Menschen stehen in einer langen Schlange vor einer Arztpraxis im Bezirk Neukölln für einen Corona-Test an. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Berlin-Neukölln vor dem Kontrollverlust? „Wir brauchen jetzt einen Strategiewechsel – sonst halten wir nicht durch“

Neukölln ist aktuell die Nummer 1 unter den Corona-Hotspots in Deutschland. Der zuständige Amtsarzt fordert einen radikalen Kurswechsel in der Corona-Politik.

Dr. Nicolai Savaskan ist seit Jahresbeginn Amtsarzt in Berlin-Neukölln. Der Bezirk mit 330.000 Einwohnern ist momentan (Stand Donnerstag, 15. Oktober) so stark vom Coronavirus betroffen wie keine andere deutsche Region. Die kritische Sieben-Tages-Inzidenz liegt mittlerweile bei fast 180, schon ab einem Wert von 50 sollten Kreise Gegenmaßnahmen ergreifen. In Berlin zählt aber das ganze Stadtgebiet.

Savaskan hält die Eindämmungsstrategie, die seit Beginn der Pandemie gefahren wird, für nicht länger durchhaltbar und fordert ein „risikobasiertes Vorgehen“. Er kritisiert die Regelungen für Reiserückkehrer und das Beherbergungsverbot als „Fiasko“, weil sie für enorme Verunsicherung sorgen würden.

In seinem Bezirk ließen sich mittlerweile 70 Prozent der Infektionen nicht mehr zurückverfolgen, der Ausbruch sei zu einem Flächenbrand mit hunderten Glutnestern geworden. Die politischen Entscheidungen, sagt Savaskan, würden mit dem Infektionsgeschehen nicht mithalten. Er schlägt vor, dass Risikogruppen nur noch gesondert den öffentlichen Raum betreten und mit Schutzausrüstung ausgestattet werden. Hier lesen Sie das ganze Interview:

Der Bezirk Neukölln hat die höchste Inzidenz in ganz Deutschland, 20 Prozent aller Corona-Fälle im Bezirk seit Beginn der Pandemie sind in den letzten 7 Tagen aufgetreten. Warum steigen die Zahlen so rasant, Herr Dr. Savaskan?
Stellen Sie sich einen Waldbrand vor: Wir haben nicht mehr einen Brandherd, sondern multiple Glutnester - nicht Dutzende, sondern Hunderte. Die Analyse der Fälle zeigt keine regelhafte Verteilung mehr, keine Cluster. Bei 70 Prozent der Fälle finden wir nicht mehr den Infektionsherd. Was wir jetzt schon in Neukölln erleben, sind nur die Vorboten von dem, was wir wahrscheinlich in allen Metropolen des Landes erleben werden. Neukölln ist der Sensor für das ganze Land.

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Warum ist Neukölln so heftig betroffen? Es hieß immer wieder, große Hochzeitsfeiern seien Schuld am Infektionsgeschehen und die jungen Leute, die im Norden des Bezirks feiern.
Wir haben hier sehr große Einwohnerzahlen auf relativ wenig Raum - das vereinfacht es für das Virus, zu streuen. Und wir haben sicher auch eine jüngere und mobilere Bevölkerung als andere Bezirke. Deshalb haben wir - wie der Bezirk Mitte - aber auch sehr proaktiv getestet, mehr getestet als andere Bezirke, sodass wir vielleicht auch einen klareren Überblick über die Lage haben.

Und die Feste von großen Familien spielten keine Rolle? In den Medien - auch überregional - wurde das häufig als Hauptgrund für die steigenden Infektionszahlen genannt.
Es gab diese Hochzeiten und die Ausbrüche in Bars, auch die haben zu den steigenden Zahlen beigetragen. Das waren aber relativ einfach händelbare Fälle für uns, weil wir sie eindämmen konnten, in dem Moment, in dem wir sie detektiert hatten.

Diese Ereignisse wurden auch medial eng begleitet, was in der öffentlichen Wahrnehmung aber kaum vorkommt, ist die Durchsickerung des Infektionsgeschehens. Sie wurde zum Beispiel durch die vielen Reiserückkehrer ausgelöst oder durch Menschen, die sich nicht wie empfohlen von Großveranstaltungen ferngehalten haben.

