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Die scheidende Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Foto: imago/Stefan Zeitz
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Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher „Dinge, die nicht entstehen, sind oft ein Segen“

Die scheidende Senatsbaudirektorin war über 14 Jahre im Dienst in Berlin. Im Interview spricht sie über Niederlagen und warum sie heilsam sein können.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher lässt sich überraschend auf eigenen Wunsch Ende Juli in den Ruhestand versetzen. Ein Gespräch zur Bilanz ihres Wirkens.

Noch vor der Wahl, ohne Ankündigung, nach 14 Jahren einfach so in den Ruhestand – warum gehen Sie, Frau Lüscher?
Ich habe in über 14 Jahre und in den verschiedensten Koalitionen unter Rot-Rot, Rot-Schwarz und Rot-Rot-Grün sehr viel erreicht. Meine schönste Zeit waren die letzten fünf Jahre. Schöner und besser wird’s nicht mehr. Für mich ist diese Ära in Berlin abgerundet. Ich bin erfüllt, stolz, dankbar und es war mir eine große Ehre. Aber jetzt ist einfach die Zeit für andere Dinge.

Welche Art von Dingen?
Ich bin ja Vollblutarchitektin, habe selber entworfen und gebaut. Ich habe eine starke kreative und handwerkliche Seite und eine künstlerische. In diesem Bereich werde ich eine Ausbildung machen. Ich höre auf, weil ich wieder beginnen will. Ein weiterer Grund ist, dass ich einfach Zeit haben will für meine Familie, und natürlich für meinen Mann. Wir haben 14 Jahre lang eine Fernbeziehung geführt. Das reicht jetzt.

Wer war Ihr Lieblingssenator?
Schwere Frage. Ingeborg Junge-Reyer bin ich dankbar, dass sie den Mut hatte, mich nach Berlin zu holen, obwohl ich von außen kam. Ich vermute, dass Klaus Wowereit seinen Anteil daran hatte. In der Stadt gab es damals den großen Streit zwischen Ost und West, es bedurfte einer Versöhnung und Zusammenführung der beiden Teile. Ich gehörte keinem Lager an, war in keiner Partei. Das haben die beiden gesehen und mich deshalb geholt.

Wie war die Zusammenarbeit mit Michael Müller als Stadtentwicklungssenator?
Er ist eine Person, die erst einmal Vertrauen aufbauen muss, das ging aber sehr schnell. Michael Müller hat die Zeichen der Zeit erkannt, dass Berlin wächst, dass man Wohnungen braucht. Ich rechne ihm seine große Unterstützung für das Projekt einer Internationalen Bauausstellung hoch an, auch wenn diese innerparteilich 2013 scheiterte. Er hat gesehen, dass wir über Stadtentwicklung nachdenken müssen und darüber wie wir wohnen wollen, bevor wir massenhaft bauen.

Dann kam Andreas Geisel.
Und es gab keinen Zweifel, dass er mit mir weiterarbeiten wollte. In dieser Zeit war die Arbeit an der Staatsoper prägend. Hochhäuser waren unser gemeinsames Thema. Da war schon mehr Druck von Investoren da. Wir waren uns einig, dass Türme zu Berlin gehören. Ich hatte immer loyale Senatoren an meiner Seite.

Lange her: Lüscher im Jahr 2007 vor dem Engelbecken in Kreuzberg. imago/Sven Lambert Vergrößern
Lange her: Lüscher im Jahr 2007 vor dem Engelbecken in Kreuzberg. © imago/Sven Lambert

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Ihre größte Enttäuschung?
Dass Katrin Lompscher gehen musste. Mit ihr hatte ich eine fachliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Wir haben gemeinsam, sie als gelernte Stadtplanerin und ich als Architektin, die Werte der sozialen und gestalterischen Stadtentwicklung hochgehalten. Das war noch einmal eine andere Qualität. Es war auch das beste persönliche Verhältnis, weil wir uns am längsten kannten.

Und Lompschers Nachfolger?
Sebastian Scheel hat den Wechsel vom Staatssekretär, wo wir noch Kollegen waren, zum Senator binnen drei Tagen geschafft. Trotzdem hat sich unser Verhältnis nicht verändert. Das muss ich ihm sehr hoch anrechnen. Er gab mir immer das Gefühl, meine Fachkompetenz und politische Erfahrung zu achten, hat mir zu 100 Prozent vertraut. Außerdem ist er ein wahnsinnig sympathischer Mensch.

Ihre größten Niederlagen?
Das Meininger-Hotel am Hauptbahnhof, das ist unterirdisch.

Sie meinen das plattenbauartige Gebäude neben dem Hauptbahnhof, das eine Debatte über die schlechte Berliner Architektur auslöste.
Das ist zwar nicht durch unser Zutun entstanden, aber vielleicht hätte ich noch was verhindern können. Dafür wurden wir zurecht wahnsinnig kritisiert. Das hat aber wiederum dazu geführt, dass ich relativ früh aus dem Parlament und der Öffentlichkeit große Unterstützung für meinen Vorschlag bekam, Wettbewerbe durchzuführen und ein Baukollegium zu etablieren. Das haben einige Bezirke als Bevormundung empfunden. Am Ende war die Niederlage der Ausgangspunkt für eine wichtige, positive Entwicklung.

