Die Teilnehmerinnen wurden von der SPD-Abgeordneten Ülker Radziwill im Abgeordnetenhaus empfangen. Foto: Ágnes Szabó
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Plätzchenbacken und Freundschaften schließen Warum unser Frauenprojekt scheiterte

Ágnes Szabó
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Viele ehrenamtliche Projekte mit Flüchtlingen scheitern. Unsere Leserin hat selber eines geleitet und gelernt: Am Wichtigsten ist der direkte Kontakt zu den Frauen.

„Der gute Wille reicht oft nicht für erfolgreiche Integration“, schrieb Andrea Dernbach vor einem Jahr im Tagesspiegel über das Scheitern von ehrenamtlichen Projekten für weibliche Flüchtlinge. Das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung fand heraus, dass unter anderem die Rolle der Ehrenamtlichen ein Faktor dafür ist. Ich habe 2016 und 2017 acht Monate lang selber ein solches Projekt geleitet. Weshalb es gut lief und weshalb es scheiterte, möchte ich nun erläutern.

Einen Garten schaffen, in dem die Sonne scheint

Unser Projekt „Frauenwintergarten“, gefördert vom Bezirksamt Charlottenburg in Zusammenarbeit mit dem Stadtteilzentrum Divan e.V., startete im Dezember 2016. Wir dachten dabei an einen Wintergarten, in dem immer die Sonne scheint und sogar durch die dicksten Wolken dringt, wo Bäume, Sträucher und Blumen aus Asien, dem Orient, Europa, praktisch der ganzen Welt grünen, blühen und wachsen. Wir Frauen - mit und ohne Kopftuch, mit und ohne Kinder, mit und ohne Ehemänner, mit und ohne Schulbildung - sitzen zusammen, trinken Tee und Kaffee, knabbern Plätzchen, Hallawat Dschibn, oder eben Baklawa und reden über „Frauensachen“.

Gemeinsam basteln und malen. Foto: Ágnes Szabó
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Eines hatten wir schon am Anfang entschieden: Wir schreiben uns nicht das Wort „Integration“ auf die Fahne. Wichtig war uns aber Augenhöhe, Freundschaft, Offenheit, Kennenlernen und Verorten. Wir organisierten auch Kinderbetreuerinnen, weil wir wussten, dass die Frauen ohne Kinder nicht kommen können. Sie würden es ihren Ehemännern nicht gerne zumuten, einmal pro Woche auf die Kleinen aufzupassen. Das wussten wir aus Erfahrung, u.a. als langjährige Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache (DAF).

Gemeinsam um den Breitscheidplatz trauern

Der Termin unserer ersten Veranstaltung war am 20. Dezember 2016. Etwas unglücklich, war es doch nur ein Tag nach dem Anschlag am Breitscheidplatz. Wir kamen jedoch gar nicht auf die Idee, den Termin abzusagen - trauern kann man schließlich auch beim Plätzchenbacken. Verschweigen wollten wir es auch nicht. Also redeten wir kurz darüber und einigten uns darauf, dass es „ayb“, also schändlich, und traurig ist. Dann widmeten wir uns dem Plätzchenbacken.

Unsere Teilnehmerinnen, ältere und jüngere Frauen aus Syrien, Irak und Afghanistan, kamen aus drei Flüchtlingsunterkünften. Manche brachten ihre Kinder mit, die keinen Schul- oder Kitaplatz fanden, die soziale Kontakte und Erlebnisse aber brauchten. Wir backten fleißig: Süßes und Salziges, mit und ohne Zuckerguss. Niemand hatte damit ein Problem, dass sie nicht wirklich Weihnachten feiern. Beim Abschied lächelten alle.

Nicht alle Heimbesuche waren erfolgreich

In den Heimen, die wir nicht nur in der Anfangsphase, sondern jede Woche aufsuchten, wurden wir meistens freundlich und offen empfangen. Mal machten Verantwortliche für uns eine Liste mit aus ihrer Sicht „geeignete“ Frauen, die wir dann gemeinsam persönlich besuchten. Mal konnten wir nicht in ein Heim, also brachte eine Sozialarbeiterin die Bewohnerinnen zu uns, wir konnten aber nicht vorher persönlich mit ihnen reden. In einem anderen Fall wiederum sind ohne Anwesenheit der Heimleiterin oder Sozialarbeiterin ein paar Bewohnerinnen gekommen, die an der Rezeption unseren Flyer mitgenommen hatten.

In diesen drei Fällen funktionierte das Projekt nicht. Ich will dafür keinem die Schuld in die Schuhe schieben. Interessanter ist es, sich genauer anzuschauen, wo es funktioniert hat.

Mein ehemaliger DAF-Schüler und mittlerweile enger Freud Hanna arbeitete als Sicherheitskraft in einem der Heime in Charlottenburg. Er sprach den Heimleiter und die Sozialarbeiterin persönlich bezüglich eines Präsentationstermins an. Damit verkürzte er unseren Weg und baute ein Vertrauensverhältnis auf. In diesem Charlottenburger Heim bekamen wir freie Hand. Wir konnten mit Hanna auf die Zimmer, unser Projekt persönlich auf Augenhöhe präsentieren und die Frauen mit unserem offenen und freundlichen Lächeln ansprechen.

