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Jedes Jahr wird beim Projekt „Abenteuer Oper“ gebastelt, gespielt und aufgesagt. In n der Pandemie wird improvisiert. Aurelio Schrey
© Aurelio Schrey

Berliner Schüler und die Komische Oper So wird Mozarts Zauberflöte virtuell geprobt – und aufgeführt

Die Komische Oper führt mit Kreuzberger Schülern Mozarts Zauberflöte auf – virtuell. Gemeinsam kreativ sein hilft den Kindern durch die Pandemie.

Die Kinderköpfe sind umrandet von einem dicken, weißen Rahmen aus Papier. Den haben sie selbst gebastelt und halten ihn sich nun vors Gesicht. Dann bewegen sie sich plötzlich alle, werden in ihrem Rahmen größer – wie rangezoomt – und entfernen sich dann gleich wieder. „Jetzt die Süßigkeit reichen“, ertönt eine Stimme. „Ganz langsam.“

In jedem der Video-Fenster bewegt sich nun eine Kinderhand, ein in Papier eingewickeltes Bonbon zwischen den Fingern, wie in Zeitlupe auf den Betrachter zu, immer weiter. Zuerst durchstößt sie den weißen Papierrahmen, wirkt dann, als könne sie auch gleich durch den Bildschirm brechen. „Seht ihr das?“, fragt Workshop-Leiterin Anne-Kathrin Ostrop. „Es ist, als könnten wir zaubern.“

Die Theaterpädagogin der Komischen Oper Berlin probt mit 18 Schüler:innen der Klasse 5a der Kreuzberger Otto-Wels-Grundschule für ein Stück, das sie am Freitag digital aufführen: Mozarts Zauberflöte.

Bereits seit zwölf Jahren bringen die Komische Oper und die Stiftung Berliner Leben des Wohnungsunternehmens Gewobag das „Abenteuer Oper!“ auf die Bühne. Grundschüler:innen aus strukturschwachen Kiezen üben eine Woche lang gemeinsam. Am Ende steht neben dem eigenen Auftritt auch der Besuch einer richtigen Oper des Hauses auf dem Programm. Das geht aufgrund der Pandemie nicht. Die Initiator:innen verlegten das Ganze deshalb ins Internet.

In zwei Vormittagssitzungen täglich kommen die Kinder über Zoom zusammen. „Damit loten wir eigene Ausdruckswege aus“, sagt Ostrop. So lässt sich mit dem Bilderrahmen-Effekt das Virtuelle zum „analogen 3D“ verformen, sagt sie. Auch die Rückkopplungen, die entstehen, wenn alle Mikros eingeschaltet sind, werden als Klangeffekte eingesetzt. „Das gibt der Szene etwas ganz Unheimliches“, sagt Ostrop. Nach monatelanger Erfahrung im Homeoffice würde ihr so mancher Erwachsener dabei zustimmen.

Die Kinder haben die Bastelmaterialien kostenlos erhalten

Die meisten der Kinder stammten aus Familien mit nichtdeutscher Muttersprache, sagt Ostrop. In den meisten Fällen seien die Familien auf die staatliche Grundsicherung angewiesen. Um bei dem Opernprojekt mitzumachen, haben alle Kinder die notwendigen Bastelmaterialien kostenlos erhalten. Wer keinen Laptop und auch kein Smartphone hatte, bekam ein Tablet von der Schule ausgeliehen.

Das Ergebnis beeindruckt. Die selbst gebastelten Masken, die alle Kinder bei der Probe tragen, leuchten in vielen Farben. Sie sind aus goldenem und silbrigem Papier oder aus bunt bemalten Papptellern gemacht, mit Smaragden, Rubinen oder Saphiren aus geschliffenem Plastik versehen und mit gefleckten Vogelfedern verziert. Einige Kinder haben sich bei den Augen-Ausschnitten verschätzt, oder ihre Maske verrutscht leicht – bisweilen ist von ihnen jedenfalls nur ein Auge, manchmal auch gar keins zu sehen.

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„Zu unserer Klasse gehören auch Schüler mit Förderbedarf“, sagt Lehrer Roland Gröger. Er ist einer von vier Lehrkräften, die in der Otto-Wels-Schule das Opernprojekt betreuen. Das gelte mit Blick auf Lernen, geistige Entwicklung, Sprache oder sozial-emotionale Entwicklungsstörungen.

