Die Goldenen 20er Jahre. Szene aus "Babylon Berlin". Foto: Frederic Batier/X Filme Creative Pool Entertainment/Degeto Film/Beta Film/Sky/dpa
© Frederic Batier/X Filme Creative Pool Entertainment/Degeto Film/Beta Film/Sky/dpa

Berlins neue 20er Jahre Die Zwanziger werden enorm herausfordernd sein

Die Goldenen 20er Jahre – die einstige Mischung von Rausch und Ratio, von Aufbruch und Zweifel, berührt auch ein aktuelles Zeitgeistgefühl. Ein Kommentar.

Sie heißen noch immer die Goldenen Zwanziger Jahre. Und besonders in Berlin wird der Mythos jener Roaring Twenties1920 ff. gar zu gerne beschworen: mit der Symphonie der Großstadt, mit dem flirrenden Sündenbabel, der Halbwelt und Hochkultur vereinenden Atmosphäre à la „Cabaret“ und „Dreigroschenoper“, mit dem Filmspuk von „Metropolis“ oder den Dichtern und Poetinnen im Romanischen Café, mit der jungen Marlene Dietrich, den Mann-Sisters, Tucholsky, Kästner, George Grosz und dem scharfzüngigen Kerr, mit dem revolutionären Piscator-Theater oder den opulenten Revuen im Admiralspalast.

Sind wir heute, einhundert Jahre später, schon wieder fast so weit?

Oder genauer gefragt: Hätten wir’s denn gerne wieder so? Berlin Babylon, aber bitte mit Smartphone. Das Wesen von Jubiläen ist indes, dass sich Gräber und Schatzgruben zu öffnen scheinen, wir aber im Gestern das Heute oder gar Wegweiser für die Zukunft suchen.

Im gerade vergangenen Jubiläumsjahr gab’s dazu die Frage nach der Aktualität von Humboldt und Fontane, und 2020 folgen nun Beethoven, Hegel und Hölderlin, die alle vor 250 Jahren geboren wurden. Wobei Georg Friedrich Wilhelm Hegel (der wohl klügste Schwabe, der jemals in Berlin gelandet ist) als Begründer der modernen Geschichtsphilosophie noch eine Lehre der Geschichte darin sah, dass „Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt“ und nach möglichen Lehren „gehandelt haben“.

Derart absolut würde Hegel dies heute kaum mehr formulieren. Trotz neuer reaktionärer Ausfälle von rechts außen und wieder gewachsenen inneren Spannungen ist die Berliner nicht mehr die Weimarer Republik, ist Europa nach hundert Jahren und einem zweiten Weltkrieg nicht mehr der globale Krisenkontinent. Trotz einiger alter Gespenster, hässlich genug, gibt es einen anderen Geist, andere Verfassungen und soziale Verhältnisse.

Die Zwanziger werden nicht langweilig werden

Tatsächlich war der Glanz der früheren Zwanziger auch ein Katzengold. Zwischen Nachkriegszerrüttung und Hyperinflation zum Anfang und der Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er Jahre trieben Kultur und Wissenschaften gleichwohl herrliche Blüten.

Babelsberg produzierte mehr Filme als Hollywood, 1921 bekam Albert Einstein den Nobelpreis für Physik, überhaupt ging vor den Vertreibungen und Verfolgungen der Nazis etwa ein Drittel aller naturwissenschaftlichen Nobelpreise an deutsche Forscher, und zwischen Berlin und München, Breslau und Köln existierten die weltweit avanciertesten drahtlosen Kommunikationsverbindungen. Im technologischen Vergleich kann Deutschland heute davon nur noch träumen.

International triumphiert die Luftfahrt 1927 mit Charles Lindberghs erstem Transatlantikflug, Alexander Fleming entdeckt ein Jahr später das Penicillin, Jazz und Swing sind Erfahrungen von New York, Berlin, Paris bis Schanghai, Bauhaus und neue Sachlichkeit prägten Architektur und Design von Dessau bis Chicago, bald auch von Tel Aviv bis Tokio.

Ein kultureller Hauch bereits von Globalisierung. Doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht. Was als „Tanz auf dem Vulkan“ längst vor 1933 formuliert wurde, trug auch bei zur Verdrängung: von krassester Massenarmut, grassierender Notprostitution, verdeckter Kinderarbeit, zynischer Ausbeutung.

Im Italien der Zwanziger regierte bereits Mussolini, im nachrevolutionären Russland war auf Lenin Stalin gefolgt, Hitlers unaufhaltsamer Aufstieg hatte Ende der Zwanziger Jahre begonnen, und als Marlene als Berlins „Blauer Engel“ tanzte, da hatte es schon 1930 geschlagen.

Bei allen Unterschieden, trotz allem Zeiten- und Klimawandel berührt die einstige Mischung von Rausch und Ratio, von Aufbruch und Zweifel, Traum und Verführung jetzt doch ein aktuelles Zeitgeistgefühl. Als Verheißung zudem, dass die neuen Zwanziger keine Boring Twenties sein werden. Sondern ein aufregendes, sehr herausforderndes Jahrzehnt.

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