Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Mitte mit Gesichtsschutzschirm telefonieren im Lagezentrum. Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
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Berliner Gesundheitsämter vor dem Kollaps Wieso sich Amtsärzte nun auf Risikofälle konzentrieren wollen

Die Covid-Fallzahlen schnellen in die Höhe. Berlins Gesundheitsämter kommen nicht mehr hinterher, Betroffene zu benachrichtigen und deren Kontakte zu verfolgen.

Die Covid-19-Fallermittlung steht in einigen Berliner Gesundheitsämtern vor dem Zusammenbruch. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes in Mitte sagte dem Tagesspiegel, es würde mittlerweile oft fünf bis sieben Tage dauern, bis positiv Getestete benachrichtigt würden.

Dem Tagesspiegel sind zwei Fälle namentlich bekannt: In einem dauerte es vier, im anderen Fall sogar sieben Tage bis sich das Amt mit Instruktionen meldete – und mit der Kontaktnachverfolgung hätte beginnen können. Aus Friedrichshain-Kreuzberg sind ebenfalls mehrere Fälle bekannt, in denen die Kontaktierung des sogenannten Erstfalls mehrere Tage dauerte, in einem Fall sogar eine ganze Woche.

Jeder Fall hat dazu im Schnitt zehn bis 15 enge Kontakte, die über die behördliche Quarantäne informiert werden müssten. In der Praxis müssen das die positiv Getesteten längst selbst übernehmen und abschätzen, mit wem sie sich mehr als 15 Minuten in einem geschlossenen Raum mit weniger als 1,5 Meter Abstand befunden haben. Kommuniziert wurde das bislang kaum, nur Mitte erließ bislang eine Verfügung, die in eine solche Richtung geht.

Weil auch weitere Gesundheitsämter aufgrund der exponentiell steigenden Zahlen an die Belastungsgrenze kommen, wollten sich die zwölf Amtsärzte in einer internen Besprechung am Mittwoch auf eine Änderung der Strategie einigen, einen Maßnahmenplan.

Bereits vergangene Woche hatten die Amtsärzte von Reinickendorf und Neukölln aber darauf gedrängt, die Verfahren zur Fallermittlung und Kontaktnachverfolgung risikobasierter auszurichten, um Kapazitäten zu sparen. Darüber besteht nach Tagesspiegel-Informationen auch Einigkeit unter den Amtsärzten – über das „Wie“ wird hart debattiert. „Wir passen unsere Arbeitsabläufe so an, dass wir Reserven für den Schutz vulnerabler Gruppen haben“, hatte Patrick Larscheid, Amtsarzt von Reinickendorf, gesagt.

Sein Neuköllner Kollege Nicolai Savaskan hatte vorgeschlagen, Pflegeheime besser zu schützen, besondere Einkaufszeiten für Risikogruppen auszuweisen und sie mit Schutzausrüstung auszustatten. Im Senat wollte man bisher nur über „Anpassungen“ der Strategie sprechen.

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Eine Sprecherin der Gesundheitsverwaltung sagte dem Tagesspiegel am Mittwoch, Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) habe am Wochenende mehrere Gesundheitsämter besucht und mit den Verantwortlichen dort Gespräche geführt. Die Bezirke würden eine hohe Belastung anzeigen.

Demnach hätten einzelne Bezirke sogenannte Allgemeinverfügungen erlassen. Das bedeutet, das Kontaktpersonen ersten Grades automatisch dazu verpflichtet sind, sich in Quarantäne zu begeben, auch wenn sie nicht durch das jeweilige Gesundheitsamt angeordnet ist. „Andere Bezirke haben angekündigt, dieses Vorgehen nun zu übernehmen", so die Sprecherin. Weiterhin bleibe es essenziell, Kontakte nachzuverfolgen. Dabei könne es sinnvoll sein, sich auf „bestimmte, vulnerable Gruppen" zu fokussieren.

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