Mira O'Brian zeigt den Kursteilnehmern verschiedene Zeichnungen, bevor sie an die Arbeit gehen. Foto: Michele Galassi
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Berlin Drawing Room Natur zeichnen und verstehen lernen

Stella Marie Hombach
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In ihren Workshops bringt Mira O’Brien Kunst und Wissenschaft zusammen – mit einem fast sezierenden Blick für die Details von Pilzen, Blumen, Ästen.

Pilze können die Wahrnehmung verändern – und genau darum geht es Mira O’Brien: Mit der Hilfe von Pilzen will die 36-Jährige lehren, die Welt um sich herum anders zu sehen. Der Plan ist jedoch nicht, sie zu essen und auf eine halluzinogene Wirkung zu warten, sondern sie zu zeichnen. „Denn je genauer wir uns ein Objekt anschauen, desto detaillierter nehmen wir es auch wahr“, sagt O’Brien.

O’Brien ist Künstlerin, kommt aus den USA und entwirft eigentlich Installationen. Als sie 2008 nach Berlin zog – die „New York Times“ schrieb, dass alle hippen Künstler nach Berlin gehen – wurde der damals 26-Jährigen schnell klar, dass sie von ihrer Kunst allein nicht leben kann. Also kam O’Brien auf die Idee, Malkurse anzubieten. Und weil die so gut ankamen, gründete sie 2011 in ihrem Atelier in einem ehemaligen Schulgebäude in der Kreuzberger Wrangelstraße den Berlin Drawing Room, wo sie verschiedene Zeichen-Workshops anbietet. Mittlerweile unterrichten dort weitere Künstler.

An einem Oktobertag steht O’Brien vor einer neuen Klasse und erklärt, was in diesem Workshop drankommt: eine theoretische Einführung ins Malen mit Aquarellfarbe, ein Ausflug in den Grunewald und natürlich jede Menge Pilze. Die zwölf Kursteilnehmer hören gespannt zu. Ihr Malwerkzeug haben die meisten schon feinsäuberlich vor sich aufgebaut. Unterrichtet wird auf Englisch.

Auch Annette Hansen will Zeichnen lernen, auf den Berlin Drawing Room stieß sie zufällig im Netz, das Pilz-Thema interessierte, also: „Warum nicht einfach mal ausprobieren?“ Die 47-Jährige arbeitet in einem Medienunternehmen, sitzt meistens am Computer und hatte den Wunsch, etwas „mit den Händen zu machen“. Für die 58-jährige Ingenieurin Charmaine Bartsch ist der Workshop die erste Gelegenheit, endlich etwas für sich zu tun, nachdem die Kinder aus dem Haus sind.

Mira O'Brian und eine Kursteilnehmerin, die Pflanzen unter einem Mikroskop anschaut. Foto: Michele Galassi
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Vor allem Naturwissenschaftler besuchten die Kurse

Den Fokus auf manche Motive, wie etwa auf Pilze, gab es nicht immer im Berlin Drawing Room. Gemalt wurde alles, was sich im etwa 60 Quadratmeter großen Atelier befindet. Darunter vor allem klassische Stillleben von Blumen und abgebrochenen Zweigen, eine Schale mit Obst, ein Stapel alter Bücher. Die einzige Vorgabe, die Mira O’Brien ihren Schülern stellte: „Beobachtet genau, was Ihr vor euch seht, lasst die Gegenstände auf euch wirken.“ Denn tut man das, behauptet sie, erscheinen selbst die alltäglichsten Gegenstände plötzlich in einem anderen Licht, erscheint eine Schale mit Äpfeln plötzlich als herbstliches Farbenspiel.

Mit der Zeit stellte O’Brien fest, dass vor allem Chemiker, Physiker und Biologen ihre Kurse besuchten. Und sie erinnerte sich an die Naturalisten des späten 19. Jahrhunderts, für die Kunst und Wissenschaft eng miteinander verknüpft waren. „Auf der einen Seite waren ihre Zeichnungen ein Versuch, die Welt um sich herum objektiv und naturgetreu zu zeigen“, sagt O’Brien. „Auf der anderen Seite sind sie ein subjektives Zeugnis davon, wie ein Mensch die Welt sieht.“

Die Idee, Kunst und Wissenschaft wieder stärker miteinander zu verbinden, gefiel O’Brien – und sie machte sich auf die Suche nach jemandem, der sich mit Pflanzen und Tieren auskennt. In den Prinzessinnengärten wurde sie fündig: Matthias Wilkens ist 38 Jahre alt, hat im Botanischen Garten eine Ausbildung zum Gärtner absolviert und arbeitet seit gut neun Jahren für das Urban Gardening Projekt am Moritzplatz in Kreuzberg. Als O’Brien ihn fragte, ob er als wissenschaftlicher Experte ihre Malkurse begleiten will, sagte er sofort zu.

Für das Konzept ihrer Workshops orientiert sich Künstlerin O’Brien an den Naturalisten des späten 19. Jahrhunderts. Foto: privat
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Kein guter Sommer für Pilze

Das Konzept der beiden kommt an: Als Wilkens den Kursteilnehmern das Wichtigste zu Pilzen erklärt – derzeit sind gut 120.000 Pilzarten bekannt - hören die Kursteilnehmer konzentriert zu, manche machen sich Notizen. Dann geht es ans Künstlerische: Mira O’Brien zeigt, wie Aquarellwaschungen entstehen, auf welch unterschiedliche Arten sich Farben und Wasser also mischen lassen und welche Effekte dadurch entstehen. Sie zieht ein Rechteck, mischt verschiedene Blautöne und malt aus. Anschließend tunkt sie ihren Pinsel ins Wasser und hellt das Blau am unteren Rand auf. „Ist man sich beim Mischen unsicher, sollte man lieber etwas mehr Wasser als Farbe benutzen“, sagt die 36-Jährige. Denn ein Blau oder ein Rot kräftiger zu machen, sei einfacher, als es wieder aufzuhellen.

Nachdem O’Brien die Technik der Waschung erklärt hat, sind die Kursteilnehmer an der Reihe und dürfen sich ausprobieren. Für Ingenieurin Bartsch ist das Zeichnen eine Herausforderung, das Farbenmischen ist schwieriger als gedacht.

Auch Mira O’Brien und Matthias Wilkens wurden mit einer Schwierigkeit konfrontiert: Bereits beim zweiten Kurstermin müssen sie den Teilnehmern mitteilen, dass es keine Pilze gibt. Stundenlang sind die beiden am Wochenende zuvor im Wald gewesen und haben gesucht. Das Ergebnis: Ein mickriges Exemplar. „Dieser Sommer war einfach zu trocken“, sagt O’Brien. Statt Pilzen kommen nun also doch wieder Blumen, Stöcke und Äpfel auf den Tisch.

Kursteilnehmerin Bartsch findet das nicht schlimm. Ob sie die verschiedenen Zeichentechniken an einem Pfifferling oder einer roten Aster ausprobiert, ist für die 58-Jährige zweitrangig. Erstaunt stellt sie fest, wie viele Gelb- und Orangetöne ein Kürbis hat, wenn man nur genau hinschaut. Und dass Zeichnen mehr ist, als sie gedacht hätte.

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Freie Workshopplätze gibt es noch für den Kurs „Wunderkammer Drawing“, der in Zusammenarbeit mit dem Museum für Naturkunde stattfindet. 11. Januar bis 1. Februar 2019. Anmeldung und weitere Infos unter: www.berlindrawingroom.de.

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