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Die Berliner Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Nina Stahr, gratuliert Bettina Jarasch. Jarasch hat Wahl als Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin bei der digitalen Landesdelegiertenkonferenz gewonnen. Foto: Annette Riedl/dpa
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Berliner Grüne küren Jarasch Die Giffey-Herausfordererin muss noch viel aufholen

Bettina Jarasch wurde zur grünen Spitzenkandidatin für Berlin gewählt. Um gegen Giffey zu bestehen, ist es noch ein weiter Weg. Ein Kommentar.

Die erste Hürde hat Bettina Jarasch geschafft: Geschlossen stehen die Berliner Grünen hinter der 52-jährigen Realpolitikerin, die sie am Sonnabend mit fast 97 Prozent ohne eine einzige Neinstimme zu ihrer Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2021 gewählt haben. Ein solches Ergebnis konnte Franziska Giffey als designierte Spitzenkandidatin der Berliner SPD bei ihren Genossen nicht erreichen – sie wurde Ende November auf dem hybriden Parteitag der Berliner SPD der 89,4 Prozent Stimmen zur Landesvorsitzenden gewählt, ihre Kür zur Kandidatin steht noch aus.

Jarasch hat das bessere Ergebnis, Giffey die bessere Rede gehalten

Allerdings zeigt sich im Vergleich der beiden Auftritte auch, wo Bettina Jarasch noch aufholen muss: Franziska Giffey hat bei ihrer Bewerbungsrede als SPD-Parteichefin vor ein paar Wochen mit ihren Erfahrungen als Neuköllner Bezirksbürgermeisterin und Bundesministerin gepunktet: Sie sprach frei, überzeugend, empathisch, man spürte die Sicherheit einer Frau mit Führungserfahrung und viel Routine mit öffentlichen Auftritten auch in Stress- und Ausnahmesituation. Da war sie: Eine Frau, Wowi 2.0., ostdeutsch.

Für Bettina Jarasch ist es noch ein Weg, sich gegen Giffey zu behaupten, das zeigte ihre Rede am Sonnabend auf dem digitalen Wahlparteitag.

Es war eine gute, bedächtige Rede, in der Jarasch die Kernpunkte wiederholte, die sie schon bei ihrer Vorstellung als Kandidatin der Grünen im Oktober gemacht hatte. Angriffslustig oder überschäumend vor Ideen wirkte sie nicht, manchmal sogar etwas nervös. Das mag zu einem guten Teil auch am digitalen Format gelegen haben, das Saalpublikum fehlte und damit der Applaus, die Stimmung. Aber das war bei Franziska Giffey schließlich auch nicht anders.

Jarasch wird den traditionell linken Landesverband in Zielkonflikte bringen

Jarasch setzt auf grüne Kernthemen: Verkehrswende, Klimaschutz, sozialökologische Transformation der Wirtschaft, Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen und Wohnungspolitik. Bei ihrer Vorstellung Anfang Oktober sagte sie, sie sei eine Brückenbauerin. Diese Punkte wiederholte sie nun – ohne neue Akzente zu setzen oder neue Ideen zu präsentieren. Sie wolle Bündnisse schmieden, so Jarasch, mit allen, die die Zukunft gestalten wollen. Das ist ein dickes Brett. Und nicht ungefährlich, weil sie den traditionell linken Landesverband in Zielkonflikte bringen kann, wenn sie mit allen reden will.

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Auch mit großen Wohnkonzernen wie der Deutsche Wohnen oder mit Investoren, für die ein radikallinker, grüner Baustadtrat und Aktivist wie Florian Schmidt in Friedrichshain-Kreuzberg noch nicht einmal Gesprächstermine vergibt. Jarasch ist eine Kompromisskandidatin, auf die sich die beiden Aspirantinnen für die Spitzenkandidatur, Wirtschaftssenatorin Ramona Pop und Fraktionschefin Antje Kapek, verständigen konnten. Sie poltert nicht herum, tritt nicht krawallig auf. Sie ist kultiviert, ihr Ton sachlich, man spürt, wie ernst ihr die Themen sind.  Bettina Jarasch gehört zu den pragmatischen Grünen mit einer gemäßigten Grundhaltung.

Jarasch dürfte mit fast allen anderen Parteien sprechen können

Damit könnte sie wohl auch Sympathien in der SPD, CDU oder bei den Liberalen haben. Persönliche Angriffsflächen wird die Katholikin und Kreuzbergerin mit Wahlkreis in Pankow nicht bieten. Ob die Parteilinken Jarasch unterstützen und anerkennen, wird man im Wahlkampf sehen. In ihrer Zeit als Landesvorsitzende von 2011 bis 2016 konnte sie die völlig zerstrittene Partei gemeinsam mit ihrem Co-Partner Daniel Wesener wieder einen.

Für Bettina Jarasch wird es schwer werden, sich zu behaupten

Am Sonnabend zitierte die grüne Spitzenkandidatin einige Zeilen aus dem Seeed-Song „Dickes B!“: „Dickes B, oben an der Spree, im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh.“ Dazwischen liegt der Herbst der Entscheidungen. Und ein Weg.

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