Das ist lange her und später?
Dass die IBA nicht zustande kam, hat mich sehr geschmerzt. Es wäre bitter nötig gewesen, frühzeitig über Fragen der Nachhaltigkeit zu sprechen und wie wir den Bestand weiter entwickeln können. Wie können wir Siedlungen sozial und nachhaltig weiterbauen? Tempelhof war auch eine Niederlage. Dass das Feld überhaupt geöffnet wurde, war ein Verdienst von mir und Junge-Reyer. Aber es war eine Enttäuschung, dass wir nicht bauen konnten. Aus heutiger Sicht kann ich es verstehen. Unsere Planungen waren einfach nicht gut genug. Dieses Feld verdient etwas Besseres. Deshalb sind Dinge, die nicht entstehen, oftmals ein Segen für die Stadt. Weil die Planungen noch nicht ausgereift sind oder weil die Stadt noch nicht reif dafür ist.

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War der politische Druck schuld?
Ja, sicher, wenn der politische Druck zu groß ist und die Einsicht zu wenig ausgeprägt ist, dass gute Dinge Zeit brauchen. Das war auch ein riesiges Thema bei der Staatsoper, wie sich im Untersuchungsausschuss zeigte. Die Politik hatte absolut unrealistische Termine vorgegeben. Wir hatten darauf massiv hingewiesen. Das führte zu Verschiebungen und geplatzten Terminen. In Tempelhof war es ähnlich. Es war ein zu großer Druck, dort ganz schnell Wohnungen zu bauen und die Zentral- und Landesbibliothek auf dieses Feld zu stellen. Leider wurde bis heute die Möglichkeit verpasst, eine Zentrale Landesbibliothek in das Airport-Gebäude zu bauen. Kurzum, wenn die Zeit noch nicht reif ist, dann läuft es schief.

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Und die schönen Dinge der Amtszeit?
Da gibt es vieles. Das Baukollegium und die stark verbesserte Dialogkultur in Berlin. In den letzten fünf Jahren haben wir das Thema Partizipation und Beteiligung auf ein professionelles Level gehoben. Das strahlt über Berlin hinaus. Ein gutes Beispiel ist die Neugestaltung der Freifläche vor dem Roten Rathaus. Hier gab es lange regelrechte Grabenkämpfe. Dass wir einen Konsens fanden, dessen Bürgerleitlinien vom Parlament beschlossen wurden, war großartig. Dann gibt es das Baukollegium, in dem Baukultur öffentlich diskutiert und in 87 Sitzungen Projekte vorangebracht wurden. Wir brachten den Holzbau zum Fliegen, die Schulbauoffensive, Sporthallen- und Kita-Bau.

Und Tegel?
Tegel ist meine Kür. Ein Holzbauquartier, das wir mit der Urban-Tech-Republik entwickeln, mit einer Bauhütte 4.0. So verhelfen wir Berlin zusammen mit Brandenburg zu einem Kompetenzcluster bei der Holzproduktion und -verarbeitung. Das hat einen Maßstab, der mich stolz macht. Ich würde gern noch eine Sache ansprechen, die mir wichtig ist.

Unbedingt!
Dass ich mit allen Senatoren und Mitarbeitern eine Kulturveränderung nach innen bewirkt habe. Nur mit guter Verwaltung kann man etwas wuppen. Im Jahr 2016 mussten wir 25 Prozent der Stellen einsparen. Das haben wir in einem beteiligungsorientierten Prozess gemacht, durch Veränderung der Organisation und Struktur. Eigentlich müssten solche Einsparungen depressiv machen. Zusammen mit dem damaligen Senator Müller und Staatssekretär Gäbler haben wir Hunderte Sparvorschlägen geprüft. Es war in einer wahnsinnig heißen Sommernacht, nach einer Rede von Obama bei seinem Berlin-Besuch. Da haben wir beschlossen, Leistungen zu reduzieren und nicht einfach Stellen zu sparen.

Zum Abschied sollen Kritiker nicht unerwähnt bleiben. Haben Sie mit einer Clique Gleichgesinnter aus Zürich ihre Doktrinen durchgesetzt?
Das Gegenteil ist der Fall: Für die Schweizer Architekten war es sogar härter, weil ich mich immer gescheut habe, in Wettbewerben Schweizer Büros auszuwählen. Denn eine solche Entscheidung hätte, völlig unabhängig von der Qualität der Büros, sofort diesen Reflex hervorgerufen.

Ich habe mir deshalb eine große Beschränkung auferlegt. Das ist mitunter auch schade, weil die Schweiz bekannt für gute Architektur ist. Wenn diese in Berlin bauen, dann, weil andere als ich sie vorschlugen. Im Übrigen bin ich immer nur ein Teil eines größeren Preisgerichtes. Und es sind fast immer einstimmige Entscheidungen.

Die Ordre du mufti war nie mein Ding. Ich führe Gespräche über Architektur im Team. Die Leute kommen aus unterschiedlichen Kulturen und haben unterschiedliche Blicke. So kommen Entscheidungen zustande, die reifer sind. Es ist daher vermutlich ein Vorwurf, der aus der Zeit meines Vorgängers erhalten blieb und der auf mich übertragen wurde.

Also keine Netzwerke?
Natürlich habe ich meine Netzwerke, das sind die Gremien und Preisgerichte. Aber die sind nicht auf der Auftragsnehmerseite. Das ist der wesentliche Unterschied. Mein Anspruch ist es, Architektur für und mit Menschen zu machen und zwar bis in die Details der Nutzung hinein. Dabei spielen Material und Ausstrahlung des Objektes eine Rolle und wie ein Haus die Seele der Menschen trifft. Wo das nicht gelingt, ist es schlechte Architektur.

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