Tina Braegger vor dem von ihr verfremdeten "tanzenden Bär". Foto: promo
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Besuch vor der Art Week 2020 Warum Künstlerin Tina Braegger immer wieder Bären malt

2007 gefiel ihr Berlin nicht. Mittlerweile arbeitet sich die Schweizerin an dem Motiv der Stadt ab. Ein Besuch in ihrem Studio.

Mit einer kleinen Trittleiter gelangt Tina Braegger auch in entlegene Ecken ihrer wandfüllenden Leinwände, die ihre Studiowände und den Boden bedecken. Für die Ausstellung sollen sie später auf Rahmen gespannt werden.

Darauf, in Ölfarben, tanzende Bären in einer farbenfrohen Welt aus Blumen, Sternen und zerfließenden Raumkonturen. Nur auf einem ist keiner. Diese Leinwand ist in ein sattes, abgründig dunkles Blau gehüllt – „auch da kommt noch ein Bär drauf“, verspricht Tina Braegger. Für die kommende Ausstellung in der Galerie Société „dekonstruiert“ sie ihre Bären weiter, sagt sie, wie sie es bereits seit gut neun Jahren tut. Der Bär ist ein Fass ohne Boden.

Vor acht Jahren, 2012, brachte die aus der Schweiz stammende Künstlerin ihre Bären mit nach Berlin. Ein bisschen spiegelt sie damit die Geschichte, sagt sie, denn schon 1939 kamen zwei Bären aus der Schweiz nach Berlin, und zwar als in der Schweiz umstrittenes, politisches Geschenk des Berner Zwingers an den Bärenzwinger im Köllnischen Park eines faschistisch regierten Berlins. Beide Städte verbindet der Bär als Wappentier.

Erstmals in Berlin war Braegger für ein Austauschsemester schon 2007. Damals noch ohne Bären, hat es ihr nicht besonders gefallen. Vielleicht lag es auch an der ungewohnten Schnelllebigkeit und Unzuverlässigkeit der Stadt. „Die Schweiz ist dagegen wie ein Uhrwerk“, sagt sie, „bis ins Kleinste geregelt“. Als sie vor acht Jahren schwanger wurde, mit ihrem Mann und diesmal mit Bären erneut nach Berlin kam, passte alles und sie blieb.

In der Schweiz sei alles zu klein, um sich künstlerisch zu entfalten

„Nach dem Studium war mir klar, dass ich in der Schweiz nicht würde bleiben und Kunst machen können.“ So schön es dort landschaftlich auch sei, es sei am Ende doch zu eng, die Kunstwelt zu klein und alles zu reglementiert, um sich künstlerisch zu entfalten. Das Berliner Chaos dagegen, das habe sie später gelernt, mit seiner Schnelllebigkeit und Unzuverlässigkeit, schaffe eine produktive Atmosphäre. Man traue sich mehr, habe weniger Angst vor dem Scheitern, ob in der Kunst oder im Alltag.

Ihr Studio liegt in einem Gründerzeit-Industriehof nahe dem Gleisdreieck. Die Einrichtung besteht lediglich aus Pappkartons voll Farben, Terpentinersatz, Malwerkzeug. Der Raum ist überzogen mit Farbspritzern.

Ihr Lachen: mal hysterisch, mal „creepy“

Das einzige hier betriebene Elektrogerät ist ein Wasserkocher, daneben je eine Packung „Earl Grey“ und „Guten Abend Tee“. Durch die Fensterfront flutet reichlich Tageslicht den Raum, sowie, von der unweit gelegenen Großbaustelle, Baulärm. Musik ist hier nie zu hören, die würde nur ablenken. Dafür brüllt draußen ein Bodenbohrer wie ein Bär im Industriewald. Das Lachen der Bären auf den Bildern bekommt nicht erst durch diesen Soundtrack etwas Unheimliches.

Auf den ersten Blick wirken die Tiere fröhlich verspielt, kontrastieren mit ihrem Farbreichtum die kahle Werkstatt. Bei näherem Hinsehen tun sich aber Abgründe auf, ihr verzerrtes Lachen wirkt mal hysterisch, mal hämisch, „creepy“, sagt Braegger und spricht von einer „LSD-Ästhetik“.

