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Das Liebesleben der Hyäne

Beziehungen in Berlin Gemeinsam einsam

Feiern und trinken, um eine Frau abzuschleppen? Das ist genau Gabriels Ding. Er sitzt entspannt, mit überkreuzten Beinen und hinter dem Kopf verschränkten Armen, auf der Dachterrasse eines Berliner Hotels. Enge Jeans, nicht zu enges Hemd, Haare nach hinten gekämmt, leichte Geheimratsecken. Es ist Abend, der Himmel schon dunkel, hinter dem Geländer glüht die Stadt nach. Gabriel mag die Bar. Klare Linien dominieren die Einrichtung, kein Schnickschnack. „Stilvoll“, sagt er. Sein Smartphone vibriert, Instagram, irgendjemand hat einen Spruch gepostet: „Manchmal braucht man einfach Liebe und eine Umarmung. Und Sex und 10 000 Euro.“ Gabriel lacht. Er klingt ein bisschen wie ein Hyäne.

2009 ist Gabriel aus einer Kleinstadt in Bayern nach Berlin gezogen. Es ist ihm zu eng dort, er sucht die Weite der Großstadt, beginnt ein BWL-Studium. Gabriel will reich werden – das sagt er auch ganz genau so. Berlin vermittelt ihm das Gefühl, sein zu können, was er sein will – auch in der Liebe. Als Ende 2014 mit seiner letzten Freundin Schluss ist, beschließt Gabriel, sich erst einmal nicht mehr zu verlieben. Der 25-Jährige, der mittlerweile für ein Start-up arbeitet, meldet sich auf Datingplattformen an. „Offen für alles Neue“, schreibt er in seine Profile bei Lovoo und Tinder. Er meint: Sex. Gabriel sucht Affären, „halb emotionale, halb praktische“ Beziehungen zu Frauen, die für ihn im Idealfall ablaufen „wie eine Transaktion zwischen zwei Vertragspartnern“. Immer wieder schleicht sich BWL-Sprech in seine Sätze: Verhandlung, Vertrag, Erfolg, Misserfolg. Klare Ansagen.

Deshalb meldet sich Gabriel nicht nur bei den Standard-Datingplattformen an. Ein Bekannter erzählt ihm von Joyclub, einem Erotikportal. Die Seite gefällt ihm auf Anhieb, denn anders als bei Tinder ist dort von vornherein klar, worum es geht. 160 Euro zahlt Gabriel im Jahr für das Portal, die sich selbst als „Community für stilvolle Erotik“ bezeichnet und auf der Startseite mit 1,9 Millionen „realen Mitgliedern“ in Deutschland wirbt, Spam-frei und TÜV-geprüft. Das Motto: „Bereichere dein Sexleben“.

Ein Drink, ein Quickie? Immer. Aber wenn sich eine Frau verliebt, zieht Gabriel die Handbremse. Foto: Maximilian Zeitler Vergrößern
Ein Drink, ein Quickie? Immer. Aber wenn sich eine Frau verliebt, zieht Gabriel die Handbremse. © Maximilian Zeitler

Und Gabriel bereichert sich. Fast täglich besucht er die Seite, schreibt Nachrichten an Frauen, wird bald routiniert. „Du schaust dir das Profil genau an, gehst in der Nachricht darauf ein, machst ein Kompliment und wartest auf Antworten.“ Die Seite macht ihm die Auswahl leicht. Gabriel vergleicht sie mit dem Gebrauchtwagenportal mobile.de: So, wie dort Autos nach PS-Zahl und Farbe geordnet werden, filtert Joyclub seine Mitglieder nach Eigenschaften und Vorlieben. Kuschelsex und Küssen, Fußerotik und Kamasutra, Ältere, Jüngere, Augen verbinden: Für 59 Vorlieben lassen sich ein bis fünf Herzchen vergeben. Gabriel findet das gut. „So kann man Misserfolge minimieren“, sagt er. Am Anfang hat er an manchen Tagen Sex mit mehreren Frauen. „Es gab welche, denen habe ich geschrieben und bin dann direkt zum Ficken hingefahren.“ Nach zwei Monaten fährt er etwas zurück. „Immer nur Sex, Sex, Sex, das war einfach zu viel.“ Reizüberflutung. Für zwei Wochen bleibt er abgemeldet. Dann schaut er mal wieder vorbei. Es warten ja Nachrichten.

