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Am Stößensee in Wilhelmstadt füllen sich die Stege mit Segelbooten. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de! Foto: Christophe Gateau/dpa
© Christophe Gateau/dpa

Berlin reinigt den Stößensee an der Heerstraße Überall Müll im Idyll

Segler, Hunde, Currywurstbude: An der Heerstraße ist Abfall ein Problem. Doch jetzt packen viele an – und helfen sogar mit Kajaks vom Wasser aus.

Hier mal ein schnelles Berlin-Quiz: Was haben Pichelsdorf, Pichelswerder, Pichelssee (alle in Spandau) mit Pichelsberg (Westend) gemein? Um Trinkfreudigkeit geht’s nicht am Havelufer.

„Pichel“ ist eine alte Bezeichnung für „Pech“. Früher wurde hier Teer gewonnen. Die Ecke steckt aber nicht nur voller Historie, sondern auch: voller Müll.

Das liegt am Vergnügungsvolk, das sich an der Heerstraße zwischen Wald und Flussidyll gehen lässt – auf dem Schiff, am Ufer oder mit dem Hund.

Auf Pichelswerder befindet sich nämlich nicht nur eine beliebte Currywurstbude, sondern auch ein großes Hundesauslaufgebiet. Und wo viele Leute sind, ist auch viel Dreck.

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Zur größeren Ansicht klicken Sie bitte auf das rote Kreuz. © Grafik: Fabian Bartel

Neulich erst haben Bürgerinnen und Bürger die Halbinsel Pichelswerder gereinigt, darunter Leser des Spandau-Newsletters des Tagesspiegels.

„Wir konnten eimerweise Müll auf Pichelswerder einsammeln“, erzählte hinterher Corina Weber. Sie ist Wissenschaftlerin, beim Rathaus angestellt und leitet die „Klimawerkstatt“ in der Altstadt Spandau. 

Und Weber rückt nun mit Kalkül die schöne Ecke am Stößensee in den Fokus. „In nur zwei Stunden kam eine Galerie des Grauens zusammen: Verpackungsmüll, kaputte Radkappen, Kippen, Flaschen, Coffee-To-Go- Becher, Plastik in allen Varianten, Kronkorken, ein zerfetztes Kuscheltier, eine rostige aufgebrochene Geldkassette, unzählige Einwegplastikgäbelchen und Einweggeschirr vom Curry-Imbiss am Eingang… Ein wahres Panoptikum aus Zivilisationsmüll.“

"Die Plastiktüten gefährden Vögel und Fische in der Havel"

Es folgt die nächste Aktion: Diesmal wird der Stößensee selbst gereinigt. „Zum World Cleanup Day 2020 laden wir am 19. September alle Wassersport-, Ruder- und Segelbootvereine sowie engagierte Bürgerinnen und Bürger zum Stößensee ein, um die Havel vom Plastikmüll zu befreien."
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Ausgestattet mit Handschuhen, Greifzangen und Müllbeuteln fischen wir diesmal direkt vom Wasser aus nach Plastiktüte und Co. in der Havel, die Fische, Seevögel und die Gewässer gefährden.“ Wann? 14 bis 17 Uhr, Siemenswerderweg 30. Alle Aktionen im Netz: gemeinsamesache.berlin

Das Ergebnis vom letzten Mal war schon übel. Aber was sie wohl demnächst erwartet? „Der Müll entsteht zum Beispiel durch Außer-Haus-Verzehr von Mahlzeiten in Einwegverpackungen – und durch Corona ist das Problem größer geworden. Pizzakartons, Plastikbecher, Pappteller, Einweg-Plastikbesteck und -becher, Plastiktüten, Bierdosen – nach jedem Picknick oder Grillen im Grünen landet das meiste davon in der Wiese oder im Fluss. Und neuerdings natürlich auch Einweg-Masken“, erzählt Weber.

"Es ist nicht normal, seinen Dreck in die Natur zu kippen"

„Cleanups wie auf Pichelswerder sensibilisieren für das Problem und setzen ein Zeichen, dass es eben nicht normal und gut oder gar akzeptiert ist, seinen Dreck in die Natur oder auf die Straßen und damit anderen vor die Füße zu werfen.“ Der Reinigungstag heißt „Havel-Clean-Up“ und ist Teil der großen Tagesspiegel-Aktion „Gemeinsame Sache Berliner Freiwilligentage.“

Das Problem mit all dem Plastikmüll in der Havel habe mehrere Ursachen, erzählt die Umweltexpertin.

Wieder Ärger um Partyboote: Müll landet im Wasser

„Da sind zum Beispiel die vielen Partyboote auf der Havel, die nicht nur Lärm für Anwohner, sondern auch viel Müll im Wasser hinterlassen“ – der zunehmende Krach in der Natur ist seit Wochen Thema in den Tagesspiegel-Newslettern und hat längst Politik und Polizei erreicht. Die Debatte dazu mit vielen Stimmen von Leserinnen und Lesern, Anwohnern, Politiker, Wassersportlern und der Polizei haben Sie in den einzelnen Newslettern aus Ihrem Bezirk gelesen.

Und: „Der an den Ufern achtlos weggeworfene Müll von Picknick-Veranstaltungen und Badenden wird mit dem nächsten Windstoß in die Havel geweht und gefährdet dort Fische und Vögel. Schon ein kleiner Plastikflaschenverschluss kann tödlich sein, wenn sich ein Seevogel daran verschluckt“, berichtet Weber.

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Warum nun ausgerechnet der Stößensee? Der war vor gut 100 Jahren übrigens größer, ehe die Erdmassen für den gewaltigen Damm der Heerstraße in die Mitte geschoben wurden. „Für den Stößensee haben wir uns nach längerer Vorauswahl aus den vielen mit Plastikmüll belasteten Havelabschnitten letztlich auch entschieden, weil der Verleih ,Berlin Piratas’ unsere Aktion mit zehn kostenlosen Kajaks toll unterstützt und der Stößensee mit Klein-Venedig prima geeignet ist für unsere Clean-Up-Aktion.“ Bei den Piratas ist deshalb auch der Treffpunkt, und „Klein-Venedig“ ist ein hübsches Revier nebenan mit Kleingärten und Mini-Kanälen.

[Der Autor schreibt auch den Spandau-Newsletter beim Tagesspiegel - und freut sich auf Sie. Den Spandau-Newsletter gibt es kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de]

Weitere zehn Kajaks wird die KlimaWerkstatt über ihr Projekt „Mach mal schön, Spandau“ anmieten.

„Somit können wir insgesamt 20 Kajaks kostenlos für das Cleanup zur Verfügung stellen. Wir hoffen, dass sich zudem viele Paddler, Ruderer und Segler mit eigenen Booten beteiligen“, sagt Weber.

Auch die Taucher der DLRG wurden gefragt – die haben gleich um die Ecke ihre Zentrale an der Scharfen Lanke – und besonderes Interesse an sauberen Gewässern.

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