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Im Licht der aufgehenden Sonne ist das Brandenburger Tor nur als Silhouette zu erkennen. Foto: picture alliance / Paul Zinken/d
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Berlin, dit schaffste! Warum die Krise um das Coronavirus für die Stadt zur Chance werden kann

Blockaden, Aufstände, Mauerbau: Die Stadt hat sich an viele Krisen gewöhnt. Zeit, sich in der aktuellen Pandemie auf erprobte Werte zu besinnen.

„Der Insulaner verliert die Ruhe nicht“ – eine Liedzeile aus Günter Neumanns Rias-Kabarett , die 1948 während der Blockade entstanden ist und das Selbstverständnis der Berliner bis heute bestimmt. Jedenfalls das der heute sehr alten Berliner, die 1948 fast alle die Bombennächte des Weltkriegs miterlebt hatten und sich damals, nur ein paar Jahre später, wieder am Rand eines Krieges wähnten, umzingelt von den russischen Truppen und deren Drohung, die Stadt auszuhungern.

Es kam bekanntlich anders, aber geblieben ist das mit der Ruhe, die der sonst so raue, immer am Rand der Unhöflichkeit redende Menschenschlag unter äußerem Druck annehme, als Idee und als Hoffnung. Und das, obwohl wir Berliner seit gut 30 Jahren keine Insulaner mehr sind, sondern vereint und ohne Mauern direkt mit der ganzen Welt verbunden.

Die Schocks für Berlin kamen nach Kriegsende in dichter Folge. 1948/49 Blockade, 1953 die Niederschlagung des Arbeiteraufstands durch russische Truppen, 1958 das Chruschtschow-Ultimatum, 1961 schließlich der Mauerbau, alles geschah in einer ständigen Atmosphäre der gegenseitigen Bedrohung. Immer wieder war im Radio das Lied vom Insulaner zu hören.

Paradoxerweise war es aber gerade der Mauerbau, der eine ruhigere Zeit einleitete, denn damit schienen die Einflusssphären von Ost und West festgeschrieben. Dennoch schauten sie von Westen immer mit Unbehagen auf die Enklave West-Berlin, deren Bewohner durch die als „Zitterprämie“ bekannte Berlin-Zulage zum Ausharren motiviert werden sollte. Jeder dieser alten West-Berliner kann sich an die tausendfach wiederholte Frage erinnern, wie man es nur aushalte mit Mauern und knastmäßigen Zäunen rundherum. Die Antwort war immer die gleiche: Man gewöhnt sich dran.

Der nichtgreifbare Gegner

Ja, wie hat man das ausgehalten, wie sich dran gewöhnt? Und wie ist es heute um den Berliner und seine Nervenstärke bestimmt, in einer Zeit, da sich nur noch sehr alte Eingeborene an die Prüfungen der Nachkriegszeit erinnern? Heute haben wir es mit einem ganz anders gelagerten Kampf zu tun, einem Nervenkrieg und einem nicht greifbaren Gegner, der gerade für die Alten aus der Blockade-Generation am gefährlichsten zu sein scheint.

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Und an die Stelle der kulturell wie politisch verschworenen Insulaner ist in die Stadt eine Generation von Weltbürgern eingezogen, die in alle möglichen Communities zerfällt, kaum eine gemeinsame Sprache besitzt und erst recht nicht in den Stadtgrenzen denkt. Nervenzermürbende Fake News gehen per Handy permanent um die Welt und können durch einen vernunftbetonten Plausch an der Wohnungstür praktisch nicht mehr beeinflusst werden.

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Am Sonnabend haben wir hier im Tagesspiegel ein Interview mit der Gerontologin Vjera Holthoff-Detto veröffentlicht, das in den Satz mündet, die Zuversicht, das alles bewältigen zu können, sei gerade bei den Älteren groß. Hinter diesem Optimismus stehen Jahrzehnte voller Lebenserfahrung, nicht nur aus Bombennächten und Kaltem Krieg, sondern auch ganz alltäglich: Wer richtig alt geworden ist, der hat gelernt, dass Ärzte ganz überwiegend keine Knechte der Pharma-Industrie sind, sondern viele Möglichkeiten zum Helfen haben – wenn man sie lässt und ihren Anweisungen folgt.

