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2017 hat Julia Gauld die „Berlin Flower School“ gegründet, seit Anfang des Jahres gibt sie ihre. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Berliner Floristin über Trends für die Weihnachtsdeko „In Krisenzeiten gibt es ein starkes Bedürfnis nach Opulenz“

Julia Gauld bildet in Neukölln Floristen aus - im Crashkurs und mit nachhaltigen Techniken. Im Lockdown kann man bei ihr elegante Kränze bestellen.

Selbst durch die Maske hindurch ist der angenehm süßliche Duft wahrnehmbar, der durch das Geschäft nahe dem Böhmischen Platz strömt: eine Mischung aus Blumen, Dufthölzern und frisch aufgebrühtem Tee. Julia Gauld gießt eine Tasse ein, Marie-Antoinette heißt der zartrosa Tee, und das passt auch zum Showroom der Floristin, der eher nach Galeries Lafayette aussieht, denn nach Neukölln.

Edle, alte Rosensorten schmiegen sich an pinkfarbene Ranunkeln, eine Schneiderpuppe trägt ein Oberteil aus Rosen und auffälligen Feder-Blumen-Kopfschmuck. In dem Laden, der wirkt wie ein sehr glamouröses Blumen- oder Deko-Geschäft, befindet sich seit Februar dieses Jahres die Berlin Flower School. Hier bildet Julia Gauld Floristen aus.

Doch während eine klassische Floristenausbildung im Betrieb drei Jahre dauert, erhalten Gaulds Studentinnen ihr Zertifikat schon nach einem Monat. „Das sind oft Leute zwischen 30 und 45, die eine neue berufliche Richtung einschlagen oder sich weiterbilden wollen und dafür nicht so viel Zeit aufwenden möchten“, sagt Gauld.

Außerdem sei ihre Ausbildung mehr auf Design ausgelegt als bei normalen Floristen, wo die Auszubildenden meist vor allem ins Tagesgeschäft eingebunden werden – dort lernten sie dann eben Grabgestecke und mal einen Hochzeitskranz. Zumindest das, was Gauld hier im Laden und auf ihrer Webseite präsentiert – sie stattet auch Hochzeiten aus –, sieht tatsächlich deutlich anspruchsvoller aus, als das Angebot des Standard-Blumenladens an der U-Bahn-Station.

Der deutsche Stil war Julia Gauld zu verstaubt

Allerdings hat das auch seinen Preis, nicht nur für die Kunden, sondern auch für die Schüler, die bei ihr lernen. 3900 Euro kostet der vierwöchige Kurs. „Im internationalen Vergleich ist das aber günstig“, sagt Gauld. Sie selbst hat ihre Ausbildung in London gemacht. „Dort kostet das an die 10.000 Euro.“

Eher Marie-Antoinette als Neukölln: In der „Berlin Flower School“ kann man auch die Herstellung von Haarschmuck lernen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Eher Marie-Antoinette als Neukölln: In der „Berlin Flower School“ kann man auch die Herstellung von Haarschmuck lernen. © Kitty Kleist-Heinrich

Gauld wollte auf keinen Fall in Deutschland lernen. Der hiesige Stil sei ihr zu verstaubt gewesen, zu wenig verspielt, zu wenig variabel in der Auswahl der Blumen. Die deutsche Floristik sei sehr konstruiert. „Die Blume wird hier bezwungen, sie muss sich unterordnen. Im Angelsächsischen ist das Ganze freier.“

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Die typisch deutsche Lieblingsblume sei die Sonnenblume, die englische die Rose. „Aber ansonsten werden dort auch viele Gartenblumen und andere, kleinere Blüten verwendet. In Deutschland konzentriert man sich dagegen sehr auf die erste Blume.“

In den letzten Jahren habe sich das allerdings auch hier ein bisschen aufgelockert, vor allem junge Frauen wollten eher Brautsträuße aus natürlicheren Blumen, viel Kamille, Trockenblüten. Rosen fänden die meisten ganz schrecklich. Die Über-Dreißig-Jährigen wünschten sich dagegen oft Blumendeko im Boho-Stil, tiefes Pink und Bordeaux, etwas opulenter, luxuriöser.

Trockenblumen sind auch bei der Weihnachtsdeko im Trend. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Trockenblumen sind auch bei der Weihnachtsdeko im Trend. © Kitty Kleist-Heinrich

14 Stunden stehen, um 4 Uhr morgens aufstehen – Florist ist ein harter Job

Gauld selbst kommt eigentlich aus dem Textildesign, nach ihrer Umschulung erfüllte sie sich 2015 ihren Traum und machte sich als Hochzeitsfloristin selbständig. „Oft sagen Leute: ,Oh, toll du arbeitest mit Blumen, wie schön!’ Aber in Wirklichkeit ist der Beruf einer der härtesten, den man sich vorstellen kann“, sagt sie.

