700 Leute, sonntags sind es 1500 (Zählung: 2016). In diese Zahlen fließen auch die nasskalten Herbst- und Wintertage ein, an denen Passagiere oft nur mit 20 anderen Fahrgästen im Boot hinter beschlagenen Scheiben sitzen.

An Wochenenden extrem voll, unter der Woche allerdings oft leer

Schiffsromantik ist im Alltag nicht angebracht: Die BVG nennt die Fähre einen „schwimmenden Omnibus“, während Fahrgäste wegen der öden Optik vom „schwimmenden Schuhkarton“ reden. Früher gab es mal ein Freiluftdeck und eine Theke mit Eis und Kaffee - vorbei.

Die ganze Geschichte hat mehrere Aspekte, nicht nur ein Gezanke zwischen CDU und Grünen: Die Kladower (17.000 Einwohner) sind unzufrieden, weil die Straßen verstopft sind und wünschen sich Unterstützung vom Senat. Argumentation der Bürger: Ein zweites BVG-Schiff könnte die Straßen entlasten - in Wannsee hält schließlich die S-Bahn Richtung Stadt. Wer allerdings sein Schiff auf dem Rückweg verpasst, weil es nur einmal pro Stunde fährt, macht das kein zweites Mal. Folge: leere Plätze.

Senat sagt: zu wenig Leute, also keine Schiffe - Anwohner sagen: keine Schiffe, also nur wenig Leute

Doch genau mit diesen leeren Plätzen argumentiert wiederum der Senat und will mehr schnelle Busse auf den vollen Straßen. Das bürgerliche Netzwerk „Kladower Forum“ (1985 gegründet, 290 Mitglieder) fordert nun im Tagesspiegel die „Durchbrechung dieses ewigen Argumentationskreises“.

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Eine temporäre zweite Fähre - zumindest an Ferienwochenenden - wäre ein erster Schritt gewesen; Buslinien werden schließlich auch an den Bedarf angepasst. Die CDU in Wannsee prüft jetzt, ob sie den Antrag ihrer Parteifreunde am anderen Ufer unterstützen möchte - bisher sei der CDU in Zehlendorf allerdings dieses Problem gar nicht bekannt. Eine Ausweitung des Fährverkehrs sei natürlich schön. Die BVG, so der örtliche CDU-Fraktionschef, könne aber leider „jede Mark nur einmal ausgeben“. Schöne CDU-Grüße vom Wannsee-Ufer rüber nach Spandau!

Dabei würde solch ein Verstärkerschiff an den Ferienwochenenden vor allem Innenstadt-Touristen helfen, die mit Oma, Kind und Picknickdecke übers Wasser wollen. Die passten, so schilderten es Betroffene und Augenzeugen, vormittags nicht mehr aufs Boot („Wir stehen in Wannsee bis zur Treppe hoch zum S-Bahnhof!“) und kamen abends nicht mehr zurück in die Stadt. Lost in Kladow.

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Nicht weniger unterhaltsam als die Debatte ist übrigens die Historie dieser Fähre, die bis in die Kriegstage zurückreicht. „Die BVG-Personenschifffahrt ist im Sommer eine heitere Angelegenheit und ein Kind der Not“, berichtete der Tagesspiegel vor 70 Jahren. Als während des Krieges die BVG immer mehr Autobusse verlor, musste im Juni 1944 auch der Bus nach Kladow eingestellt werden.

Diese BVG-Linie fährt so oft wie kurz nach dem Krieg

Als Ersatz richtete man einen Schiffsdienst ein: Eine Dampferlinie führte von der Stößenseebrücke - hart an der Bezirksgrenze zu Westend - über mehrere Haltestellen nach Kladow, eine zweite von Kladow zum Bahnhof Wannsee.

„Sechs Dampfer hatten Dienst. Sonntags waren es nur zwei, denn die Schiffe dienten ja nicht dem Vergnügen, sie brachten ihre Fahrgäste zur Arbeit in die Stadt und zurück nach Haus“, stand im Tagesspiegel.

[Die Infos aus diesem komprimierten Text stammen aus Tagesspiegel-Newslettern aus Steglitz-Zehlendorf und Spandau und erschienen im August 2020 in der neuen Tagesspiegel-Beilage "Leute": hier im E-Paper erhältlich. Die Newsletter gibt es, Bezirk für Bezirk, kostenlos unter leute.tagesspiegel.de]

Die beiden Schiffslinien wurden bald zu einer einzigen mit einer Streckenlänge von 12,9 Kilometern vereint. Ende April 1945 fuhr dann kein Dampfer mehr, aber einen Monat später schon waren die Boote wieder unterwegs.

Erst vier Jahre nach Kriegsende dann das: „Im Oktober 1949, als der Autobus wieder nach Kladow fuhr, verkürzte die BVG ihre Schiffslinie endgültig auf die Wannseestrecke. Und seitdem ist sie die beständigste Linie.“ Strecke: 4 Kilometer. Fahrzeit: 20 Minuten. Takt: einmal pro Stunde. So war das kurz nach dem Krieg und so ist das immer noch im Sommer 2020.

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