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Berlin um das Rotes Rathaus und Fernsehturm herum. imago images/Dirk Sattler
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Berlins Bezirke suchen dringend 500 Fachkräfte Senat will endlich die Gesundheitsämter aufrüsten – ob das klappt, bleibt unklar

Es besteht wenig Hoffnung, dass Berlins Gesundheitsämter bald dauerhaft Fachpersonal finden. So zumindest hört sich das im Abgeordnetenhaus an.

Berlin braucht, das ist parteiübergreifend unstrittig, funktionierende Gesundheitsämter. In der Pandemie wurde das besonders deutlich. Fast 500 Stellen fehlen in den zwölf Gesundheitsämtern der Stadt – und zwar seit Jahren. Was wird der Senat dafür tun, die fehlenden Stellen in den Gesundheitsämtern zu besetzen?

Das fragte der FDP-Gesundheitsexperte Florian Kluckert im Plenum des Abgeordnetenhauses am Donnerstag. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) antwortete, man habe durchaus Erfolge bei den Besetzungen gehabt. "Doch durch die Pandemie hat sich die Situation auch verändert", sagte sie.

Die Stellen attraktiver zu machen, also auch besser zu bewerben, da sei noch "deutlich Luft nach oben", sagte Kalayci. Tatsächlich sind für die Gesundheitsämter die Bezirke zuständig, der Senat soll nur helfen. Rot-Rot-Grün hatte Geld für die Ämter bereitgestellt, sich auch angeboten, Ärzte, IT-Leute und Pädagogen zentral – also über die Landesebene – anzuwerben. Nicht alle Bezirke wollten das, auch weil sie sich von dieser Hilfe wenig versprachen.

Seit Wochen warnen Psychologen, Sozialpädagogen und Logopäden vor isolierten Jugendlichen, die seit Monaten kaum ihre Freunde und Mitschüler treffen. Vor Kindern – deren Sprache sich wegen fehlenden Kita- und Schulbesuchs schlecht entwickelt. Und vor allerlei häuslichen Problemen – insbesondere in ohnehin schwierigen Kiezen, um die sich nun weniger gekümmert wird.

Mit Blick auf die Pandemiebekämpfung durch die Gesundheitsämter, also temporäre Hilfe, sei aber viel passiert, sagte Kalayci. Die Senatorin zählte auf: Erstens, man habe Studierende für die Kontaktnachverfolgung gewinnen können. Zweitens klappe die Hilfe durch die Bundeswehr gut. Drittens, seien 80 "Scouts" des bundeseigenen Robert-Koch-Instituts (RKI) sowie "Abordnungen" aus Senatsverwaltungen für die Gesundheitsämter im Einsatz.

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Zum Amtsantritt 2016 schrieben SPD, Linke und Grüne im Koalitionsvertrag: Man unterstütze "die kooperative und koordinierende Funktion des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) insbesondere in den Bezirken". Dazu heißt es: "Personalvorgaben aus dem Mustergesundheitsamt werden vom Land finanziert." Schon damals fehlten 500 Therapeuten, Übersetzer, IT-Experten, Mediziner und Verwaltungskräfte.

Zu Jahresbeginn waren in Berlins öffentlichem Gesundheitsdienst 1558 Stellen besetzt

Grundlage für diese Zahl ist ein vor Jahren zwischen Bezirken und Senat vereinbartes Personalkonzept, das "Mustergesundheitsamt" (kurz: MGA). Vor einigen Wochen hatte Gesundheitsstaatssekretär Martin Matz (SPD) auf schriftliche Frage des FDP-Abgeordneten Kluckert erklärt: Zu Jahresbeginn 2021 seien in Berlins öffentlichem Gesundheitsdienst 1558 Stellen besetzt gewesen. Das sind mehr als die 1425 Stellen in 2016 – aber deutlich weniger als die mindestens 2000 Stellen, die für eine Metropole wie Berlin von SPD, Grüne und Linke für nötig befunden wurden.

"Die Nebenwirkungen der Pandemie werden erheblich sein"

Nach der Sitzung am Donnerstag sagte Kluckert: "Wer die Warnungen der Kinder- und Jugendpsychiater ernst nimmt, der weiß, dass die Nebenwirkungen der Pandemie erheblich sein werden. Wenn nach fünf Jahren Rot-Rot-Grün ein paar chaotisch auf die Straßen gemalte Fahrradstreifen das einzige ist, was diese Regierung als Bilanz vorzuweisen hat, ist das für Berlin einfach zu wenig."

Wie berichtet, fehlt in der Coronakrise das Personal für die sonst üblichen Kernaufgaben. Beispielsweise für die Hygienekontrollen in Betrieben, Heimen, Kitas, dazu Präventionsberatungen und Untersuchungen der angehenden Erstklässler. Am deutlichsten wurde der Personalmangel vergangenen Sommer. Tausende Kinder in Berlin wurden eingeschult, ohne amtsärztlich untersucht worden zu sein. Dass die obligatorischen Einschulungsuntersuchungen in Berlin ausfielen, war seit Jahrzehnten das erste Mal.

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