Tobias Bamborschke hing zu Schulzeiten oft mit Freunden im Mauerpark herum. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Berlin-Spaziergang mit Tobias Bamborschke Melancholie im Mauerpark

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Isolation Berlin ist seine Band, Prenzlauer Berg sein Zuhause: Ein Spaziergang mit Sänger und Autor Tobias Bamborschke.

An der Gaudy- Ecke Cantianstraße in Prenzlauer Berg haben sie 2011 oder 2012 ihr allererstes Plakat aufgehängt, ganz genau kann Tobias Bamborschke sich nicht erinnern. Was draufsteht, weiß er aber, denn es hängt immer noch da, sechs oder sieben Jahre später, im Frühjahr 2018.

Was daran liegt, dass sein Bandkollege Max Bauer und er den wasserfesten Leim benutzt haben, der heute verboten ist. Auf der Mauer einer Steinbaracke liest der aufmerksame Passant ganz oben, in schwarzen Lettern auf weißem Grund: „Watch out – Isolation Berlin is coming“.

Was damals noch Wunschdenken war, ist heute längst Realität. Isolation Berlin ist angekommen in der Stadt und auch im Rest der Republik, man könnte fast schon sagen: eingeschlagen. Denn niemand besingt Berlin mit schönerer Traurigkeit, als Bamborschke es tut.

Auf Deutsch zu einer Musik, die sich kaum einordnen lässt, irgendwo zwischen Indie-Rock und Postpunk. Hochgelobt wurde ihr erstes Album, das 2016 erschien. Die Band wurde mit Joy Division und Ton Steine Scherben verglichen, Bamborschke selbst mit Rio Reiser.

Ende Februar nun haben er und seine drei Bandkollegen ihr zweites Album „Vergifte dich“ veröffentlicht. Seitdem werde er ständig auf der Straße angelächelt, erzählt Bamborschke, während er an einem Donnerstagnachmittag die Gaudystraße entlangschlendert. Er trägt eine schwarze Schiebermütze auf den schwarzen Locken – sein Markenzeichen.

Antithese zum typischen Prenzlberger

Kopfsteinpflaster, ein paar sanierte Altbauten, Mittelklassewagen davor. Hier ist Prenzlauer Berg unaufgeregt. Um die Ecke allerdings, in der Gleimstraße, hat ein Laden aufgemacht, der sich „YogaCafé“ nennt und all das verkörpert, was die Klischeekiste über Prenzlauer Berg so hergibt. Nicht Bamborschkes Ding.

Überhaupt wirkt er wie die Antithese des angeblich typischen Prenzlbergers: kein Bart, schlichte dunkle Kleidung, kein Kind vor der Brust. Manchmal nicken die Leute ihm auch zu, absurd findet er das und fragt sich, ob er irgendeinen Artikel über sich verpasst hat.

Zu der Zeit, als er sein erstes Plakat aufgehängt hat, hatte die Stadt kein Lächeln für ihn. Damals spielten Bauer und er noch in U-Bahnhöfen. Es war kalt, denn es war Winter, „keine besonders gute Idee“, sagt Bamborschke und lächelt. Und immer hat sich irgendjemand beschwert. „Die haben gar keine Erlaubnis ...“

1988 wird er in Köln geboren. Als Kind zieht er mit seinen Eltern nach Reinickendorf, mit 20 dann in eine WG an der Schönhauser Allee. Seit sieben Jahren wohnt er mit zwei Mitbewohnern im Gleimviertel, zwischen der S-Bahn-Trasse der Ringbahn im Norden, der Schönhauser Allee im Osten, der Eberswalder Straße im Süden und der Ortsteilgrenze zu Gesundbrunnen im Westen.

Macht bald zehn Jahre Prenzlauer Berg. „Ich kann hier nie wieder wegziehen“, sagt Bamborschke, angesprochen auf das Thema Gentrifizierung, das in Berlin immer Stoff für Diskussionen bietet. Er lacht und sagt: „Isolation Prenzlauer Berg.“

„Ich kotze meine Existenz in U-Bahn-Schächte“

Macht Isolation Berlin nur traurige Musik? Bamborschke winkt ab. „In jedem Song steckt Humor“, sagt er, der die Lieder selbst schreibt. „Viele sagen, die Texte stehen im Gegensatz zur Musik, das stimmt aber so nicht.“

Er hat den Weg zum Mauerpark eingeschlagen. Auf einem Grünstreifen steht eine Tischtennisplatte. Düstere Erinnerungen: Tischtennisplatten sind für Bamborschke Orte der Trauer, holen in ihm Bilder von Turnieren mit Vater und Bruder im Keller des Opas hoch. Warum? Er mag keine Wettkämpfe.

