Bonjour tristesse. Viele Berlins Schulen leiden unter Lehrermangel und veralteter Ausstattung. Foto: dpa/Maja Hitij
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Berliner Lehrermangel SPD will mit dem Reizthema Verbeamtung Wahlkampf machen

360 Lehrerstellen sind in Berlin unbesetzt. Oder? Die Bildungsverwaltung redet den Mangel klein. Und die rot-rot-grüne Koalition findet keine gemeinsame Linie.

Die Wiederverbeamtung von Lehrern wird in dieser Legislatur kein Thema mehr. Das bestätigten in dieser Woche mehrere Vertreter der rot-rot-grünen Koalition auf Anfrage. „Linke und Grüne werden ihre Meinung in dieser Frage im letzten Jahr vor der Wahl nicht mehr ändern“, hieß es übereinstimmend.

Die SPD, die sich allerdings auch erst 2019 für die Rückkehr zur Verbeamtung entschieden hatte, will das Reizthema in ihren Wahlkampf aufnehmen. FDP-Bildungsexperte Paul Fresdorf warnte, wer in der Debatte nur auf den Beamtenstatus setze, setze weiter auf eine "Mentalität, die für die Misere im Berliner Schulwesen möglicherweise mitverantwortlich" sei.

Das Thema bleibt virulent, weil der Lehrermangel den Schulen weiterhin unvermindert zusetzt. Am Donnerstag hatte der Tagesspiegel berichtet, dass 360 Stellen an allgemeinbildenden Schulen unbesetzt sind. Dem stehen - auf Berlin verteilt - nur 110 Stellen an Überhängen gegenüber: Unterm Strich sind also rund 250 Stellen an allgemeinbildenden Schulen - das sind Grund-, Förder-, Sekundarschulen und Gymnasien - unbesetzt.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte zu Schuljahresbeginn aber nur eine Lücke von 90 Stellen angegeben. Die Diskrepanz erklärt der Gesamtpersonalrat zum Teil damit, dass Lehrer, mit denen die Verwaltung offenbar fest gerechnet habe, kurzfristig abgesagt hätten.

"Natürlich spielt auch die Einstellungssondersituation durch die Pandemie eine Rolle", erläuterte Verwaltungssprecher Martin Klesmann. Bewerbungsgespräche hätten nicht in der gewohnten Form stattfinden können. Zudem seien weitere Schwangerschaften und Elternzeiten gemeldet worden. Durch den Berlintag hätten sich aber neue Bewerbungen ergeben.

360-110-86=164 lautet die Rechnung der Behörde

Die Bildungsverwaltung ist unterdessen bemüht, den Lehrermangel kleinzureden: Auf verschiedenen Kanälen ließ sie am Donnerstag kommunizieren, dass dem Mangel an den allgemeinbildenden Schulen ein Überhang von rund 86 Stellen an Berufsschulen und zentral verwalteten Schulen gegenüberstehe. Somit seien im Grunde nur 164 Stellen unbesetzt, hieß es als Reaktion auf den Bericht zur Lehrerausstattung im Tagesspiegel am Donnerstag.

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Schulfachleute wunderten sich über diese Rechnung und fragten, ob Scheeres jetzt vorhabe, Berufsschullehrer an Grund- und Förderschulen zu versetzen. Diese Vorstellung sei jedoch nicht nur aus fachlichen Gründen „absurd“, sondern auch deshalb, weil die Berufsschulen und zentral verwalteten Schulen überwiegend nur rein rechnerisch einen Überhang hätten: Die 86 Stellen setzen sich demnach aus einzelnen Überhangstunden zusammen, die sich auf viele Schulen verteilen. Anders gesagt: Wenn eine Berufsschule eine Drittel-Stelle zu viel hat, hilft das keiner Grundschule.

Am Bedarf vorbeigeplant

Wie berichtet, hat der ehemalige SPD-Bildungsstaatssekretär Mark Rackles in einer Studie zum bundesweiten Lehrermangel festgestellt, dass Berlin zu den Ländern gehört, die am stärksten am Bedarf vorbeigeplant haben. Er fordert einen bundesweiten „Staatsvertrag zur Deckung des Lehrkräftebedarfs“, um der Aufgabe Herr zu werden.

Ein Porträtbild von Mark Rackles im Gespräch vor einem Mikrofon. Foto: Britta Pedersen/dpa Vergrößern
Mark Rackles war von 2011 bis 2019 Staatssekretär für Bildung in Berlin. © Britta Pedersen/dpa

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft unterstützte am Donnerstag diesen Vorstoß. Seit Jahren würden die Hochschulen 40 Prozent weniger Lehrer ausbilden als an den Schulen benötigt würden: „Am Ende leiden unter dem Lehrkräftemangel die Schüler“, sagte Andreas Keller vom Bundesvorstand.

"Wir sind in der Pflicht: Berlin muss sich in den nächsten Hochschulverträgen dazu bekennen, dass wir selbst unsere eigenen Bedarfe decken", sagte SPD-Bildungsexpertin Maja Lasic auf Anfrage. Bereits seit 2018 gibt es in Berlin noch nicht mal mehr genug Quereinsteiger, um alle Lücken zu stopfen. Scheeres sprach damals von einem "gap".

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