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Gruppenbild mit Damen. Die Initiatoren und Gewinner des Inklusionspreises 2019. Foto: Sandra Ritschel
© Sandra Ritschel

Berliner Inklusionspreis Die zwei Seiten einer Medaille

Der Berliner Inklusionspreis würdigt Unternehmen, die Menschen mit Behinderung einstellen. Jetzt wurde er im Roten Rathaus zum 17. Mal vergeben.

Zwei gegensätzliche Welten trafen am Montag, dem 11. November, im Roten Rathaus aufeinander: Da ist der repräsentative Wappensaal, wo sich Berlin als Summe seiner Bezirke präsentiert. Und da ist Graf Fidi, der im Rollstuhl sitzt und rappt: „Weil ich Bock habe zu ackern / und damit meine ich nicht lochen und tackern.“ Der Hip-Hopper ist Inklusionsbotschafter, jetzt trat er zur Verleihung des Inklusionspreises des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) auf. Ja, ackern: Bei der von Harald Pignatelli moderierten Preisverleihung dreht sich alles um Arbeit und Teilhabe am Berufsleben, mit anderen Worten: „um den Schlüssel, dazuzugehören“. So drückt es Jürgen Dusel aus, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung. Er äußert noch weitere wichtige Gedanken - etwa, dass Inklusion zur Demokratie gehört wie die zweite Seite einer Medaille. „Demokratie, die gut sein will, betrachtet Vielfalt immer als Wert, nicht als Bedrohung. Egal, ob es um Menschen mit Behinderung geht oder um Alte, Junge, Männer, Frauen, Migrantinnen, Migranten.“

Von wegen gönnerhaft

Dass Menschen mit Behinderung eine Bereicherung sind - betriebswirtschaftlich wird an diesem Vormittag von „Mehrwert“ oder „Ressource“ gesprochen - das vergisst kaum ein Redner, eine Rednerin zu erwähnen. Franz Allert, der als Präsident des Lageso den Preis 2003 ins Leben gerufen hat und für den diese 17. Verleihung die letzte ist (er geht Ende April 2020 in den Ruhestand), sagt: „Menschen mit Behinderung zu beschäftigen ist nicht gönnerhaft, sondern hat direkt positiven Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens - weil das Soziale gestärkt wird.“ Ludwig Kronthaler, Vizepräsident der mit dem Sonderpreis ausgezeichneten Humboldt-Universität zu Berlin, nähert sich der Sache mit dem nüchternen Blick des Wissenschaftlers: „Als Universität sind wir auf kreative Genies angewiesen. Und da Kreativität gleich verteilt ist, ist es einfach eine Frage der Logik, Menschen mit Behinderung anzustellen.“

Erfolg und Engagement sind kein Widerspruch

Am Beispiel des Repro- und Werbezentrums Prenzlauer Berg GmbH, diesjähriger Träger des Inklusionspreises in der Kategorie „Kleinunternehmen“, erklärt der Laudator, Staatssekretär Alexander Fischer, dass wirtschaftlicher Erfolg und nachhaltiges Engagement kein Widerspruch seien: „Sie ergänzen sich.“ Das Unternehmen beschäftigt zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, fünf mit Schwerbehinderung, was eine Quote von 50 Prozent ergibt. Die ist umso erstaunlicher, als dass die Firma mit unter 20 Beschäftigten eigentlich gar nicht zur Einstellung von Menschen mit Behinderung verpflichtet wäre. Bei Grieneisen Bestattungen, Preisträger in der Kategorie „Mittelstand“, sind es zwölf Prozent, beim größten an diesem Vormittag ausgezeichneten Arbeitgeber, dem Klinikkonzern Vivantes, 8,6 Prozent. „Bundesweit haben wir 1,2 Millionen Menschen mit Behinderung in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen“, sagt Jürgen Dusel. Was viel klingt, relativiert sich, wenn man bedenkt, dass in Deutschland 14 Millionen Menschen mit Behinderung leben. Der größte Teil von ihnen ist arbeitslos. Mut wünscht sich deshalb auch Franz Allert zum Abschied, und zwar gleich dreimal: Bei Wirtschaft und Verbänden, bei Personalverantwortlichen und den Betroffenen selbst. Dann ergreift Graf Fidi nochmal das Wort: „Du lässt dich nicht verbiegen / du bist das Beste, was es gibt.“ Logisch, und genau deshalb passt der Rapper ganz wunderbar in den Wappensaal, als Symbol für die Vielfalt dieser großen Stadt Berlin.

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