Wir müssen davon ausgehen, dass wir seit Wochen ein asymptomatisches Infektionsgeschehen hatten, das im Verborgenen lief. Jetzt müssen wir vor allem vermeiden, dass die Infektionen auf Risikogruppen übergehen, auf Alte und Kranke.

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Sind denn tatsächlich die innerstädtischen Neuköllner Kieze, wo die Bars und Kneipen sind, viel stärker betroffen, als die kleinstädtischen Gebiete, die an Brandenburg grenzen?
Wir hatten vor zwei Monaten eine Häufung in Nordneukölln, mittlerweile ist es aber so, dass sich die Fälle über den gesamten Neuköllner Bezirk verteilen. Um das zu verdeutlichen: Selbst der theoretische Moment, in dem man die „chinesische Eindämmungsstrategie“ hätte fahren können...

...also Nord-Neukölln abzuriegeln...
Ja, dieser Moment ist längst vorbei, weil das Virus bereits weit in die Peripherie gestreut hat.

War die mediale und politische Konzentration auf Familienfeste und die jungen Raver also falsch?
In der Pauschalität hat das sicher nicht ganz zugetroffen, aber es bringt jetzt in dieser dramatischen Lage nichts, nur zurückzuschauen. Die Maßnahmen, die zum Beispiel das Land Berlin getroffen hat, also das Einführen einer Sperrstunde oder die Verkleinerung von privaten Treffen, waren aus infektiologischer Sicht richtig. 

Die Entscheidungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene haben aber nicht Schritt gehalten mit der Infektionslage. Die Verordnung von Anfang Oktober will etwas verhindern, was schon vier Wochen vorher als Infektionsquelle ausgemacht wurde. Die Entscheidung war deshalb nicht falsch, kam aber zeitlich zu spät.

Und jetzt, ist die Lage in Neukölln, vielleicht in ganz Berlin, außer Kontrolle? Oder „am Rand der Kontrolllosigkeit“ wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vor einigen Tagen behauptete?
Die Sieben-Tages-Inzidenz der Neuinfektionen ist unerwartet hoch. Wir liegen in Neukölln jetzt bei wöchentlich 180 Infektionen pro 100.000 Einwohner. Jeder Fall hat im Schnitt 15 Kontaktpersonen, die die Fallmanager ebenfalls betreuen müssen.

Für die Arbeitsbelastung der Gesundheitsämter ist allerdings nicht nur die Inzidenz ausschlaggebend, sondern vor allem die Erfassung der Rückstände. Das sind Menschen, die positiv getestet wurden, aber noch nicht kontaktiert werden konnten. Diese Rückstände reflektieren die Arbeitsfähigkeit des Gesundheitsamtes.

Wie sieht es damit aus? Uns erreichen fast täglich Beschwerden aus ganz Berlin, dass positiv Getestete über drei, vier Tage nicht vom Gesundheitsamt benachrichtigt werden.
Ich kann nur für Neukölln sprechen: Wir versuchen hier zurzeit, die Rückstände vom Vortag nicht zu groß werden zu lassen. Wir schaffen es jetzt in den meisten Fällen noch am Folgetag, positive Getestete zu benachrichtigen.

Ich muss aber auch sagen, dass jemand der sich abstreichen lässt, das natürlich nicht zum Spaß tut, sondern weil er einen Verdacht hat. Und dazu gibt es eine klare gesetzliche Regelung: Man muss sich in Isolation begeben bis das Testergebnis vorliegt - dazu braucht es nicht erst das Gesundheitsamt. Die Menschen haben auch eine Eigenverantwortung.

Und dieser Eigenverantwortung kommen die Menschen zu wenig nach, glauben Sie?
Seit September steigen die Fallzahlen wieder rapide an. Wir haben feststellen müssen, dass das Wissen über die Quarantäneregeln bei vielen nicht mehr in der Weise existent ist, wie wir es kurz nach dem Lockdown im April und Mai hatten.

