Vor 255 Jahren erwarb Friedrich II. vom Kaufmann Gotzkowsky dessen Porzellan-Manufaktur und machte sie zur Königlichen. Foto: picture alliance / dpa
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Berliner Wirtschaftsgeschichte Das Geheimnis der Methusalem-Firmen

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Drei Berliner Unternehmen machen Umsatz seit Jahrhunderten. Doch wie können sie sich so lange am Markt halten?

Kürzlich wurden die Einwohner unserer Hauptstadt durch einen furchtbaren Rauch erschreckt, der zwischen den beiden auf dem Gensdarmen-Markt belegenen Thürmen aufstieg und in weniger als einer Viertelstunde Zeit loderten aus dem Dach des dort belegenen Königlichen Schauspielhauses lichte Flammen empor.“ Laut den „Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen“ vom 31. Juli 1817 konnte die Feuerwehr gerade noch die umliegenden Häuser halbwegs schützen. Einer der Betroffenen, Ecke Charlotten-/Taubenstraße, war E. T. A. Hoffmann: „In den vorderen Zimmern sprangen nachher sämtliche Fensterscheiben, und die Ölfarbe an den Fensterrahmen und Türen tröpfelte von der Hitze herab.“

Wer heute die Schadenshöhe erfahren will, frage bei der Feuersozietät Berlin Brandenburg nach, die das Theater, wie alle Gebäude in Berlin, versichert hatte: 109 138 Reichstaler, 8 Groschen. Die Detailkenntnis mag überraschen, ist aber erklärlich, bereitet man sich doch aufs 300. Jubiläum vor, samt gründlich erforschtem, im Internet ausgebreitetem Rückblick auf diese bewegte Zeit.

Die Feuersozietät Berlin Brandenburg bereitet sich auf ihr 300. Jubiläum vor. 1718 regierte noch der Soldatenkönig. Foto: Thilo Rückeis
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Berlin sieht sich aktuell gerne als deutsche Start-up-Hauptstadt. Doch kaum weniger als durch die erfinderischen Jungspunde ist seine Wirtschaft geprägt durch Traditionsunternehmen wie die Feuersozietät – nach der Hamburger Feuerkasse zweitälteste Versicherung Deutschlands.

300 Jahre sind schwer zu toppen, den Späth’schen Baumschulen fehlen immerhin nur zwei Jahre, während die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM) schon im Namen zeigt, dass sie einer längst vergangenen Epoche entstammt. Allerdings ist sie erst 255 Jahre alt, unter den Methusalems des Berliner Wirtschaftslebens geradezu ein Junior, doch für sie stellt sich ebenso die Frage: Nach Jahrhunderten noch erfolgreich – wie schaffen die das?

Das Reglement des Soldatenkönigs

Auch die Geschichte der Feuersozietät begann königlich, wie dem Besucher des aus den dreißiger Jahren stammenden Firmensitzes Am Karlsbad 4–5 in Tiergarten gleich im Treppenhaus vorgeführt wird, durch ein Gemälde Friedrich Wilhelms I. Am 29. Dezember 1718 hatte der Soldatenkönig das „Reglement wegen der in Berlin aufgerichteten Sozietät zur Ersetzung eines entstehenden Feuerschadens“ unterzeichnet. Dahinter stand die Idee einer Risiko- und Solidargemeinschaft, zuvor blieben Geschädigte weitgehend sich selbst überlassen.

Frederic Roßbeck, Vorstandsvorsitzender der Feuersozietät Berlin Brandenburg Foto: Stefan Heigl
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Klickt man sich auf der Website der Feuersozietät durch deren Vergangenheit, meint man in einen Spiegel nicht nur der Berliner Geschichte zu blicken. Erste Katastrophen, an denen sie sich zu bewähren hatte, waren die Explosion des Pulverturms am Spandauer Tor 1720 und der Brand der Petrikirche zehn Jahre später, versicherungsrechtlich unproblematisch, aber wie sah es nach der Reichspogromnacht 1938 aus? Dagegen waren die Glasschäden durch die Krawalldemos der Hausbesetzerszene 1981 eine Bagatelle, aber doch teuer genug, um im Folgejahr bei der Bilanzpressekonferenz beklagt zu werden.

9/11 kam die Berliner Versicherung teuer zu stehen

Die Existenz wurde durch ein paar kaputte Scheiben nicht infrage gestellt, mit dem Anschlag in New York 2001 war das schon anders. Auch die Feuersozietät, nach der Wende und der erneuten, teuren Ausdehnung nach Ost-Berlin und Brandenburg an neuen Einnahmequellen interessiert, hatte sich am riskanten Geschäft der Rückversicherungen beteiligt. Das kam sie selbst und ihre eher klammen Träger Berlin und Brandenburg teuer zu stehen. Am Ende standen die Umwandlung zur AG und 2004 der Verkauf an ein Konsortium unter Leitung der öffentlich-rechtlichen Versicherungskammer Bayern. Bei ihr sind seit 2012 alle Anteile vereint.