Auch die Ehemänner musste überzeugt werden

Wir hatten mit Hanna einen eloquenten syrischen Mann an unserer Seite - selbst Kriegsflüchtling-, der das Projekt mit ansteckender Begeisterung nicht nur den Frauen, sondern auch - und das erscheint uns enorm wichtig - ihren Ehemännern präsentierte. Wir haben damit der Tatsache Rechnung getragen, dass die Handlungsmöglichkeiten dieser Frauen meist stark vom Zuspruch bzw. von der Ablehnung ihrer Ehemänner abhängen.

Dieses Heim ist der Kern unseres Projekts geworden, wir waren dort 32 Wochen lang aktiv und haben 15 Frauen, Familien und 40 Kinder glücklich gemacht. Unser Ziel war es, Kontakt und Austausch mit Berliner Frauen herzustellen, mit und ohne Fluchthintergrund. So simpel, so grundlegend wichtig und so selten. Wir wollten zusammen der neuen geteilten Wirklichkeit auf den Zahn fühlen. Wir waren bereit zu lernen und die teilnehmenden Frauen, wie sich auf wunderbare Weise herausstellte, waren es auch.

Viele Teilnehmerinnen brachten ihre Kinder mit zu den Treffen. Foto: Agnes Szabo
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Mal wollten wir einfach das Multaka Projekt des Historischen Museums zeigen, mal eine Ausstellung bosnischer Frauen, die ihre Männer, Söhne Väter im Genozid in Bosnien verloren haben.

Mal sind wir einfach in den Verkehrspark gegangen und haben Fahrrad fahren gelernt oder geübt.

Mal haben wir Juristinnen und Journalistinnen eingeladen, die uns und ihnen erklärt haben, wie das Frauen- und Familienrecht hierzulande tickt.

Mal haben wir andere Initiativen, wie Arrivo, besucht, wo den Frauen die Arbeitswelt und ihre Berufschancen erläutert wurden.

Mal haben wir gekocht oder sind bis Potsdam gefahren, um dort zu grillen.

Mal, als wir schon eine entsprechende Vertrauensbasis hatten, haben wir mit einer syrischen Kunsttherapeutin gearbeitet. Wir haben gleichberechtigt unsere leidvollen Lebenserfahrungen geteilt, ohne Unterscheidung in „Traumatisierte“ und „Nicht-Traumatisierte“, mit und ohne Tränen.

Mal haben wir einfach im Familienzentrum, in unserem „Wintergarten“ gesessen und Tee getrunken und einfach gequatscht und sie danach gefragt, wie es ihnen geht, wobei wir helfen können, könnten, hätten helfen können. Weil wir bewusst nicht zu Sozialarbeiterinnen werden wollten. Wir wollten nicht für 15 Familien Wohnungen und für 15 Kinder Kitaplätze suchen, weil wir das nicht können, und weil es nicht unsere Aufgabe war. Wir wollten ihnen eher zeigen, wie unterschiedlich auch hier die Frauen sind, wir wollten einfach Rollenbilder vermitteln, damit sie diese Vielfalt wahrnehmen und es als Chance sehen, sich einen möglichen Zukunftsweg zu überlegen. Und nicht zuletzt wollten wir sie dazu befähigen, sich selber und gegenseitig zu unterstützen.

Leiterin Ágnes Szabó umringt von den Teilnehmerinnen des Projekts. Foto: Privat
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Mit Ende des Projekts gingen Freundschaften verloren

Das Projekt gibt es nicht mehr. Die Finanzierung war zu Ende und wir konnten es und wollten wir uns auch nicht leisten, ehrenamtlich weiterzumachen. Viele Frauen sind aus dem Heim ausgezogen und dadurch in alten Rollen zurückgefallen. Wir konnten sie nicht mehr von zu Hause abholen, auf WhatsApp-Nachrichten regierten sie nicht mehr, weil sie selber keine Handys haben, weil sie den Weg nicht alleine fanden. Die Männer wollten auch nicht, dass die Frauen auch nur für ein paar Stunden entfernt von der Familie sind. Im Heim hatten sie Verpflegung bekommen, die Frauen mussten nicht mehr kochen, einkaufen, ab- und aufräumen. In den Wohnungen gab es das plötzlich nicht mehr. Auch die Sprachbarriere bestand bis zum Schluss.

Was mit dem Projekt verloren ging? Freundschaft, vertraute Verhältnisse, Verständnis, aufeinander Zugehen und die Entwicklung, die wir mitgemacht haben. Alles ist auf der Strecke geblieben…

Das Werk blieb unvollendet, denn innerhalb von 32 Wochen und ohne Moneten schafften wir es nicht, unabhängig davon, was wir auch immer schaffen sollten…

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