Berlins öffentliche Bibliotheken feiern am Wochenende ihre 20-jährige Verbundenheit. Foto: imago/RelaXimages
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Berliner Bibliotheksfestival Was man in Büchereien erleben kann

Corinna Bodisco
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Berlins Bibliotheken feiern ihren 20-jährigen Zusammenschluss. Fünf Menschen erzählen, was sie in der Bibliothek machen und was ihnen dieser Ort bedeutet.

Öffentliche Bibliotheken werden nicht nur der Bücher wegen besucht. Das zeigt das Programm des Bibliotheksfestivals, das am Sonnabend und am Sonntag rund um die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Kreuzberg stattfindet.

Alle öffentlichen Bibliotheken Berlins feiern auf der Festivalwiese ihren 20-jährigen Zusammenschluss: mit Tai-Chi, Roboter-Workshops, Musik und einem Streetfood-Markt. Aus diesem Anlass stellen wir im Vorfeld fünf Menschen vor, die erzählen, was sie in der Bibliothek machen und was ihnen dieser Ort bedeutet.

Ursula macht Tai-Chi

„Die innere Kraft (das Chi) wecken und vermehren“, so lautet die Aufforderung von Tai-Chi-Lehrerin Alfie Schütz. Auf der Wiese vor der AGB versammeln sich montagmorgens etwa 20 Leute zur kostenfreien Bewegungsmeditation.

Ursula entdeckte das Angebot vor drei Jahren auf einer Stellwand in der Bibliothek: „Da war ich einfach neugierig“. Tai-Chi ist für die 69-Jährige eine gute Ergänzung zur Wassergymnastik, die Bewegungen sind „weicher und gehen ineinander über“. Nach den Übungen habe sie immer gute Laune.

In die Bibliothek gehe Ursula dauernd, die Leidenschaft für Bücher kommt von ihrem Vater, der Schriftsetzer war: „Wenn er frei hatte, las er Bücher.“ Ihr Traum war es, Bibliothekarin zu werden, aber für ihre Eltern stand im Nachkriegsdeutschland Sicherheit an erster Stelle.

Deswegen ging Ursula vorerst in die Verwaltung, später studierte sie noch Sozialpädagogik und Geografie. Ganz besonders schätzt sie Helene Nathan, die ehemalige Leiterin der Neuköllner Bibliothek.

Die Bibliothekarin wurde vom NS-Regime aus ihrem Beruf gezwungen, der ihr so viel bedeutete. 1940 nahm sich Nathan das Leben, ihr Porträt hängt heute am Eingang der Helene-Nathan-Bibliothek, erzählt Ursula.

Teena Lange und Bettina Sund, Netzwerkerinnen vom sonntagsbureau

„Den Hintergrund, warum die AGB sonntags offen ist, kennen viele Leute nicht“, sagt Teena Lange vom sonntagsbureau. Das neunköpfige Team füllt am besagten Tag seit einem Jahr die verschiedenen Flächen der Bibliothek mit einem vielfältigen Programm – von den zwei Foyers über das Lernzentrum bis zum Salon.

Von 11 bis 16 Uhr sitzen Lange und Sund an einem großen Tisch im vorderen Foyer und haben „Sprechstunde“ mit Kaffee. „Die meisten Besucher wollen von uns wissen, wo genau unsere Angebote stattfinden – und manche versuchen, bibliothekarische Auskünfte zu bekommen.

Teena Lange und Bettina Sund, Netzwerkerinnen vom sonntagsbureau Foto: Corinna von Bodisco
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Da können wir leider nicht weiterhelfen“, erzählt die Übersetzerin Bettina Sund. Die angestellten Bibliothekare dürfen sonntags nicht arbeiten, stattdessen hat das sonntagsbureau die Haushoheit: „Wir bringen aus jahrelanger Berufserfahrung im Kulturbereich viele Netzwerke mit“, erklärt Lange.

Sie selbst ist Kuratorin und betreibt den Projektraum „grüntaler9“. Aus den Netzwerken schöpft das Team für Angebote wie Lachyoga, Shared Reading oder Roboter-Workshops.

Eine „Eventhalle“ solle die AGB nicht werden, aber Bibliotheken verändern sich. Neues zu bieten, sei wichtig, sagt Sund, „andere Länder sind da schon wesentlich weiter“.