Eine vorteilhafte Konstellation, wie Vorstandsvorsitzender Frederic Roßbeck und Vorstandskollege Frank A. Werner versichern. Waren es bei der Feuersozietät 2013 noch 632 000 Verträge (die längst nicht mehr auf Feuersbrünste beschränkt sind, sondern das ganze Versicherungsspektrum umfassen), so zählte man 2017 bereits 740 000. Insgesamt 136,3 Millionen Euro Bruttobeiträge flossen im Vorjahr in die Kassen, 110,1 Millionen durch Schadensfälle wieder raus. Rund 300 Beschäftigte zählt die Feuersozietät, knapp 50 das Schwesterunternehmen „Öffentliche Lebensversicherung“.

Das Geheimnis des Erfolgs? Über die Jahrhunderte liegt es für Roßbeck darin, dass es gelungen sei, moderne Antworten auf die Herausforderungen der Zeit zu finden. Auf die Gegenwart bezogen: dass das Unternehmen in einen großen leistungsstarken Konzern eingebunden sei, gleichzeitig aber – Rückversicherungen hat man abgeschworen – das Geschäft wieder strikt auf die Region fokussiere. Ein Netz von fast 700 Verkaufsstellen sei geknüpft worden, mit 130 Agenturen und geschulten Kräften in den Sparkassen. Die Feuersozietät sei führender Versicherer der Kommunen, engagiere sich durch Sponsoring in so unterschiedlichen Bereichen wie den Landessportbünden, Feuerwehren, Staatlichen Museen oder auch dem Nachbarschaftsheim Schöneberg. Versichert in Berlin habe man etwa den Flughafen Tempelhof und, ja, ebenso die Deutsche Oper mit ihrem Wasserschaden Ende 2017.

Doe Späth'schen Baumschulen in Treptow wurden vor 298 Jahren gegründet, damals noch als Gärtnerei vor dem Halleschen Tor. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Auch bei der Gründung der Späth’schen Baumschulen am 11. September 1720 durch Christoph Späth, noch als Blumen- und Gemüsegärtnerei vor dem Halleschen Tor, regierte der Soldatenkönig. Der soll nach dem Exerzieren auf dem Tempelhofer Feld gerne dort abgestiegen sein, um ein paar Möhren aus der Erde zu ziehen und zu verspeisen. Erst 1864 wurde der Betrieb zum späteren Ortsteil Baumschulenweg verlagert, stiftete dort diesen wie auch andere Namen, so zuletzt den der Neuen Späthstraße, Verbindung der alten zur Autobahn.

Schon Bismarck ließ sich hier beraten

Ende des 19. Jahrhunderts war aus der Gärtnerei die größte Baumschule der Welt geworden. Sie lieferte ihre Pflanzen, oft eigene Züchtungen, bis nach Übersee. Auch in dieser Firmengeschichte spiegeln sich Berliner und deutsche Historie. Reichskanzler Otto von Bismarck, der sich von Inhaber Franz Späth gärtnerisch beraten ließ, taucht darin ebenso auf wie Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamts, der Hellmuth Späth, Sohn von Franz, am 15. Februar 1945 in Sachsenhausen erschießen ließ, wegen angeblicher „Kriegswirtschaftsvergehen“, wohl auch wegen seiner Beziehungen zu Juden.

Den schwierigen Weg des zu DDR-Zeiten volkseigenen Betriebs in die Marktwirtschaft hat Holger Zahn seit 1987 aus nächster Nähe verfolgen können – anfangs als Hilfsgärtner, mittlerweile als Geschäftsführer, Chef eines Unternehmens mit rund 60 Mitarbeitern, vier Millionen Euro Umsatz und, wie er betont, mit über 80 000 lieferbaren Pflanzen im Sortiment „letzter Komplettanbieter“ im Berliner Raum.

Außerdem produziere man auch als Baumschule, bei den großen Pflanzencentern und Baumärkten sei das nur selten der Fall. Diese aber beliefert er nicht, setzt bewusst nicht auf den Zwischenhandel der großen Ketten, vielmehr auf den Endkunden, Familien, Gartenbaubetriebe, Gärtnereien. So kann Zahn sich auf einen Kundenstamm von 500 Firmen pro Jahr verlassen. Und er setzt aufs Erlebnis, mit Hofcafé und -laden, Pflanzenverkauf, Kräuter-, Gräser-, Skulpturengarten und Veranstaltungen wie dem Traditionsfest zum 298. Geburtstag an diesem Wochenende, am alten Standort Späthstraße 80/81.

