Klassische Musik in neuen Formaten, das ist Rebecca Langs Leidenschaft. Die 39-jährige Australierin ist schon seit 2006 auf diversen deutschen Theater- und Musicalbühnen aktiv. Foto: Mike Wolff
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Berlin-Weißensee Eine Pop-up-Oper im Stummfilmkino "Delphi"

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Rebecca Lang dirigiert „La Traviata“ als Pop-up-Oper im Weißenseer „Delphi“. Die Australierin sucht „das ungeübte Publikum“.

Als Rebecca Lang drei Jahre alt war, begann der Vater ihr Klavierunterricht zu geben. Damals in Melbourne war die ganze Familie musikalisch, auch Oma und Onkel spielten Piano, ein anderer Onkel Gitarre. Dass die junge Australierin es einmal in Europa ans Dirigentenpult schaffen würde, war damals freilich noch nicht abzusehen.

Das Motiv des Vaters lässt sich erahnen, wenn man die Musikerin in einem Berliner Salon am Flügel erlebt, wie sie traumwandlerisch expressiv Liszts „Études d'exécution transcendante Nr. 9 ‚Ricordanza’“ intoniert und die Menschen um sich herum so sehr berührt, dass es einen endlosen Moment dauert, bis Applaus aufbraust.

Trotz des Talents hat sie ernsthaft darüber nachgedacht, Jura zu studieren oder moderne Sprachen, hat Französisch und Japanisch gelernt, bevor sie erkannte, dass die Musik ihr Leben sein würde. Nicht das Klavierspiel freilich allein. „Das war mir zu einsam“, sagt die 39-Jährige freimütig. „Es bedeutet im Grunde, dass man jeden Tag acht Stunden ganz allein übend in einem Zimmer verbringt.“

Ungewöhnliche Karriere für eine Frau

Viel Disziplin und Selbstreflexion, wenig Sozialkontakte, das allein sollte ihr Leben auf Dauer nicht bestimmen. Schon gleich nach dem Studium am Victorian College of Arts in Melbourne zog es sie ans Dirigentenpult. Diese Karriere ist immer noch ungewöhnlich für eine Frau, aber warum eigentlich?

Die Antwort fällt ihr gar nicht leicht. Erfahrungsgründe gibt es eher als rational nachvollziehbare. In den Orchestergräben sitzen noch immer genug verdiente Musiker, die glauben, dass eine Frau nicht ans Pult gehört. Und das kann man ja auch nachvollziehen, wenn man bedenkt, was für ein Aufsehen es erregte, als etwa die Berliner Philharmoniker 1982 zum ersten Mal in ihrer mehr als 100-jährigen Geschichte überhaupt eine Frau als Musikerin in ihre Reihen aufnahmen.

Auf Tour mit "Ich war noch niemals in New York"

Rebecca Lang lebt seit 2006 in Deutschland, wohin es sie „wegen des reichen Kulturerbes“ zog. Und sie hat es geschafft. Von 2015 bis 2017 war sie als erste und einzige Frau bei Stage Entertainment als musikalische Leiterin und Chefdirigentin im Einsatz. Mit „Ich war noch niemals in New York“, ging sie auf Tournee durch Deutschland und Österreich.

Zuvor hatte sie bereits am Landestheater Flensburg unter anderem „Evita“ und „My fair Lady“ dirigiert, als Kapellmeisterin am Theater in Hof die „Rocky Horror Show“, und als stellvertretende musikalische Leiterin war sie auch am Potsdamer Platz bereits in Udo Lindenbergs Musical „Hinterm Horizont“ aktiv.

Für die Künstlerin ist Musik erst in zweiter Linie ein Broterwerb. Vieles dreht sich bei ihr um die Frage: „Wie kann ich mein Leben finanzieren und all die tollen Sachen machen, die ich gerne machen möchte?“ Sie folgt eben auch ihrer Leidenschaft, besonders gern mit Gleichgesinnten. „La Traviata“ als Pop-up-Oper im Delphi, dem alten Stummfilmkino in Weißensee, ist ein solches, der Passion geschuldetes Projekt. Es geht darum, Opern in einem betont niedrigschwelligen, unkonventionellen Ambiente aufzuführen.

Die Oper spielt mitten im Publikum

Klassik für Einsteiger? Rebecca Lang lächelt milde. Während der Aufführung der auf gut anderthalb Stunden gestrafften Oper bleibt die Bar geöffnet, man darf trinken und zuhören, und die Oper spielt mitten im Publikum. Es ist das 5. Projekt des von ihr, der Irin Caroline Staunton und der Amerikanerin Sarah Ring mitgegründeten Ensembles „Puccini's Toaster“.

Der Name soll eigentlich nur neugierig machen, obwohl sie als Muttersprachlerin natürlich denkt, dass die Toasts, wenn sie goldbraun geröstet sind, im Toaster hochspringen: „They pop up.“ Begonnen hat alles mit Schuberts Winterreise. Dafür fanden sich 24 Solisten aus Berliner Opernhäusern zusammen, jeder durfte sein Lieblingsstück darbieten.

In „La Traviata“ dürfen auch Laiensänger mitwirken, die vor der Premiere allerdings auch erst einmal erfahren, wie viel harte Arbeit Musik eben auch bedeutet. Für die Vorbereitung sind 66 Stunden veranschlagt. Höchste Qualität, das gehört dann schon zu ihren Standards, auch wenn es gilt, die Oper für ein im Klassik- hören ungeübtes Publikum zu öffnen. Das soll schließlich gewonnen werden, dann auch andere Stücke zu besuchen. Außerdem kommen zu den Pop-up- Opern auch eingeschworene Fans, die mal ein ganz anderes Musikerlebnis suchen. Die hohen Decken und das viele Holz im Delphi schaffen eine schöne Akustik, die es angenehm macht, dort zu singen.

Am 9. Juni steht sie dann wieder am Dirigentenpult in der Laeiszhalle in Hamburg bei der konzertanten Welturaufführung der Oper „Herakleitos“ ihres Landsmannes Cyrus Meurant. Dann werden auch die Eltern die weite Reise nach Europa antreten, um einmal wieder zu schauen, was aus der kleinen Klavierspielerin von einst geworden ist.

Fragt man Rebecca Lang nach den wichtigsten Eigenschaften, die einen Menschen zum Dirigieren prädestinieren, kommen auch Talente vor, die gemeinhin als typisch weiblich gelten: das Feingefühl für Menschen beispielsweise. Sensibilität gehört zum Naturell des Künstlers zwingend dazu, und in einem Orchester sitzen viele Künstler.

Natürlich braucht es Musikalität, Autorität und Disziplin. „Und Sinn für Humor“, sagt sie lachend. Wichtig sei ja nicht in erster Linie die große Geste beim Dirigieren, sondern die vielen Nuancen, Feinheiten und Kleinigkeiten, die bei den Proben erarbeitet werden. Das klingt nun schon fast nach einer Verweiblichung des Berufsbildes. Dass letztlich die Leidenschaft die Hauptrolle spielt, davon wird Verdis Oper wohl auch ein Zeugnis ablegen.

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20. April 19.30 Uhr, 22. April 17 Uhr, Theater im Delphi, Gustav-Adolf-Straße 2, Weißensee

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