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Jetzt also doch: Die Berliner Schulen bleiben leer. Foto: Kay Nietfeld/dpa/picutre-alliance
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Betroffene berichten vom Berliner Schulchaos „Keine Ahnung, wer jetzt noch Vertrauen in Frau Scheeres haben sollte“

Permanentes Hin und Her: Berliner Lehrer, Eltern, Schulleiter berichten, wie sie die chaotische Schulpolitik der vergangenen Tage erlebt haben.

Es wird in Berlin doch keinen verbindlichen Schulbeginn für rund 100.000 Schüler der Abschlussjahrgänge geben. Das teilte die Senatsverwaltung für Bildung am Freitagabend mit. Bis zum 25. Januar wird es beim Digitalunterricht bleiben.

Die Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) reagierte damit auf zahlreiche Brandbriefe, Anträge und eine Onlinepetition gegen die Rückkehr zum Präsenzunterricht mit mehr als 30.000 Unterschriften sowie Schulleitungen, die angekündigt hatten, trotz Senatsbeschluss beim Onlineunterricht zu bleiben. Hier erzählen Betroffene, wie sie das Hin und Her erlebt haben.

Tilmann Kötterheinrich-Wedekind, Schulleiter des Ernst-Abbe-Gymnasiums Neukölln: „Wir haben als Neuköllner Gymnasien zusammen einen Eilantrag gestellt, weil wir in dieser Pandemielage auf keinen Fall Präsenzunterricht machen wollten. Ich finde es gut und richtig, dass wir jetzt mehr Zeit bekommen, um das Pandemiegeschehen vor Ort einzuschätzen, mit dem Gesundheitsamt zu sprechen und die Lage zu sondieren.

Wir Neuköllner Schulen sind gut auf digitales Lernen und Homeschooling eingestellt. Insofern begrüße ich diesen Schritt der Bildungssenatorin. Andererseits ist das natürlich Chaos. Es ist ein permanentes Hin und Her, das Schulen keine Planungssicherheit gibt. Mal werden Abschlussklassen geholt, dann heißt es wieder Homeschooling. Bis heute hat es keinen Kontakt mit der Senatsverwaltung gegeben.

„Wir wussten alle nicht, was passiert“

Die Schulaufsicht vor Ort in Neukölln ist präsent und steht uns zur Seite. Das schätzen wir sehr. Aber mit der politischen Spitze hatte ich keinen Kontakt. Die politische Kommunikation über diese Themen und die Informationslage müssen dringend verbessert werden. Das war eine sehr schwierige Situation in den vergangenen Tagen, wir wussten alle nicht, was passiert.

Kötterheinrich-Wedekind (2.v.r.) mit seinem Schulleitungsteam. Foto: Privat Vergrößern
Kötterheinrich-Wedekind (2.v.r.) mit seinem Schulleitungsteam. © Privat

Es hat sich gelohnt, sich anzustrengen und gezielt an die Öffentlichkeit zu gehen, gemeinsam mit vielen Kollegen und Lehrkräften. Es war ein Punkt erreicht, an dem es so nicht weitergegangen wäre. Sie können nicht in Brandenburg Verschärfungen durchführen und 15-Kilometer-Radien ziehen, Familien sagen, dass sie nur noch eine Person sehen dürfen, und dann in Berlin die Schulen aufmachen.

Hier gibt es Integrierte Sekundarschulen, wo 300 Schüler und Schülerinnen aufgelaufen wären. Wir müssen mehr aufeinander hören und gemeinsam pragmatische Entscheidungen treffen.“

Berliner Schulen neben Tönnies und Ischgl

Lehrer an einer Berliner Sekundarschule: „Ich bin sehr erleichtert, dass Frau Scheeres ihre festgefahrene Haltung jetzt aufgegeben hat. Ich hatte bereits die Entscheidung gefällt, mich zu widersetzen und nicht in die Schule zu gehen. Ich plante, mich krankzumelden und das notfalls auch juristisch zu verteidigen, weil ich es einfach nicht hätte verantworten können. So ist es natürlich viel angenehmer.

Ich glaube, dass die Entscheidung eine riesige Rolle für den Pandemieverlauf spielen wird. Ich dachte am Freitag noch, dass Berliner Schulen neben Tönnies und Ischgl in die Geschichtsbücher eingehen würden.

Es bleibt aber spannend. Nach der Erleichterung war meine zweite Reaktion, zu denken: ‚Wer weiß, das könnte sich auch am Sonntagabend noch einmal ändern.‘ Ob Schüler, Eltern, Lehrer oder Schulleiter: Keine Ahnung, wer jetzt noch Vertrauen in Frau Scheeres haben sollte. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum es dieses Hin und Her gab. Wie konnte man überhaupt darauf kommen, dass es eine gute Idee sei, die Schulen zu öffnen?

