Heller die Gläser nie klingen. Ein schattiger Biergarten, vor sich ein kühles Helles, am besten ein großes- so lassen sich auch Berliner Hundstage höchst angenehm ertragen. Foto: Jan Woitas/ dpa
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Berlins Brauereiwesen Das Bier von hier

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Mehr Information als Lesevergnügen: Markus Raupach hat sich die Bierszene in Berlin und Potsdam angesehen

Ach, son Schäumen det bringt uns Berlina ja nach wie vor uff Touren - is doch so, oder? Berlin ohne Bier ist nicht Berlin, ein Klischee, aber ein ganz und gar zutreffendes. Nur hat sich dieses Verhältnis seit den großen Zeiten der Nachbarschaftsbrauereien des 19. Jahrhunderts immer wieder gewandelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich im Osten wie im Westen der Stadt eine Art Einheitsgeschmack durch, der fast nur noch die Wahl zwischen Kindl und Schultheiss auf der einen und Berliner und Bürgerbräu auf der anderen Seite ließ. Bis schließlich nach der Wende die Großbrauereien mit ihren Fernsehbieren alles zusammenkauften und noch uniformer machten.

Bier ohne Fabrik

In dieser Situation war die Gegenreaktion unausweichlich. Aus den USA und Skandinavien kam die Erkenntnis, dass Bier auch ohne Fabrik, dafür aber mit guten, ausgewählten Zutaten wie beispielsweise Frischhopfen statt Pellets gebraut werden kann, und dass es einen riesigen Haufen von Stilvarianten gibt, jenseits von Export, Pilsener und Hefeweizen. Das Craft-Bier, handwerklich erzeugtes Bier ohne Geschmacks- und fast ohne Preisgrenzen, eroberte die deutsche Szene. Und das rigide deutsche Reinheitsgebot, das viele gute Brauer schon lange als überflüssige Einengung empfinden, ging dabei oft gleich mit über Bord.

Berlin ist vorn mit dabei. Darüber ist viel geschrieben worden, das Standardwerk von Peter Korneffel („Biermanufakturen in Berlin“) ist schon drei Jahre alt, und da kann - Stichworte „Stone Brewing“ und „Brlo“ - eine Aktualisierung nie schaden. Markus Raupach legt sie jetzt vor und nutzt auch die Chance, Potsdam einzubeziehen, denn darüber war bislang weniger bekannt. Raupach ist ein umtriebiger Typ, firmiert als Verleger, Fotograf, Autor, trägt die Würden eines Biersommeliers, hat die „Deutsche Bier-Akademie“ gegründet und wurde zu einer der „50 bedeutendsten Bierpersönlichkeiten Deutschlands“ gewählt.

Fachlich ist ihm also nichts vorzumachen, er kennt die Szene, beherrscht die Terminologie bis hin zu so traulichen Begriffen wie „hopfengestopft“, und er hat, soweit ersichtlich, niemanden vergessen, der gegenwärtig eine Rolle spielt im neuen Bier-Berlin. Allerdings lesen sich seine mit Klischees und Phrasen überladenen Texte hölzern, ein gutes Lektorat hätte da sicher noch einiges retten können, hat aber nicht - und so bleibt es bei der Übertragung von Fakten für alle, die über „Gerstensaft“ und „Furore“ hinweglesen und auch akzeptieren, dass sich Bürgermeister X den Anstich natürlich „nicht nehmen lässt“, weil für sie der Spaß am Thema überwiegen mag.

Erst Euphorie, dann Ernüchterung

Aber wie geht es der Szene überhaupt? „Wo vor fünf Jahren noch Aufbruchsstimmung und Pioniergeist herrschten“, schreibt Raupach in seinem Vorwort, seien nun „Ernüchterung und Geschäftstüchtigkeit eingekehrt“. Und weiter: „Ein nicht geringer Teil der Szene befindet sich im Dauerkater.“ Darüber würde der Leser dann gern mehr wissen, aber Raupach bleibt die Details schuldig. Er zeichnet zwar akkurat nach, wer wann mit wem und wo welches Bier gebraut hat und auch wieder nicht, aber für den versprochenen Kater gibt es keinerlei konkrete Indizien.

Alle scheinen gute Kumpels mit unterschiedlichen Ansichten zum Reinheitsgebot zu sein, der Autor eingeschlossen, der seine Firmenporträts gern mal mit Sätzen wie „Wir sagen Prost und freuen uns auf die Zukunft“ beendet. Alle haben große Ideen und meist nur kleines Geld, mal verlässt ein Wichtiger die Bierbühne und andere, jüngere Freaks übernehmen, mal zwingt eine Mieterhöhung zum Umzug - wie das eben so ist unter Berliner Start-ups.

Völlig zu Recht wird Torsten Schoppe ein Kränzlein gewunden, dem Berliner Craft-Bier-Pionier, auf den viele Neugründungen zumindest indirekt zurückgehen; auch andere mutige Gründer wie Wilko Bereit oder eben, neu, der Stone-Chef Greg Koch werden angemessen gewürdigt.

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Recht interessant ist der Abschnitt, in dem es um „Berliner Bierlocations“ geht, jene Orte also, die vor der Erfindung des Craft Beer Kneipen hießen. Es handelt sich meist um schlichte Zapfstellen, von denen der unbewanderte Zecher meist gar nichts weiß - aber Sachkenntnis des Wirts und Qualität und Umfang des Angebots sind doch oft größer, als man vermuten würde, beispielsweise bei „Birra“ in Prenzlauer Berg, wo vor allem italienisches Bier aus den Hähnen läuft.

Markus Raupach: Die schönsten Brauereien in Berlin und Potsdam. Elsengold Verlag, Berlin. 144 Seiten, ca. 300 Abbildungen, 19,95 Euro. Foto: promo
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