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Ein Schild mit der Aufschrift "Beratung - Bitte nicht stören" in einem Berliner Jobcenter. Die Beraterinnen und Berater kehren langsam zurück in Ihre Büros. Foto: Susann Prautsch/dpa
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Berlins Jobcenter beraten per Telefon „Viele Menschen brauchen nur einen kleinen Schubs“

Die Pandemie hat auch Gutqualifizierte um den Job gebracht. Die Agentur für Arbeit will sie unterstützen – das ist nicht leicht ohne persönliche Begegnung.

Der Mann, der an diesem Vormittag den Hörer abnimmt, hofft, zum letzten Mal mit Stefan Weyer-Geers zu sprechen. Nicht etwa, weil ihm die Telefonkonferenz im Beisein einer Journalistin unangenehm ist. Im Gegenteil: Er klingt erfreut, als Weyer-Geers ihn begrüßt. 

Er wirkt aufgeschlossen und optimistisch, dass das, was vor ihm liegt, nun rasch gelingen wird: die Suche nach einem neuen Job. Stefan Weyer-Geers ist Arbeitsvermittler in der Arbeitsagentur Berlin Nord in Pankow und der Mann am Telefon in diesen Zeiten wohl eher die Ausnahme.

„Bis vor einem Jahr war ich Leiter des Kundenservices bei einem Start-up“, sagt der Mann, der 36 Jahre alt ist. „Dann kam Corona, ich hatte plötzlich meine drei Kinder zuhause – und konnte meinen Job nicht mehr mit der nötigen Konzentration machen.“ Ein Rauswurf sei es nicht gewesen, man habe sich verständigt: Getrennte Wege seien für alle das Beste.

Der Arbeitsplatz des Mannes war vor einem Jahr einer von vielen, die es plötzlich nicht mehr gab. Als sich der erste Coronafall in Berlin im März diesen Jahres jährte, waren gut ein Drittel mehr Frauen und Männer arbeitslos als vor der Krise. Viele derjenigen, die damals ihre Stellen einbüßten, haben noch immer keine neue Arbeit gefunden. 

Sie rutschen nun in die Langzeitarbeitslosigkeit, denn wer länger als ein Jahr auf Jobsuche ist, bekommt dieses Etikett. Und die Zahl der Langzeitarbeitslosen hat sich in Berlin im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Inzwischen fällt rund ein Drittel der Arbeitslosen in diese Gruppe. 

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„Das betrifft vor allem Menschen aus Branchen, die dauerhaft leiden“, sagt die Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit, Ramona Schröder, zum Tagesspiegel. „Der Tourismus ist besonders betroffen, die Hotellerie und Gaststätten, das Veranstaltungswesen. Aber auch die Reinigungsbranche, Reisebüros oder Firmen im Umfeld der Luftfahrtbranche.“ In anderen Branchen fehlen derweil Fachkräfte

Ein Problem ist laut Schröder, dass Menschen mitunter Fähigkeiten verlernen, je länger sie nicht arbeiten. Auch könnten sich negative Erfahrungen häufen, etwa durch Absagen. Wer mehrere Jahre ohne Stelle ist, kann den Anschluss an den technischen Fortschritt verlieren oder die Motivation für die Jobsuche einbüßen. Dequalifikation nennt sich das, es ist einerseits Wirkung und andererseits Ursache von Langzeitarbeitslosigkeit.

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Um solche Abwärtsspiralen zu stoppen, fordert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Berlin-Brandenburg eine Qualifizierungsoffensive. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) müsse eine offensivere Beratungs- und Weiterbildungspolitik betreiben, heißt es. Doch auch die Teilnahme an Umschulungen und Weiterbildungen ist im vergangen Jahr in der Region um 20 Prozent gesunken. Zum Beispiel Pflegekurse oder Schulungen im handwerklichen Bereich konnten nur schwer ins Internet verlagert werden.

Zu Beginn der Pandemie bekamen viele Vermittler eine andere Aufgabe

Auch die Beratung, die Arbeit von Stefan Weyer-Geers, hat unter Corona gelitten. Zu Beginn der Pandemie, als Firmen und Beschäftigte auf schnelle Hilfe angewiesen waren, setzte die BA viele Mitarbeitende aus der Vermittlung an die drängendste Aufgabe: das Kurzarbeitergeld. 

Die Folge war, dass Arbeitssuchende nicht so intensiv betreut und an Unternehmen vermittelt werden konnten. Gleichzeitig gab es plötzlich so viele Kunden – so nennt die Agentur Menschen auf Jobsuche – wie lange nicht mehr. Es galt, in kürzester Zeit eine Videokommunikation aufzubauen und die meisten der rund 12.000 Angestellten der Regionaldirektion ins Homeoffice zu versetzen.