Wir hatten es mit Entscheidungsträgern in Behörden und Unternehmen zu tun, die glaubten, dass man durch ein negatives Testergebnis die Quarantäne beenden kann. Die Regeln des Robert-Koch-Instituts sind kaum noch präsent, das erschwert unsere Arbeit sehr, weil es den Beratungsaufwand pro Fall enorm erhöht. Wir fangen gerade wieder bei Null an.

Woher kommt diese plötzliche Amnesie? Durch die Sorglosigkeit des Sommers oder waren die Regeln vielleicht noch nie wirklich klar genug?
Die Menschen sind hochgradig verunsichert. Das liegt bei vielen auch an den Verordnungen zur Reiserückkehr oder dem Beherbergungsverbot. Darin ist ja die Freitestung vorgesehen, die sich in den normalen Quarantäneregularien des Robert-Koch-Instituts nicht wiederfindet.

Das hat eine Erwartungshaltung bei den Menschen, auch bei den Arbeitgebern, erzeugt, die epidemiologisch Unsinn ist. Das ist ein Fiasko. Eins ist deshalb klar: Steigen die Zahlen weiter, können wir die Eindämmungsstrategie, die wir seit Beginn der Pandemie fahren, nicht durchhalten.

Was ist das Problem?
Wenn wir jetzt genauso handeln wie während der ersten Welle der Pandemie, kommen wir automatisch in den zweiten Lockdown. Die Zahl der Quarantänisierten wird irgendwann die Arbeitsfähigkeit von Unternehmern, aber auch der Verwaltung oder der Polizei einschränken. 

Die Berliner Amtsärzte sind sich deshalb weitgehend einig, dass wir auf absehbare Zeit unsere Strategie anpassen müssen, wenn wir einen zweiten Lockdown verhindern wollen.

Was schwebt Ihnen stattdessen vor?
Wir müssen zu einer risikobasierten Pandemiebekämpfung kommen - im Sinne des Schutzes aller vulnerablen Gruppen.

[Das Coronavirus in Berlin: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen. Kostenlos und kompakt: checkpoint.tagesspiegel.de]

Was bedeutet das konkret?
Das würde heißen, dass wir empfehlen, dass Risikogruppen gesondert den öffentlichen Raum betreten und mit Schutzausrüstung ausgestattet werden. Tübingens Bürgermeister Boris Palmer hatte zum Beispiel vorgeschlagen, dass für ältere Menschen täglich Zeit-Korridore geöffnet werden, in denen sie sich sicher in Läden oder auf der Straße bewegen dürfen.

Das hieße: Zwei Stunden am Tag dürfen nur Risikogruppen in die Supermärkte. Eine solche Strategie würde auch bedeuten, dass spezielle Test- und Besuchsregeln für Altenheime, Pflegeheime und deren Mitarbeiter erlassen werden. Auch Test-Slots müssten in Zukunft risikobasiert vergeben werden, weil wir bei diesen Infektionszahlen nicht mehr jeden testen können. Wir müssen hin zu einer Risikogruppentestung und Fokussierung.

Was Sie bislang nicht angesprochen haben: das Thema Personal. Seit Wochen streiten Bezirke und Senat um mehr Personal für die Gesundheitsämter - davon gibt es angeblich zu wenig.
Es bringt nichts, nur nach mehr Personal zu rufen, das es nicht gibt. Das machen wir deshalb auch nicht. Wir brauchen keine Laienhelfer, sondern ausgebildete Fallermittler. Wir bräuchten für sie Räume, IT-Ausstattung, Schulungen. Einfach noch mehr Bundeswehrsoldaten hier reinzusetzen, wird akut wenig bringen.

Was bräuchten Sie denn kurzfristig, um wieder vor die Lage zu kommen? Um dieses Virus wieder einzudämmen?
Ganz pragmatisch: Wir brauchen den Strategiewechsel, mindestens eine Strategieanpassung - das ist das Wichtigste. Außerdem brauchen wir eine Informationskampagne, die die Menschen mitnimmt. Alle neuen Maßnahmen werden nur so erfolgreich sein, wie sie auch verstanden und, wichtiger noch, akzeptiert werden. Es geht nur zusammen.

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