Die Ruhe, die nun gerade ältere Menschen ausstrahlen, mag aber noch einen anderen, banaleren Grund haben: Sie sind weniger als Internet-affine Jüngere nicht der Lawine von Nachrichten ausgesetzt, die das Leben als eine endlose Kette von Katastrophen erscheinen lässt, und das nicht erst seit der Corona-Krise. Einfach mal eine erfundene Information, die schon hunderttausend Likes hat, nicht empfangen, einfach durchatmen und nur Seriöses und Notwendiges lesen, das macht schon sehr viel ruhiger.

Westberliner Jungs stehen 1948 auf einem Trümmerberg und begrüßen ein US-amerikanisches Transportflugzeug. Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern
Westberliner Jungs stehen 1948 auf einem Trümmerberg und begrüßen ein US-amerikanisches Transportflugzeug. © picture-alliance / dpa/dpaweb

Berlin ist kein Vorreiter in effektivem Handeln

Was kann Berlin dabei leisten? Ein Hauptproblem scheint darin zu liegen, dass die zuständige Landesregierung nicht wirklich die Kompetenz vermittelt, die sich die Bürger wünschen, und die sie von den Senaten der Krisenzeiten seit Ernst Reuter gewohnt waren, ganz unabhängig von der Gewissheit, dass auch damals oft nur auf Sicht gefahren wurde. Krisenerprobten Regierungen misst man eben diese Kompetenz zu, aber mit dem, was Berlin zu bieten hat, lässt sich kaum eine Vorreiterrolle in Sachen effektives Handeln beanspruchen, die auch den Bürgerstolz fördern und die Stimmung heben könnte.

Überdies ist da das dumpfe Gefühl, dass der medizinisch gebotene Umgang mit dem Virus Gift gerade für das Berliner Geschäftsmodell ist, das ja zu großen Teilen darauf beruht, junge, mobile Hedonisten aus aller Welt anzuziehen und ihnen Spaßmaximierung zu günstigen Preisen anzubieten. Vollgepferchte Clubs und Großveranstaltungen aller Art sind deshalb zu allererst geschlossen und abgesagt worden, und auch die immer attraktivere Gastronomie der Stadt wird sich von diesem Schock hinterher nur schwer erholen.

Gibt es überhaupt ein „Hinterher“, und wie wird es aussehen, können wir nach dem Ende der akuten Periode so weiter leben wie bisher? Vor solchen Fragen hat Berlin nie gestanden. Es gibt ein paar Parallelen zu Tschernobyl, als die Unsicherheit angesichts des Ungreifbaren ähnlich hoch war, und in gewisser Weise auch zum Terroranschlag auf das World Trade Center, denn auch bei diesen Anlässen wurde immer geraunt, dass das Ende der bekannten Welt nun erreicht sei – tatsächlich verändert hat sich, gemessen an den Schreckensphantasien der ersten Tage und Wochen – aber kaum etwas.

Mag sein, dass das auch jetzt wieder so sein wird, aber mit Hurra-Optimismus ist angesichts der Lage kein Staat zu machen, und auch das krisenerprobte „Man gewöhnt sich dran“ wird kaum genügen.

„Herz mit Schnauze" – vom Ku'damm bis zur Sonnenallee

Aber es sollte in den Genen der Stadt doch ein paar Immunfaktoren geben, die sich mobilisieren lassen und für jede Krisensituation hilfreich sind: Gemeinsinn, Hilfsbereitschaft, Aufmerksamkeit, eben dieses vor langer Zeit zum Klischee geronnene „Herz mit Schnauze“ , das doch am Kurfürstendamm ebenso zu finden ist wie an der Sonnenallee, und das so viel mehr ist als das nonchalante rheinische „et hätt noch emmer joot jejange“.

Die Chance der Krise liegt darin, dass die Stadt all das Trennende überwindet und sich auf die Vorteile aktiver Gemeinsamkeit besinnt – denn so schnell werden auch die Touristen nicht wieder zurück sein, um die Brüche in der Stadtgesellschaft wie bisher mit ihrem Geld und ihrer Geschäftigkeit zu verdecken. Es handelt sich also um eine Aufgabe für echte Insulaner. Die gute Nachricht: Es gibt sie noch, und sie nehmen jederzeit neue Mitglieder auf.

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