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Diese Horrortrip-Wirkung ist kein Zufall. Braeggers Bären sind eigentlich Variationen der tanzenden Bären, mit denen die Band „The Grateful Dead“ ihr Live-Album „History of the Grateful Dead Vol.1“ schmückte. Unter Anhängern der Band, den Deadheads, ist das Album auch als „Bear’s Choice“ bekannt. Und „Bear“, das war der Spitzname des Tontechnikers, der die Band mit hochreinem LSD aus seiner eigenen Drogenküche versorgte.

Bunte, lustig tanzende Bären im Merchandise-Kosmos einer Band, die „der dankbare Tote“ heißt, deren Musik den Kontrollverlust zelebriert und bei der halluzinogene Drogen fest zur Rezeptionsgeschichte gehören. Dass das funktioniert, liegt an der „Leere der Bären“, sagt Braegger. Der Bär an sich stehe für nichts, alles könne daher auf ihn projiziert werden. So kann es Gummibären, bedrohliche Grizzlybären, flauschige Teddybären, Berner und Berliner Bären und eben auch psychedelische Deadhead-Tanzbären geben.

Tina Braegger in ihrem Schöneberger-Atelier. Foto: Promo Vergrößern
Tina Braegger in ihrem Schöneberger-Atelier. © Promo

Ein Sofware-Bug verlieh dem Bären sonderbare Farbverläufe

Das Psychedelische an den Dead-Bären hat sich fast von allein offenbart, als Braegger kleine, im Netz gefundene Bärenbilder digital vergrößerte und die verpixelten Vergrößerungen mit einem Photoshop-Filter weichzeichnete. „Es gab einen Software-Bug, der den Bären sonderbare Farbverläufe verlieh und sie noch psychedelischer machte, als sie es schon waren.“ Eine gefundene Metaebene in einem gefundenen Sujet. Zwischen 2011 und 2014 produzierte sie zig Varianten dieser Glitch-Art-Bären, die sie am Schluss in einem Buch zusammentrug. Die Bären in Öl zu malen begann sie erst 2016. „Appropriation Art“ nennt es die Fachwelt, wenn sich Künstler die Kunst anderer Künstler für neue Werke aneignen.

Bei den Bären ist das nur konsequent, denn genau das tat zuvor schon die Deadhead-Szene, produzierte unzählige Varianten der Bären, die auf Buttons, Drucken, Fahnen, inoffiziellem wie offiziellem Merchandise und selbstgemachten Fan-Basteleien auftauchten, „der Open-Source-Gedanke“, sagt Braegger, „lange vor dem Internetzeitalter“. Darin die Utopie frei zugänglicher geistiger Güter, Kunst und Bildung.

Früher war das Tier Symbol der 68er-Antiband

Über die Jahrzehnte wurde der Bär zum Symbol der Deadhead-Subkultur, die von einer linken 68er-Antiband herrühren mag. Heute aber lässt sich, ganz im Widerspruch zum Gedanken der freien Zugänglichkeit, Turnschuh-Hersteller Nike den Bärenaufdruck auf einem Paar limitierter Grateful-Dead-Sneaker mit 2000 Euro bezahlen. Und schaut man in Listen bekannter Deadheads, stolpert man über Namen wie Toni Blair, Bill Clinton und Barack Obama, Steve Jobs, Steve Bannon und Al Gore, um nur einige der mächtigen Männer zu nennen, die sich vielleicht nostalgisch an Jugendtrips erinnern, über die sie in der Öffentlichkeit nichts erzählen.

So mutet der Bär wie ein heimlicher Verwandter des „Lions-Club“-Löwen an. Während der Löwe als offen zur Schau gestellte Insignie von Macht, exklusivem Reichtum und Philanthropie getragen wird, wirkt der Bär harmlos und unaufdringlich, wie eine Untertreibung. Als könne er gar kein Zeichen für eine Subkultur der Mächtigen sein.

Subkultur und Macht – wieder so ein Bärenparadox, das Tina Braegger mühelos mit einigen ruhigen Pinselzügen zur Leinwand bringt, während draußen der Baustellenbohrer im Industriewald creepy brüllt.

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