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Freiburg im Breisgau hält ein Arzt hält einen Gesichtsschutz aus dem 3D-Drucker in der Hand. Das Universitätsklinikum Freiburg fertigt derzeit selbst Halterungen an, die in Verbindung mit einer handelsüblichen Overhead-Folie als Gesichtsschutz dienen können. Ahnliche Improvisationen gibt es in Berlin. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa
© Philipp von Ditfurth/dpa

Berliner Firmen stellen Produktion um Desinfektion aus der Schnapsbrennerei, Schutzmasken aus dem 3-D-Druck

Kai Gies

Von der großen Siemens AG bis zum Spirituosenmanufaktur aus Berlin-Marzahn: Lokale Unternehmen wollen künftig auch Schutzausrüstung produzieren

Beatmungsgeräte, Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind in medizinischen Einrichtungen derzeit knapp. In Berlin und Brandenburg finden sich bereits einige Industrieunternehmen, die ihre Produktion dahingehend umstellen – oder dazu bereit sind. So hat etwa der Schweizer Pharmakonzern Klosterfrau, sonst bekannt für das pflanzliche Arzneimittel „Melissengeist“, angekündigt, am Standort in Berlin-Lichtenrade ab Anfang April auch Desinfektionsmittel zu produzieren. Auch das Chemieunternehmen BASF prüft dies an seinem Standort Schwarzheide im Süden Brandenburgs. In dieser Woche soll dort bereits testweise produziert werden.

Die Tatsache, dass sich nicht deutlich mehr Hersteller, etwa von Spirituosen, zum gleichen Schritt entschieden haben, könnte auch mit der aktuellen Rechtslage in Zusammenhang stehen. „Wir haben das diskutiert, aber planen aktuell keine Umstellung der Produktion auf Desinfektionsmittel“, sagt zum Beispiel Patrick Mier, der Technische Geschäftsführer des Spirituosenherstellers Schilkin in Kaulsdorf.

Grund dafür sei einerseits die zu Recht strenge Lebensmittelgesetzgebung, die eine Produktion von Trinkalkohol neben medizinischen Produkten verbiete: „Wir wollen schließlich keinen Schnaps mit Resten von Desinfektionsmittel anbieten.“ Logistisch sei das Ganze ohnehin schwer zu bewerkstelligen. „Die Anlagen sind für ganz bestimmte Abfüllgrößen unserer Glasflaschen ausgelegt. Für Desinfektionsmittelflaschen sind diese nicht geeignet“, sagt Mier.

Außerdem falle auf einen Liter reinen Alkohol rund 13 Euro Branntwein- und Alkoholsteuer an, die das Desinfektionsmittel im normalen Verkauf teuer mache. Immerhin: Seit einigen Wochen darf der Hersteller hochprozentiges Ethanol steuerfrei direkt an Apotheken weitergeben, die dieses dann selbst zu Desinfektionsmittel weiterverarbeiten.

Für die letzte Lieferung an Apotheken in der Umgebung hat die Schilkin GmbH rund 2000 Liter Ethanol aus der Produktion abgezweigt. Geld verdient das Unternehmen damit laut dem Geschäftsführer nicht: „Das ist eine Hilfestellung von uns für die Apotheken. Die bezahlen lediglich den Selbstkostenpreis.“

Die Deutsche Spirituosen Manufaktur in Marzahn produziert nun auch Desinfektionsmittel nach WHO-Standard und verkauft diese zu stolzen 11 Euro die Flasche. Das soll helfen, die Firma zu retten. Foto: Deutsche Spirituosen Manufaktur DSM Vergrößern
Die Deutsche Spirituosen Manufaktur in Marzahn produziert nun auch Desinfektionsmittel nach WHO-Standard und verkauft diese zu stolzen 11 Euro die Flasche. Das soll helfen, die Firma zu retten. © Deutsche Spirituosen Manufaktur DSM

Einen anderen Weg geht die Deutsche Spirituosen Manufaktur in Marzahn. Hier können Kunden demnächst ein 100-Milliliter-Fläschchen Desinfektionsmittel zum stolzen Preis von 10,95 Euro im Shop erwerben. Durch den Verkauf wollen die Eigentümer den Erhalt der Manufaktur sichern. „Wir leben stark vom Handel mit Hotels, Bars und Restaurants und hatten daher in jüngster Zeit einen Umsatzeinbruch von fast hundert Prozent“, erklärt Geschäftsführer Tim Müller. Mehrere tausend Flaschen sollen allerdings auch an Berliner Altenheime gespendet werden.