Neben dem sehr frühen Aufstehen – zwischen vier und sechs Uhr morgens –, um auf dem Großmarkt noch die schönsten Blumen zu bekommen, arbeite sie vor Events oft mehrere Tage 14 Stunden am Stück. Dabei stehe man die ganze Zeit, fertige Kranz nach Kranz, Gesteck nach Gesteck.

Die Floristik-Branche ist ein echter Umweltsünder

Neben besonderem Design ist Gauld ein weiteres Thema sehr wichtig: Nachhaltigkeit. Die Floristikbranche, sagt sie, sei wahnsinnig umweltschädlich. Nicht nur beim Blumenanbau außerhalb der EU, sondern vor allem wegen der Steckmasse, die für Bouquets und Ähnliches benutzt wird – und zwar von über 70 Prozent der Floristen weltweit.

Der grüne Schaum, der Wasser speichert und so die hineingesteckten Pflanzen damit versorgt, besteht aus giftigem, nicht biologisch abbaubarem Mikroplastik. Er ist besonders gefährlich, weil die meisten Menschen gar nicht wissen, woraus er besteht – und ihn deshalb zusammen mit den Pflanzen im Bioabfall entsorgen oder er auf Friedhöfen direkt mit dem Boden in Berührung kommt.

„Es ist doch absurd“, sagt Gauld, „dass in einer Branche, die mit der Natur arbeitet, diese so sehr geschädigt wird“. Deshalb will sie ihren Studenten nachhaltigere Techniken beibringen, zum Beispiel mit Steckigeln oder alte japanische Techniken. Eine industrielle nachhaltige Alternative zum Steckschaum gibt es Gaulds Kenntnis nach nicht.

New York, Paris, Kopenhagen: Weihnachtsdeko im Stil drei verschiedener Städte

Nachhaltige Materialien verwendet Gauld auch für ihre eigenen Werke. Es ist Anfang Dezember, noch bevor der harte Lockdown verkündet worden ist, eigentlich soll hier, im Showroom der Flower School, am letzten Adventswochenende die Ausstellung „Drei Städte – Drei Weihnachtstrends“ stattfinden.

Für alle, die es klassisch-weihnachtlich mögen: Nichts sagt mehr "Kevin allein zu Haus'" als der New-York-Style in Rot, Weiß und Tannengrün. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Für alle, die es klassisch-weihnachtlich mögen: Nichts sagt mehr "Kevin allein zu Haus'" als der New-York-Style in Rot, Weiß und Tannengrün. © Kitty Kleist-Heinrich

In drei verschiedenen Stilen hat Gauld dafür weihnachtliche Designs erstellt: der klassische New-York-Stil in Rot, Weiß und Dunkelgrün, mit tiefroten Amaryllis-Blüten, Zuckerstangen, Tannenzweigen und hölzernen Nussknackerfiguren. Der Kopenhagener Hygge-Stil mit gedeckten Farben und natürlichen Materialien wie Eukalyptus und Tannenzapfen.

Zurück zur Natur: Den dänischen Hygge-Stil gibt es auch zu Weihnachten. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Zurück zur Natur: Den dänischen Hygge-Stil gibt es auch zu Weihnachten. © Kitty Kleist-Heinrich

Und, definitiv das Highlight des Raumes, der opulente Pariser Stil mit tiefen Pink- und Violetttönen, Rosen, Nelken und vergoldeten Federn, die in Kränzen und Bouquets stecken. Dazu die aktuell sehr trendigen, in aufwändigen Verfahren hergestellten Trockenblumen. Die halten zwar ewig, seien aber dreimal so teuer wie frische Blumen, sagt Gauld. „Gerade in Krisenzeiten gibt es ein starkes Bedürfnis nach Opulenz. Das kann man derzeit auch auf den Laufstegen sehen, zum Beispiel bei Chanel.“

Wenn Paris ein Dekotisch wäre: In Krisenzeiten gibt es ein Bedürfnis nach Opulenz", sagt die Floristin Julia Gauld. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Wenn Paris ein Dekotisch wäre: In Krisenzeiten gibt es ein Bedürfnis nach Opulenz", sagt die Floristin Julia Gauld. © Kitty Kleist-Heinrich

Der aktuellen Krise ist nun allerdings auch Gaulds geplante Ausstellung zum Opfer gefallen – wegen der neuen Corona-Maßnahmen musste sie abgesagt werden. Man kann aber auf ihrer Website Kränze bestellen. Und wer lieber selbst lernen will, mit Blumen zu arbeiten, kann sich das zu Weihnachten wünschen (oder selbst schenken): Gauld bietet nämlich auch Drei-bis-Fünf-Tageskurse und private Workshops an – die dürften optisch und preislich das Bedürfnis nach ein wenig Luxus stillen.

Die Kränze kann man bestellen unter www.juliagauldflowers.com/wreaths, kosten 65 bis 75 Euro. Alle Infos zu den Floristik-Seminaren unter www.berlinflowerschool.com. Während des Lockdowns finden – vorläufig bis zum 10. Januar – keine Kurse statt.

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