Mittlerweile sind viele Vermittler:innen auf ihre eigentlichen Posten zurückgekehrt. Seit Jahresbeginn sinken die Anträge auf Kurzarbeit stark. Das merkt auch Mathias Haverland, Teamleiter in der Arbeitsagentur Berlin Süd in Tempelhof. „Vieles hat sich im Rahmen der Umstände normalisiert“, sagt er. 

Trotzdem sei der Turnus der Beratungsgespräche noch ganz nicht wie vor der Pandemie. Wer seinen Job verliere, führe immer ein längeres Erstgespräch, würde aber mitunter erst einmal nicht zu einem Zweittermin eingeladen. Von anderen Arbeitsvermittler:innen ist zu hören, dass Kunden teils auch noch immer länger als die als Zielmarke ausgegebenen 48 Stunden auf einen Rückruf warten.

"Die Art, wie jemand redet, verrät einiges über seine Motivation"

„Durch Corona ist das Risiko gewachsen, dass man die Entwicklung bei einem Kunden nicht eins zu eins begleiten kann“, sagt Mathias Haverland. Am Telefon ließen sich nicht alle Gesprächsmomente so aufnehmen wie von Angesicht zu Angesicht. Doch auch im telefonischen Beratungsgespräch ließen sich Motivation und Unterstützungsbedarfe in der Regel gut eruieren.

Bei Resignation könne ein Coaching helfen, das die Arbeitsagentur unter anderem über Bildungsgutscheine finanziert. „Viele Leute brauchen nur einen kleinen Schubs, um sich aus der Lethargie zu ziehen“, sagt Haverland. Wie viele Menschen hingegen dem Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr auf längere Sicht verloren gegangen sind, weil ihnen der Antrieb für die Jobsuche abhandengekommen ist, kann wohl niemand in Zahlen ausdrücken oder auch nur schätzen.

Der Mann, mit dem Stefan Weyer-Geers an diesem Vormittag telefoniert, möchte es nicht soweit kommen lassen. „Ich habe ein großes Netzwerk, hatte immer schnell Erfolg bei der Stellensuche“, sagt er. Nach dem Jobverlust vor einem Jahr begann er im November 2020, als Kundendienstleiter für einen Mobilfunkanbieter zu arbeiten – überstand aber die Probezeit nicht, weil das Unternehmen die Abteilung umstrukturierte. So landeten seine Daten wieder bei Stefan Weyer-Geers, die Langzeitarbeitslosigkeit steht ihm aber wegen der Beschäftigungsepisode aktuell nicht bevor.

Der Eingangsbereich des Jobcenters Berlin-Mitte in der Müllerstrasse im Berliner Ortsteil Wedding. Foto: imago/Müller-Stauffenberg Vergrößern
Der Eingangsbereich des Jobcenters Berlin-Mitte in der Müllerstrasse im Berliner Ortsteil Wedding. © imago/Müller-Stauffenberg

Der Arbeitsvermittler fragt den Mann am Telefon Kenntnisse ab. Solche, die im Stellenprofil für Vertriebsleitung hinterlegt sind, aber auch etwa Fremdsprachen. Beschwerdemanagement? Personalwesen? Kalkulationen? Ach, ein bisschen Japanisch sogar! 

Die Datenbank spuckt – bei breit angelegter Suche – 170 Jobangebote für den 36-Jährigen aus. Er ist offen: „Am liebsten ein Mittelständler, da komme ich mit den Abläufen besser zurecht. Aber ich nehme auch einen Großkonzern, Branche egal.“

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Branchenwechsel erlebten die Vermittler:innen in der Arbeitsagentur im vergangenen Jahr oft. Kulturmanager wurden zu Impfhelfern, Rezeptionistinnen zu Lagerlogistikerinnen im boomenden Lebensmittelhandel. 

Auch jetzt noch, wo der Neustart sogar in der gebeutelten Hotellerie und dem Veranstaltungssektor bevorsteht, orientieren sich Menschen vermehrt um. Denn niemand weiß, wie viel neue Beschäftigung etwa im Tourismus wieder entstehen wird – und wann.

Die Agentur für Arbeit rechnet für viele Berliner Branchen in 2021 durchaus wieder mit mehr Jobs auf dem Stellenmarkt. Wachstumstreiber sind laut Geschäftsführerin Ramona Schörder etwa die IT und die Kommunikationsdienstleistungen. Auch bei Erziehern, Sozialpädagogen, Lehrern, im Bauwesen, im Einzelhandel und in der Gesundheitswirtschaft gebe es Einstellungsbedarf. 

Für das Hotel- und Gastgewerbe gilt das allerdings nicht. Auch für den Messe- und Eventbereich erwartet Schröder in diesem Jahr keine Erholung mehr. Auch einen Termin, wann Vermittler:innen und Jobsuchende in der Arbeitsagentur wieder persönlich zusammenkommen können, gibt es noch nicht.

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