Keine Dramen mehr

Auch Matze geht ab und an mit einer Frau nach Hause. Wenn es sich ergibt. Manchmal, in durchfeierten Nächte, spricht ihn eine an, will ihn mitnehmen. Matze steht dann im Club, Mate in der Hand, die lockigen Haare verschwitzt, ein Grinsen im Gesicht. Er wägt ab und entscheidet: Jetzt schon die Party verlassen, das ist es ihm nicht wert. Tanzen, mit den Freunden was erleben, das ist jetzt wichtiger als Sex. „I love you but I’ve chosen disco“ – in Berlin gibt es eine Partyreihe, die so heißt. Es könnte auch Matzes Motto sein. Nicht immer hält er sich daran, manchmal geht er auch mit. Dann will er, dass sich die Frau wohlfühlt, er gibt ihr das Gefühl, dass er ein bisschen verliebt, dass sie etwas Besonderes ist. Es macht ihn glücklich, andere glücklich zu machen. In den letzten zwei Jahren hat sich mit keiner Frau mehr ergeben als eine Reihe von Treffen. Nichts Nachhaltiges, nichts, was geblieben ist. „Im Bachelorstudium habe ich mir die Hörner abgestoßen“, sagt Matze. Da hat er es mit Frauen versucht, bei denen er eigentlich von vornherein wusste: Das passt nicht zusammen. Da war etwa die Frau, die sehr viel Nähe brauchte, während Matze es freier mochte, Zeit für sich wollte. Als er die Sache beendete, flossen Tränen. „Danach wollte ich keine Dramen mehr.“

Gleichzeitig betont Matze, dass er sich nicht gegen die Liebe sperrt. In seinem Freundeskreis gibt es ein Pärchen, das schon seit einem Jahrzehnt zusammen ist. Die beiden machen alles gemeinsam, führen das typische Berliner Doppelleben: Unter der Woche sind sie eingespannt im Job, am Wochenende durchtanzen sie zusammen die Nächte. Noch nie ist einer der beiden ohne den anderen nach Hause gegangen. Matze findet das schön. Aber er sagt auch: Eine Seelenverwandtschaft, wie die beiden sie haben – gleiche Interessen, gleicher Humor, ähnlicher Charakter –, so etwas kann man nicht suchen, man findet es nur, wenn man sehr viel Glück hat. Und Matze will, anders als viele seiner Bekannten, nicht suchen. Um am Ende dann doch die Nächstbeste nehmen.

Das beste Match

Hannah wechselt nach der Enttäuschung mit Ben im Juli 2014 die App. Sie ist jetzt bei OkCupid, der Dienst ist ausgefeilter als Tinder. Nutzer müssen Fragen über ihre Einstellungen, Zukunftswünsche und Vorlieben beantworten, die App zeigt Partner mit möglichst vielen Übereinstimmungen an. Hannah lässt sich ihr „bestes Match“ anzeigen. Es ist Ben. Hannah kann es nicht glauben, schreibt ihn an, doch sie treffen sich nicht wieder.

Sie will sich ablenken, verabredet ein Date nach dem anderen. Etwa mit einem netten Typen in einer Weinbar – doch schon bei der Begrüßung merkt Hannah, dass er stinkt. Vielversprechender beginnt die Verabredung mit Marco, den sie im Prater im Prenzlauer Berg trifft. Fünf Stunden lang unterhalten sie sich, Marco will Hannah wiedersehen. Doch er ist ihr zu schmächtig, zu dünn, ist zwar schlau, hat aber nicht studiert. Per SMS sagt sie ihm ab. Im August folgt ein Nachrichtenwechsel mit einem Filmstudenten. Das Treffen im Kreuzberger Viktoriapark läuft auf Sex hinaus, danach fühlt sich Hannah benutzt, alles ging zu schnell, der andere schien sich kaum für sie zu interessieren. Nach dem Morgenkaffee folgt kein Wiedersehen. Noch im selben Monat trifft Hannah einen Mann, der seine Größe im Profil mit 1,80 Meter angegeben hat. Beim Treffen in einer Bar in Prenzlauer Berg stellt er sich als 1,65 Meter groß heraus, stottert, ist schüchtern. Hannah ist genervt.

„In Berlin strebt jeder nach dem besten Match“, sagt Hannah. Wenn jemand ein Basecap trägt oder kleiner als 1,80 Meter ist, bekommt er online keine Chance bei ihr. Sehr groß soll er sein, einen Bart haben, ein bisschen längere Haare. „Du suchst nach dem Perfekten, weil du sonst das Interesse verlierst.“ Unzulänglichkeiten akzeptieren, wenn sich hinter dem nächsten Profil, hinter der nächsten Ecke etwas Besseres verbergen könnte? Schwierig. Ist es die Auswahl, die so anspruchsvoll macht?

In einer kleineren Stadt, sagt Hannah, wäre vielleicht alles anders. Man lässt sich eher auf jemanden ein, wenn es weniger Alternativen gibt. Aber hier? Schon als Teenager träumte sie von einer Berliner Altbauwohnung mit Dielen und hohen Decken, von einem coolen Job in der Medienbranche. All das ist wahr geworden. Nur der Partner, der zu ihren Ansprüchen passt, fehlt. Sie hat Angst, Zeit zu verschwenden, wenn sie sich auf jemanden einlässt, der nicht perfekt für sie ist – Zeit, in der sie einen Besseren finden könnte. Dabei seien ihre Ansprüche an eine Beziehung nicht hochtrabend, findet sie. Sie möchte, dass jemand für sie da ist, sich um sie kümmert, sich für sie interessiert, mit ihr Zeit verbringt. Ganz einfach eigentlich – wenn es nicht so schwer wäre.

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