Bamborschke findet Worte für die Zustände der Seele, die unaussprechlich scheinen. „Ich kotze meine Existenz in U-Bahn-Schächte“, singt er in der schwermütigen Akustikgitarrennummer „Vergeben heißt nicht vergessen“.

In „Antimaterie“ beschreibt er, wie sich ein verzweifelter Nachtmensch im gelben Gaslaternenlicht vor dem nächsten Tag fürchtet. Kalt, dunkel, trostlos kommt Berlin in den Liedern von Isolation Berlin häufig rüber. So, als würde man die Stadt ohne ihren Sommer zeichnen, der die Bewohner jedes Jahr mit ihr versöhnt. Doch tatsächlich hört man auch oft eine feine Ironie heraus, wie in „Serotonin“, wo es heißt: „Wenn du mich suchst, du findest mich am Pfandflaschenautomat / Da hole ich mir zurück, was mir gehört.“

„Ich mag Berlin sehr gerne“, sagt Bamborschke. Es gab aber eine Zeit, vor ein paar Jahren, da fühlte er sich hier sehr einsam und allein. „Damals kam mir die Stadt wie ein böser, kalter Feind vor.“

Über seine Depression hat er das erste Mal öffentlich beim Festival Pop-Kultur im vergangenen Sommer in der Kulturbrauerei gesprochen. „Depressionen sind einfach scheiße, das kann man nicht verstehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat“, sagt er.

„Früher hat man gedacht, dass Leute, die depressiv sind, verrückt seien, jetzt redet irgendwie jeder drüber und alle sind schon genervt.“ Er klingt dabei selbst ein wenig so: genervt. „So von wegen, du bist depressiv? Du bist einfach nur faul und kommst deswegen nicht aus dem Bett.“

Der Mauerpark war der place to be

Und dann steht er mittendrin in seiner Jugend. „Der Mauerpark war früher der place to be“, erinnert er sich. „Man darf nur nicht sonntags hierherkommen, dann ist er eine No-go-Area.“ Wenn sich Touristen und hippe Neu-Berliner in Scharen über den Flohmarkt schieben, auf der Suche nach Schnäppchen, die hier schon lange nicht mehr zu finden sind, bleibt er fern.

Im steinernen Amphitheater, wo sonntags Hunderte den mutigen Karaoke-Sängern zujubeln und sich manchmal auch fremdschämen, hat er als Teenager abends Menschen getroffen, die sich für die gleiche Musik begeisterten wie er. Die ganze Berliner Indie-Rock-Szene sei hier zusammengekommen, man hat sich über Myspace verabredet.

Wenn Bamborschke sagt „damals kostete das Sterni im Späti 50 Cent“ oder „die Schule war vorbei, ich kam mir jung und frei vor“, dann schwingt immer ein bisschen Selbstironie mit. Er weiß, wie sich das anhört, wenn er mit bald 30 über seine Jugend redet, als sei sie lange her. Heute geht er hier nachts spazieren, wenn er nicht schlafen kann.

In der Nähe der Max-Schmeling-Halle bleibt er stehen, wieder eine Jugenderinnerung: Hier hat er mal Bob Dylan gesehen, großes Idol. Dann: große Enttäuschung beim Konzert.

Vor der Halle saß er früher mit Max Bauer im Gras, sie haben Gitarre gespielt und gesungen. Er habe sich immer als Erzähler gesehen, sagt Tobias Bamborschke. Im vergangenen Jahr hat er sein erstes Buch veröffentlicht, einen Gedichtband mit dem Titel „Ich glaub, mir platzt der Kotzkragen“. Er hat stets einen kleinen, zerfledderten Notizblock dabei, falls ein Gedanke kommt, ein guter Satz. Das Letzte, was er aufgeschrieben hat? „Ich bin der größte Vollidiot der Welt.“

Konzert am 12. Mai, Astra, Tickets ab 21 Euro unter www.isolationberlin-tickets.de

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