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Online oder Offline?

Beziehungen in Berlin Gemeinsam einsam

2014 lernt Lars über „dbna“ einen Mann kennen, der in einer anderen Stadt wohnt. Er ist „bodenständig und gleichzeitig abenteuerlustig“, er sieht gut aus, und, wichtig, er riecht gut. Doch er will mit Lars keine Fernbeziehung führen. Lars überlegt, umzuziehen, in der Nähe zu studieren, der Sache eine Chance zu geben. Doch am Ende geht er das Risiko nicht ein. Er will Berlin, will seine Freundschaften hier nicht aufgeben. Auch nicht das queer-politische Engagement, das hier in Berlin, glaubt er, ein anderes Gewicht hat. Nach zwei Monaten ist Schluss, es folgen neue Dates.

Für Homosexuelle sei es in Berlin leicht, in Kontakt zu kommen, sagt Lars. Auf den Onlineplattformen sind, anders als in anderen Städten, nicht nur ein paar wenige angemeldet, Partys finden fast jeden Tag statt, geboten wird immer was, online wie offline. Und offline dreht Lars nun eine Zeit lang so richtig auf. Er ist unterwegs, organisiert Diskussionsveranstaltungen, für seine Partei und außerhalb. Er geht oft auf Partys, auf denen er andere Schwule treffen kann, er sucht, will unbedingt jemanden kennenlernen. Aber viel kommt nicht dabei heraus. Lars ist deprimiert. Er merkt, dass sich etwas ändern muss, will gelassener werden, die Dinge ruhiger angehen.

"Hast du Zeit?"

Gabriel sind solche Überlegungen fremd. In der Hotelbar scrollt er durch sein Telefon, es ist ein Logbuch seiner Unternehmungen. Unter dem Buchstaben J speichert er die Nummern seiner Joyclub-Bekanntschaften: „Julia, 25“, „Ariane, 42“, „Unbekannt“. 16 Namen stehen da, alle „reine Fuckdates“. Dazu kommen die Nummern der Frauen, die er bei Lovoo und Tinder kennengelernt hat, sauber eingeordnet unter L und T. „Wenn ich Lust auf die eine oder andere habe, rufe ich an und frage, ob sie Zeit hat.“ Anlagestrategie: Diversifikation.

Gabriel beschränkt sich nicht aufs Internet. Sieht er Frauen, die ihm gefallen, spricht er sie an, in der U-Bahn, auf der Straße, in Clubs. Bisschen quatschen, noch mal auf einen Kaffee? Ja, dann aber deine Nummer, bitte. Eine seiner Bekanntschaften wohnt im Nachbarhaus. Mit ihr trifft er sich spontan, eine kurze SMS reicht: „Hast du Zeit?“, „Bock auf Sex?“ Seine Mitbewohner sehen von der Frau meist nur die schwarzen Turnschuhe im Flur, 30 Minuten später ist sie wieder weg.

Feine Stoffe, gute Hemden: Gabriel legt auf sein Aussehen großen Wert. Foto: Maximilian Zeitler Vergrößern
Feine Stoffe, gute Hemden: Gabriel legt auf sein Aussehen großen Wert. © Maximilian Zeitler

Gabriel ist gut im Bett. Das sagen ihm seine Affären. Manche, erzählt er, bedanken sich nach dem Sex sogar bei ihm. Dem Zufall überlässt er das nicht. Körper und Aussehen sind ihm wichtig, jeden Tag treibt er Sport: Situps, Pushups, Klimmzüge. „Wer fit ist, ist ausdauernder im Bett und hat mehr Kraft bei bestimmten Praktiken.“ Er mag seinen Körper, das wissen auch seine Mitbewohner. Oft läuft er nackt durch die Wohnung. Sein Oberkörper ist trainiert, flacher Bauch, definierte Arme. Auch seine Kleidung plant Gabriel bis ins Detail. In seinem begehbaren Kleiderschrank reihen sich Hemden und bunte Chinos, Anzüge und Sakkos hängen an der Wand. Qualität ist ihm wichtig, Hemden aus ägyptischer Baumwolle, auffällige Kalbslederschuhe, englische Anzüge. Er freut sich, wenn er wieder mal ein Schnäppchen bei einem besonders teuren Produkt gemacht hat – Asset-Management nennt man das in der Wirtschaft, Narzissmus nennt es Gabriel. Er meint das positiv.

Eines will Gabriel bei Affären unbedingt vermeiden. „Wenn ich merke, dass eine sich verliebt, ziehe ich schon mal die Notbremse für sie.“ Dann schreibt er ihr, er habe das Gefühl, dass da bei ihnen Gefühle hochkommen, und wiederholt, was er immer von Anfang an klarstellt: dass das nicht läuft. Für ihn gehört das zum verantwortungsvollen Umgang, sagt er – Notverkauf.

Was ist mit Liebe, mit Romantik? Kindlich naiv, sagt Gabriel. Aber wie war das denn mit seiner Exfreundin? Darüber will er nicht reden, das sei vorbei, Ende. War sie die große Liebe? Er überlegt. „Nein“, sagt er dann. „Eher der große Verlust.“ Er wird still, ganz kurz. „Aber das ist ja eigentlich das Gleiche.“

There is no one new around

Im Grunde ist Gabriel genau das, was Hannah nicht sucht. Unverbindlich etwas mit jemandem haben und sich dann nicht mehr melden – das hat sie während des Studiums gemacht. Jetzt will sie jemanden finden, auf den sie sich verlassen kann, der für sie da ist. Doch in Berlin ist es auf Dating-Apps verpönt, offenzulegen, dass man etwas Ernstes sucht. Viele, glaubt Hannah, fänden das eher bedrohlich, weil sie so unabhängig wie möglich sein wollten. „Die Stadt gibt einem eine unheimliche Freiheit, aber gleichzeitig macht sie einen ruhelos, man hat Angst, etwas zu verpassen.“

Hannahs Profil sieht nach perfektem Leben aus. Auf ihren Fotos scheint die Sonne, sie trägt dunkle Brillen, wirkt wie die Hauptfigur eines Films, von Godard vielleicht oder Woody Allen. Große Leinwand, große Liebe. Hannah will unabhängig, unverbindlich, nicht verzweifelt wirken. Verzweifelt ist sie auch nicht, sie fühlt sich nur manchmal allein. Bekommt Angst, alt zu werden, nicht mehr schön zu sein, nicht mehr dem Ideal zu entsprechen. Angst, dass da niemand mehr kommt.

Hannah hat mittlerweile über 15 Dates gehabt, aber keinen außer Ben hat sie mehr als einmal getroffen. Mit einem Mann – das Date war beim Italiener in Friedrichshain – hätte sie sich ein zweites Treffen gewünscht, doch diesmal wollte er nicht. Irgendwas läuft immer schief, offenbar. Mehr als einmal hat sich Hannah bei OkCupid an- und wieder abgemeldet. Inzwischen hat sie das Gefühl, dass ihr immer nur noch dieselben Männer angezeigt werden. Bei Tinder wischt sie manchmal so viele nach links weg, dass ein Fenster aufpoppt: „There is no one new around.“

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