Und die Lehrer merken: Die Arbeit an der Oper hat die Kinder verändert. „Gerade diejenigen, die im Sprachunterricht Schwierigkeiten haben und sich auch selten melden, haben mich hier überrascht“, sagt Musiklehrer Daniel Kisters. Die alten Rollen drehten sich auf einmal um.

Das steigere das Selbstvertrauen der Kinder. Gröger sagt, dass auch die Medienkompetenz und Teamfähigkeit steigen. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl sei durch das Projekt gewachsen, sagen die Lehrer. Das sei umso wichtiger, als viele der Kinder zu Hause wenig Unterstützung erführen. Lehrerin Brunhilde Focke, die „Abenteuer Oper!“ begleitet, findet, es helfe den Schüler:innen außerdem dabei, während des Distanzunterrichts Kontakt zu halten.

Nichts Süßes essen dürfen - eine Herausforderung

An einem Tag stimmen die Kinder vor der Probe ein Geburtstagslied an. Adam ist elf geworden. Aus dem Zimmer, das er sich mit seinem Bruder teilt, spielt er Papageno – die Hauptrolle. Seine Lieblingsstelle? Der Teil, in dem Papageno und sein Freund nichts Süßes essen dürfen, sagt er. Eine Herausforderung.

Im Erzähltext, den Initiatorin Ann-Kathrin Ostrop vorliest, hieß es: „Die Prüfungen, die Tamino und Papageno bestehen müssen, sind wirklich schwierig und machen ihnen Angst.“ Die Schüler:innen bekamen darum im Laufe der Vorbereitung die Aufgabe, einander auch von eigenen Herausforderungen zu erzählen. „Manchmal kam auch das Thema Corona auf“, sagt Ostrop.

Die ursprüngliche Idee sah vor, die Workshops mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz in der Schule zu halten. Die bunten Masken sollten den Kindern helfen, auch mit dem Mundschutz spielerisch umzugehen, um letztlich besser damit auszukommen. „Im Theater sind Masken durchweg positiv aufgeladen“, sagt Ostrop. In der Zauberflöte gehe es außerdem um die Suche nach dem persönlichen Glück, sagt Anne Schmedding, Projektleiterin bei der Stiftung Berliner Leben, die das Opernprojekt fördert.

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Dieses Thema betreffe in der Pandemie die Kinder mehr denn je. Die Stiftung will außerdem das Miteinander zwischen Jung und Alt im Kiez stärken. An einem Probetag sind vier Senior:innen aus Spandau dabei. Unter ihnen Gabriele Schwanke. Die 66-Jährige ist seit vier Jahren beim Opernprojekt dabei. „Es macht Spaß, den Kindern zuzusehen, wie sie sich langsam in das Stück hineinarbeiten“, sagt Schwanke.

Und sie will auch als Zuseherin unterstützen. Die Urkunde, die die Kinder für ihre Teilnahme bekommen, haben viele von ihnen noch Jahre später an der Wand ihres Zimmers hängen, sagen die Organisator:innen. Andere nutzten sie bei Bewerbungen, etwa für einen Platz an einer weiterführenden Schule, berichtet Ostrop.

Im virtuellen Proberaum geht der erste Teil der „Zauberflöte“ zu Ende. In ihren Zoom-Fenstern, wo sie nun – mit dem ausgeschnittenen Bilderrahmen vor den Gesichtern – wie die beweglichen Fotos aus den „Harry Potter“-Geschichten wirken, werfen die Kinder die Süßigkeit in ihrer Hand über den Bilderrand. Papageno, der so gerne Leckeres isst, aber nicht durfte, konnte schließlich nicht mehr widerstehen und greift danach. „Ob das für ihn das Ende der Prüfungen bedeutet?“, liest Ostrop vor. Und fährt fort: „Zum Glück bekommt er noch eine Chance, die letzten zwei Prüfungen zu bestehen.“

Der Besuch in der Komischen Oper soll nach dem Lockdown nachgeholt werden. Schüler:innen und Senior:innen sollen eingeladen werden, sich die Zauberflöte auf der großen Bühne anzusehen. Ein paar Monate dauert es noch. Die Berliner Bühnen sind bis Ostern geschlossen.

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