Den öffentlichen, kostenlosen Zugang für alle Menschen, gilt es laut Lange zu wahren: „Es muss auch zukünftig Orte geben, an denen sich die Leute treffen können, ohne dass es eine Zugangsverweigerung oder Konsumpflicht gibt.“

Aktuell kann jeder in die Bibliothek kommen, Essen mitbringen ist erlaubt. Beim Bibliotheksfestival wird das sonntagsbureau ein Gewächshaus aufbauen, denn auch das Netzwerk müsse weiter wachsen und das gehe nur, „wenn alle mitmachen“, sagt Lange.

Noa Bottling, Workshop-Hopper

Der sechsjährige Noa betätigt an einem Roboter mit aufgeklebten Wackelaugen einen kleinen Knopf: „Der zittert und gleichzeitig läuft er“. Der aus Papier gefaltete Roboter ist nur so groß wie Noas Hand.

Laufen kann er dank einer Knopfbatterie und eines Vibrationsmotors. „Das ist der gleiche Motor, der im Handy eingebaut ist“, erklärt Vater Holger, der neben Noa im Lernzentrum sitzt. Die beiden machen beim Vibrorobot-Workshop mit.

In die Bibliothek gehe Noa nicht so häufig, eher kommt sie zu ihm: „Mit der Kita waren wir bei einem Wohnwagen mit Regalen und Büchern“, erzählt er und meint damit den Bücherbus der Stadtbibliothek Mitte. Dann schneidet Noa ein rotes Stück Papier zurecht und bastelt etwas anderes: einen Mini-Drachen.

Vor einem Jahr waren Vater und Sohn schon mal sonntags in der Bibliothek, da drehte Noa einen Stop-Motion-Film. „Der läuft jetzt auf Youtube“. Holger hat nach dem Workshop die App heruntergeladen, und das Filmemachen ging zu Hause weiter.

Fee Krämer, Erzählexpertin

Wenn der Koffer mit den iPads reingerollt wird, ist das aufregend für viele Kinder, denn in der Schule herrscht oft Bildschirmverbot. Das macht die Geräte natürlich noch spannender“.

Fee Krämer sitzt im Lernzentrum der Kinder- und Jugendbibliothek (KiJuBi) der AGB und zeigt Lego-Modelle, die 22 Grundschüler aus dem Wedding beim Workshop „Bau dir deine Geschichte“ ausgetüftelt haben. Auf jedem der sechs Tische liegt auch ein iPad, mit dem sie im Anschluss ihre Modelle fotografieren. „Es geht darum, dass die Schüler eine haptische Möglichkeit erhalten, eine Geschichte zu erzählen.“

Der Startpunkt der Geschichte ist der Film „The Present“: Ein grummeliger Junge spielt ein Konsolenspiel, Schüsse sind zu hören. Seine Mutter überrascht ihn mit einer Kiste, die er zuerst nicht öffnen will.

Krämer stoppt den Film genau an der Stelle, an der er sie doch öffnet. Heute hat sie den Ton auf stumm geschaltet, denn einige Schüler aus der jahrgangsübergreifenden Klasse haben Fluchterfahrung. So stellt sich die 34-jährige Workshopleiterin jedes Mal neu auf die Teilnehmer ein.

Fee Krämer, Erzählexpertin Foto: Corinna von Bodisco
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Eigentlich hat sie selbst eine Lehrerausbildung, so kenne sie ihre Zielgruppe gut: Krämer schreibt Kinderbücher und produziert Inhalte für verschiedene Medienformate. Ob die Schulen keine eigenen Medienangebote haben? „Da fehlen oft die Zeit, die Konzepte und ganz klar: die Ausstattung.“ Die Bibliotheken hätten da mit Medienkoffern und freien Mitarbeitern, die sich kontinuierlich im Medienbereich fortbilden, die bessere Infrastruktur.

Zusammen mit Ulrike Küchler, einer Expertin für transmediales Erzählen, entwickelte Krämer für die KiJuBi zwei Workshops. Transmedial bedeutet, dass beim Erzählen verschiedene Medien verknüpft werden. „So wird mit Lego gebaut und dann der Bildschirm genutzt, um das Gebaute zu visualisieren.“ Trotz iPads sei jedoch die wichtigste Frage: „Was ist meine Geschichte und wie kann ich sie am besten erzählen?“

Berliner Bibliotheksfestival – 20 Jahre Verbund Öffentlicher Bibliotheken Berlin (VÖBB), Sonnabend 13 – 22 Uhr, Sonntag 11 – 17 Uhr an der Amerika-Gedenkbibliothek, Blücherplatz 1, Kreuzberg. Weitere Infos unter voebb-festival.de

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