Berlins Schulen suchen händeringend nach Lehrern. In diesem Jahr müssen sie noch mehr Kompromisse machen. Foto: Heiko Wolfraum/dpa
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Berliner Schulen Nur ein Drittel der neuen Lehrer sind auch richtige Lehrer

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Personalnotstand auf neuer Stufe: Erstmals hat das Land Berlin 900 Kräfte eingestellt, die kein Schulfach studiert haben. Sie gelten damit nicht einmal als Quereinsteiger.

Nur 37 Prozent der zum neuen Schuljahr eingestellten Lehrkräfte können ein abgeschlossenes Lehramtsstudium vorweisen. Das geht aus Zahlen der bezirklichen Schulpersonalräte hervor, die die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Mittwoch präsentiert hat. Demnach sind unter den etwa 2700 neu eingestellten Lehrkräfte nur gut 1000 reguläre Lehrer. Erstmals konnten die Lücken nicht nur durch Quereinsteiger gefüllt werden: Es gibt inzwischen nicht mehr genug Bewerber, die zumindest ein Fach studiert haben, das mit einem Schulfach verwandt ist. Das hatte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) schon im Juni in Aussicht gestellt und von einem "Gap" bei der Lehrerversorgung gesprochen.

Die Quereinsteiger machen sogar laut GEW nur noch 28 Prozent der Neueinstellungen aus - ihre Gesamtzahl beträgt 750. Die restlichen freien Stellen wurden mit über 900 Lehrkräften besetzt, die kein Schulfach studiert haben. Diese so genannten Lehrer ohne volle Lehrbefähigung ("LovLs") können etwa Archäologen sein, die dann Geschichte unterrichten oder Dozenten, die eine Fortbildung im Bereich "Deutsch als Fremdsprache" vorweisen können. Ihr Anteil an den Neueinstellungen beträgt somit 34 Prozent. Da sie nicht für den Quereinstieg infrage kommen, erhalten sie in der Regel nur Fristverträge.

"Tricks der Senatorin"

„Wir erkennen an, dass Senatorin Sandra Scheeres es trotz des gravierenden Fachkräftemangels geschafft hat, alle offenen Stellen zu besetzen“, betonte der Vorsitzende der GEW, Tom Erdmann. „Allerdings musste sich die Senatorin dafür einiger Tricks bedienen". So rechnet die Senatorin erstmals auch Willkommenslehrkräfte, Pensionäre und Masterstudierende in das Einstellungskontingent mit ein, "um die Statistik aufzubessern“. Die Bildungsverwaltung bestritt die GEW-Zahlen nicht, betonte aber, dass diese Lehrkräfte „in hoher Zahl“ von den Schulleitungen selbst eingestellt worden seien.

Es sei „ungeheuerlich“, ihre Einstellung als „erklärten Willen der Schulleitungen darzustellen“, kommentierte Dieter Haase vom Gesamtpersonalrat den Hinweis der Bildungsverwaltung. Die Schulleiter hätten angesichts des Lehrermangels keine Alternative. Diese Lehrkräfte seien gewissermaßen die „Strohhalme“ für Schulleiter, die auf einem „sinkenden Schiff“ säßen.

Nachqualifizierung gefordert

„Der Einsatz von „Lovls“ ist selbstverständlich besser als unbesetzte Stellen“ meinte die bildungspolitische SPD-Sprecherin Maja Lasic. Jetzt sei es aber entscheidend, die Vorbereitung und Begleitung der Kräfte abzusichern, die es seit diesem Schuljahr für die Quereinsteiger gebe. Ohne den Auf- und Ausbau von Qualifizierungsangeboten „drohen massive Qualitätsverluste im Schulsystem“, mahnte auch Marianne Burkert-Eulitz von den Grünen. Die Bildungsverwaltung kündigte denn auch nach Bekanntwerden der Einstellungszahlen an, die nicht hinreichend ausgebildeten Lehrkräfte „zu qualifizieren, um bei entsprechender Bewährung befristete Verträge zu entfristen“.

Der GEW-Vorsitzende Erdmann wies darauf hin, dass es sich bei den Zahlen um Durchschnittswerte handele und sich der Mangel an Schulen in schwierigen sozialen Lagen vermutlich „noch weit drastischer darstellt“. Er forderte ebenso wie SPD-Fraktionschef Raed Saleh und Lasic, die Verantwortung für Quereinsteiger und und die anderen Lehrkräfte auf alle Schulen „gerecht zu verteilen“.

CDU sieht "Niedergang der Qualität"

Auch die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Hildegard Bentele, kritisierte, dass Scheeres Schulen mit schwieriger Schülerschaft „durch entsprechende Steuerung immer noch nicht davor schützt, dass sie komplett abgehängt werden, weil keine Fachkraft mehr vor Ort ist. „Der Bildungsnotstand ist da und in Berlin ist er hausgemacht von der SPD, die das Ressort seit über 20 Jahren verantwortet“, sagt Bentele. Schon 2017 seien an vielen Schulen über 50 Prozent Quereinsteiger „ohne jegliche pädagogische Ausbildung“ eingestellt worden. „Wir erleben einen dramatischen Niedergang der Unterrichtsqualität, weil Studien- und Referendariatsplätze viele Jahre lang nicht kontinuierlich aufgestockt wurden.“

28 neue Professuren für die Lehrerbildung

Tatsächlich haben die Universitäten noch bis 2015 jährlich weit über 1000 Bewerber für die Lehramtsstudiengänge abgelehnt – insbesondere im Grundschulbereich, wo inzwischen der Mangel am größten ist. Erst als sich abzeichnete, dass es 2016 nur noch 175 ausgebildete Grundschullehrer für 1000 offene Stellen gab, wurden die Kapazitäten aufgestockt. In den neuen Hochschulverträgen ist erstmals festgeschrieben, dass die Universitäten jährlich 2000 Lehrer ausbilden müssen. Als Konsequenz gab der Regierende Bürgermeister, Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) am Mittwoch bekannt, dass die Universitäten mindestens 28 zusätzliche Professuren und über 130 weitere wissenschaftliche Stellen für die Lehrerbildung einrichten. Zudem sollen 16 Millionen Euro in neue Seminargebäude für Pädagogik fließen.

Die CDU kritisierte erneut, dass Berlin nicht versucht, mittels Verbeamtung attraktiver für den Nachwuchs zu werden. Weder die Koalition noch die GEW sehen darin eine Lösung der Probleme, weil der Lehrermangel bundesweit auch Bundesländer betrifft, die verbeamten.

Gewerkschaft: "Berlin drohen hunderte Kettenverträge"

Die GEW möchte jetzt von der Senatorin wissen, welchen Ausbildungsgrad die Lovls haben und auf welcher rechtlichen Grundlage ihre Einstellung erfolgte. „Angesichts der vielen befristeten Einstellungen drohen Berlin hunderte Kettenverträge, denn auch in den nächsten Jahren wird sich die Bewerbungslage nicht wesentlich verbessern", erwartet Erdmann.

Scheeres will sich an diesem Donnerstag zur Lehrkräfteversorgung äußern.

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