Das Unternehmen hat einige tausend Euro in ein neues Rührwerk und eine gesonderte Abfüllanlage investiert, damit das Desinfektionsmittel keinesfalls mit Trinkalkohol in Berührung kommt. „Wir produzieren hier nach WHO-Standards“, sagt Müller. Damit einher gingen höchste Hygiene- und Sicherheitsanforderungen. Gleichzeitig gibt er zu: „Wir hätten es wahrscheinlich nicht gewagt, wenn nicht unser zweiter Geschäftsführer Konrad Horn selbst ausgebildeter Apotheker wäre.“ Am Freitag wurde mit der Abfüllung per Hand begonnen. Eine Fließbandproduktion gibt es in der kleinen Manufaktur nicht.

Die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) begrüßt die Idee von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), Schutzmasken und -kleidung in Berlin zu produzieren. „Wir sind im Austausch mit den Branchenverbänden und Innungen, um nach Wegen zu suchen, wie Unternehmen und Selbstständige in der Textilwirtschaft bei der Produktion von dringend benötigter Schutzausrüstung unterstützen können“, sagte IHK-Präsidentin Beatrice Kramm am Freitag. „Die gut 450 textilverarbeitenden Betriebe in Berlin haben sicher nicht die Möglichkeiten wie große textilverarbeitende Konzerne. Aber jeder Beitrag zählt.“

Der Siemens-Konzern stellt Ärzten und Krankenhäusern derweil seine Handelsplattform für 3D-Drucker zur Verfügung. So könnten notwendige Teile von Beatmungsgeräten einfach neu gedruckt werden, wenn diese kaputt gehen. Auch die Halterungen für medizinische Schutzmasken, die ansonsten mit längeren Lieferfristen aus dem Ausland bestellt werden müssten, könnten so in Deutschland gedruckt werden. Voraussetzung ist laut Pressesprecher Yashar Azad die genaue Kenntnis über die Beschaffenheit des Originalteils. Außerdem brauche es Experten, die die Informationen in entsprechende CAD-Dateien für die Drucker umwandeln können: „Das ist unser Service für unsere Kunden. Wir stellen als Konzern unsere Erfahrung und Expertise zur Verfügung.“

Heimarbeit: Die New Yorker Künstlerin Luba Drozd stellt Plastikschirme für Schutzmasken im 3-D-Drucker in ihrer Wohnung her. Foto: Misha Friedman/Getty Images/AFP Vergrößern
Heimarbeit: Die New Yorker Künstlerin Luba Drozd stellt Plastikschirme für Schutzmasken im 3-D-Drucker in ihrer Wohnung her. © Misha Friedman/Getty Images/AFP

Von den Druckern betreibt Siemens auch einige an seinen Berliner Standorten. Experten sehen im 3D-Druck tatsächlich eine Möglichkeit, um Knappheiten in Krankenhäusern zu begegnen. „Wenn ich eine Konstruktionszeichnung habe, die ich einlesen kann, und die entsprechenden Kunststoffgranulate zur Verfügung stehen, dann ist das in einer Stunde umgerüstet“, meint etwa Jean Haeffs, Geschäftsführer der Fachgemeinschaft Produktion und Logistik beim Verein Deutscher Ingenieure. Allerdings müssten die Medizintechnikhersteller, zum Beispiel von Beatmungsgeräten, hierfür ihre Daten herausgeben. „Da sind die Hemmschwellen sehr hoch.“ Die Unternehmen wollten schließlich nicht potenzielle Konkurrenten mit Wissen versorgen.

Ob es zum 3D-Druck in größerem Stil kommt, dürfte unter anderem eine Frage der Notwendigkeit werden, sagte Haeffs. „Wenn der Druck hoch genug wird, aus politischer oder gesellschaftlicher Sicht, dann fallen diese Schranken vielleicht.“ Noch sei dieser Punkt aber nicht erreicht.

Mehrere Verbände und der Senat bitten Firmen, nicht benötigte Schutzausrüstung für Kliniken zu spenden. Infos gibt es täglich von 8 bis 16 Uhr bei dieser Hotline der Polizei: 030/4664-616161.

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