Holger Zahn, Geschäftsführer der Späth'schen Baumschulen in Treptow. Foto: Daniela Incoronato
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Den hat er von der Eigentümergesellschaft gepachtet, die das Areals nach der Rückübertragung der Familie Späth abgekauft hatte. Die Freilandproduktion allerdings wurde Anfang des Jahres auf Pachtflächen in Brandenburg verlagert, Hintergrund war ein noch immer nicht ausgestandener Streit mit der BSR um Straßenreinigungsgebühren an der Neuen Späthstraße. Sie war als gebührenpflichtige Anliegerstraße eingestuft worden, obwohl es dort keine Anwohner gibt, grenzte vielmehr an Zahns Anbauflächen. Etwa 30 000 Bäume hat er wegen des Umzugs schreddern müssen, das Umsetzen aufs neue Pachtland hätte ihn personell wie finanziell überfordert. Und auch der Sommer hat ihm arg zugesetzt. Denn obwohl drei-, viermal mehr als sonst gewässert wurde: Die Pflanzen seien ja nicht doof, weiß Zahn, stellten bei so viel Hitze einfach das Wachstum ein. Der Kunde kaufe aber mit dem Auge, und das bedeute: Er kaufe nicht.

Friedrich II. adelte die KPM

Der vor allem an Militaria interessierte Soldatenkönig hätte sich nie und nimmer einen Porzellanladen zugelegt, sein Sohn Friedrich II. sah das anders. Und als der Berliner Kaufmann Johann Ernst Gotzkowsky mit seiner seit 1761 bestehenden Porzellan-Manufaktur in finanzielle Schwierigkeiten geriet, kaufte der König ihm das Unternehmen am 19. September 1763 ab, heute vor genau 255 Jahren, und machte sie zur Königlichen, samt blauem Zepter als Markenzeichen. Auch die KPM-Chronik liest sich wie ein Streifzug durch die Berliner, deutsche, ja europäische Geschichte. Nach der Revolution 1918 war sie nur noch die Staatliche Porzellan-Manufaktur, was erst der West-Berliner Senat 1988 revidierte, der die KPM zugleich zur GmbH umwandelte.

Ähnlich wechselhaft war der wirtschaftliche Erfolg. Kurz nach der Jahrtausendwende herrschte Dauerkrise, war sogar von Bankrott die Rede. Das änderte sich 2006 mit der Übernahme durch Jörg Woltmann, gemeinsam mit einem Kompagnon, Vorstand der Allgemeinen Beamten Bank. Mittlerweile darf sich der Inhaber über jährlich zweistellige Zuwachsraten freuen, beschäftigt mehr als 200 Mitarbeiter und hat das eigene Verkaufsnetz in Deutschland auf 13 Stores erweitert, bei einem Exportanteil von 15 Prozent, wobei sein weißes Gold vor allem nach Europa, China und in die USA geht.

Jörg Woltmann, Inhaber der Königlichen Porzellan Manufaktur Berlin. Foto: Mike Wolff
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Schwarze Zahlen habe man allerdings noch nicht erreicht, sagt Woltmann, das habe vor allem an den hohen Investitionen gelegen, etwa für die digitale Infrastruktur, die neuen Stores, die internationale Markterschließung. Ein sehr großer Kostenfaktor sei auch „die Erhaltung und Pflege des Kulturguts KPM“. Das habe er unterschätzt und daher 2016 die Stiftung Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin gegründet, die einen Großteil des Aufwandes übernehme. „Ohne diese Kosten hätten wir ein positives Ergebnis erzielt. So wird es noch zwei Jahre dauern.“

Eine Currywurstschale mit Tradition

Als essenziell für die Zukunft der KPM sieht Woltmann die Nachwuchsförderung. Um die handwerklichen Kenntnisse weiterzugeben, bilde man die Mitarbeiter konsequent selbst aus. „Unsere Handarbeit und die so entstehenden Porzellane sind das Zentrum des Erfolgs“, sagt der KPM-Inhaber. Deshalb investiere man auch weiter in ihre Qualität, gehe zugleich neue Wege und erschließe neue Zielgruppen, etwa mit neuen Designs. Das Besondere der KPM-Produkte sieht er darin, dass „unsere Porzellane – übrigens alle aus der kreativen Feder unseres Chefdesigners Thomas Wenzel vor Ort entwickelt – vom ersten bis zum letzten Handgriff per Hand und ausschließlich an unserem Standort in Tiergarten gefertigt“ werden, also wirklich „handmade in Berlin“ seien.

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Absoluter Renner bei den Kunden, damals wie heute, sei das Kurland-Service, dessen traditionelles Design von 1790 in die heutige Zeit mindestens genauso gut passe wie in die seiner Entwicklung, für Woltmann eine Verschmelzung von „Tradition und Moderne“. Das ist es in der Tat: Zum Kurland-Service gehört jetzt auch eine Currywurstschale.

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