Rolf Mährholz kehrte als Elfjähriger kurz nach dem verheerenden Luftangriff vom 3. Februar 1945 nach Berlin zurück. Er erinnert sich an Panzersperren und Trümmer in seinem Heimatkiez, dem Bayerischen Viertel. Foto: Thilo Rückeis
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Ein Zeitzeuge berichtet Auf Totensuche in den Trümmern

Rolf Mährholz hatte am 3. Februar 1945 Geburtstag, seinen elften. Es war der Tag des schwersten Luftangriffs auf Berlin. An eine Feier kann er sich nicht erinnern. Dafür an den „Trümmer-Verschiebebahnhof“ am Bayerischen Platz.

"Oh Gott, was wollt ihr hier? Haut bloß ab“, begrüßte sie der Hauswart, als Familie Mährholz im Februar 1945 nach Berlin ins Bayerische Viertel zurückkehrte, in die Bamberger Straße. Auf dem Weg in ihre Laube in Schöneberg mussten sie immer über den Bayerischen Platz. „Der war schon kaputt“, sagt Rolf Mährholz, „auf dem Platz war ein wahres Chaos, da haben wir – das darf man gar nicht erzählen – auf einmal gesehen, wie da ein Schuh mit einem halben Fuß lag.“

Am 3. Februar 1945, dem Tag des schwersten Luftangriffs auf Berlin im Zweiten Weltkrieg, feierte Rolf Mährholz seinen elften Geburtstag, doch an eine Feier kann er sich nicht erinnern. Er war mit seiner Mutter auf dem Weg von Schneidemühl in Westpreußen, wo sie bei den Großeltern gelebt hatten, zurück nach Berlin. In Dahmsdorf/Müncheberg machten sie Station, bis der Onkel sie nach Berlin brachte, mitten in der Nacht. Eigentlich war die Stadt schon gesperrt. Das war Mitte Februar.

Ihr Haus, die Bamberger Straße 19, war im Bombenhagel stehen geblieben. „Gegenüber 42,43,44 standen auch noch, das andere war alles Schrott.“ Später schlug im Gartenhaus der 19 eine Bombe ein, da waren drei Etagen kaputt, die wurden nach dem Krieg aber schnell wieder aufgebaut, erinnert sich Mährholz.

Als die Russen fast schon in Wilmersdorf waren

Die Bamberger Straße 19 war und ist „ein herrschaftliches Haus“. Mit Marmor, Spiegel und Stuck im Foyer. Peters Mutter war schon 1919 in das Haus gezogen, als Dienstmädchen für einen Geheimrat. In den 30er Jahren wurden die großen Wohnungen geteilt, und die Familie Mährholz bekam im Seitenflügel-Erdgeschoss eine Zweizimmer-Wohnung mit einer Kammer. Für fünf Personen. Das war nicht besonders groß, aber es gab Badewanne, fließend warmes Wasser, Zentralheizung und Innentoilette. Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, wohnte in ihrem Haus. Und der Komponist Clemens Schmalstich.

Als die Russen fast schon in Wilmersdorf waren, wurden überall Panzersperren gebaut, erzählt Mährholz. „Da haben sie Stahlträger in die Straßen gerammt. Die Meraner Straße war zu, die Kufsteiner Straße, die Babelsberger, die Kaiserallee (heute Bundesallee) war offen, damit die Straßenbahn weiter durchfahren konnte. Die haben sie im letzten Moment zugemacht. Die Martin-Luther-Straße hatten sie mit Straßenbahnwagen aus dem Depot zugestellt, da kamen dann die Russen durch.“

„Später haben die Russen uns Jungs in die Trümmer geschickt, um Tote zu suchen. Die kamen auf eine große Grabstelle auf dem Prager Platz, wurden einfach eingegraben oder auf den Höfen. Später wurden alle wieder ausgegraben und ordnungsgemäß bestattet.“

„Später war der Bayerische Platz ein regelrechter Verschiebebahnhof für die Trümmerloren.“

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