Massiver Druck von allen Seiten

Frau Scheeres hat auf massiven Druck von vielen Richtungen reagiert. Da fragt man sich, wieso sie eigentlich drei Tage lang an ihrer Position festgehalten hat. Für sie war es wohl eine große Motivation, Elternwünsche zu erfüllen. Dabei hat sie sich aber verschätzt.

Sandra Scheeres (SPD), Senatorin für Bildung, Jugend und Familie. Foto: picture alliance / Paul Zinken Vergrößern
Sandra Scheeres (SPD), Senatorin für Bildung, Jugend und Familie. © picture alliance / Paul Zinken

Die Pandemie ist in einer dramatischen Phase, die Stimmung ist gekippt und die Betreuung der Kinder wird jetzt als weniger wichtig eingestuft als noch vor einigen Wochen. Mich hat ohnehin gewundert, dass nicht die Jüngsten betreut werden sollten, sondern die Abschlussjahrgänge.

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Wunsch nach konsequenteren Entscheidungen

Gerade habe ich ein wenig Sorge, dass es doch noch zu Präsenzunterricht kommen könnte. Etwa, weil für Eltern die Betreuung der Kinder doch das Wichtigste ist oder Schulen den Digitalunterricht nicht hinbekommen. Berliner Schulen könnten die Katastrophe damit noch verstärken. Da hätte ich mir eine konsequentere Entscheidung von der Politik gewünscht.

In der derzeitigen Situation zählt jede einzelne Woche. Es ist aber eine positive Erfahrung, dass die Summe der Protestbriefe den Wechsel verursacht hat. Das ist eine tolle Bestätigung, dass man nicht einfach hilflos der fehlbesetzten Politik ausgeliefert ist. Bei uns im Kollegium wurde die Kehrtwende gefeiert, in unserer Lehrer-Whatsapp-Gruppe war am Freitagabend eine sehr gute Stimmung.“

„Ich hätte meine Tochter nicht zur Schule geschickt“

Berliner Mutter zweier Schulkinder: „Meine Tochter geht auf ein Gymnasium in Zehlendorf. Ich hatte bereits die Entscheidung getroffen, sie am Montag nicht in die Schule zu schicken. Darin war ich sehr gefestigt und war auch bereit, Bußgelder zu zahlen. Jetzt weiß ich, dass meine Tochter keinen Nachteil gegenüber den anderen Kindern haben wird, weil alle zu Hause bleiben. Das freut mich natürlich.

Die Entscheidung ist aber schon wieder ‚Marke Weichei‘, weil nun Elternvertreter entscheiden können, ob die Abschlussklassen trotzdem Präsenzunterricht machen sollen. Das betrifft auch meine Tochter, die in der zehnten Klasse ist. Meiner Meinung nach kann man diese Abschlüsse ohnehin nicht mehr für voll nehmen, weil viel zu viel Stoff verloren wurde.

Schüler und Schülerinnen einer Berliner Schule im Oktober. Foto: REUTERS/Annegret Hilse Vergrößern
Schüler und Schülerinnen einer Berliner Schule im Oktober. © REUTERS/Annegret Hilse

Die Hygienevorschriften in der Schule reichen nicht aus, weil ein Miteinander außerhalb der Schule ermöglicht wird. Die Jugendlichen fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gehen gemeinsam zu Fuß. Ich pflege meine Eltern und kann ein Risiko der Ansteckung nicht auf mich nehmen. Mir hat eine andere Mutter gesagt, sie habe das Gefühl, dass unsere Kinder als Kanonenfutter verheizt werden.

„Unbefriedigend ist, dass man sich erst derart wehren muss“

Ich bin Juristin und überzeugte Demokratin. Aber ich setze meinen Verstand nicht aus, nur weil es andere Vorschriften gibt. Ich habe mich strikt an alle Regeln gehalten. Ich will das nicht alles gefährden wegen dämlicher Entscheidungen, die nichts mit der Realität zu tun haben. In diesem Fall stelle ich meinen gesunden, faktenbasierten Menschenverstand über das Chaos der Politik.

Ich bin nicht sicher, ob die neue Virusmutation oder der große Protest für die Kehrtwende verantwortlich waren. Es ist befriedigend zu wissen, dass man einen gewissen Einfluss hat. Unbefriedigend ist, dass man sich erst derart wehren muss.

Ich bin eigentlich nicht besonders politisch engagiert, aber in dieser lebensbedrohlichen Situation ist es für mich klar, dass man nicht einfach hinnehmen kann, was die Politik einem aufdrückt. Ob ich meine Tochter nach den Winterferien in die Schule schicken werde, weiß ich noch nicht.“

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