1896 schuf der schwedische Maler Anders Zorn dieses Porträt Martha Liebermanns. Sein Verkauf sollte ihr die Emigration ermöglichen. Foto: Wikimedia
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Update Berlin-Bücher Martha Liebermanns Abschied vom Paradies

Die Malerwitwe flüchtete 1943 vor der Verfolgung durch die Nazis in den Tod. Jetzt hat ihr die Autorin Sophia Mott einen Roman gewidmet

Wurde die Protagonistin eines Romans nicht erfunden, sondern einem wirklichen Menschen nachgebildet, so ist es naheliegend, wenn diese Person im Buch auch gezeigt wird. Mit dem Porträt der Titelfigur auf dem Umschlag von Sophia Motts „Dem Paradies so fern: Martha Liebermann“ hat es aber eine besondere Bewandtnis. Es ist die briefmarkengroße Reproduktion des Gemäldes, das der schwedische Maler Anders Zorn 1896 von der Frau seines Berliner Kollegen Max Liebermann geschaffen hatte. Und mehr noch, es zeigt damit eines der beiden Werke aus dem Besitz Martha Liebermanns, mit deren heimlichem Verkauf Freunde in letzter Minute noch vergeblich versucht hatten, die vom NS-Regime verlangte „Reichsfluchtsteuer“ über 50 000 Schweizer Franken für ihre Ausreise nach Schweden oder in die Schweiz zusammenzubekommen.
Das zweite Gemälde zeigt Max Liebermann selbst, beide Werke hatte seine Tochter Käthe dem Helfer Edgar Baron von Uexküll als Dank geschenkt. Der hatte sie im November 1942 auf abenteuerliche Weise nach Schweden geschmuggelt, heute befinden sie sich im Besitz des dortigen Zornmuseet, im ehemaligen Haus des 1920 gestorbenen Künstlers.
Solche Details kann man in Biografien Max und Martha Liebermanns jederzeit nachschlagen. Aber es ist doch eine andere Erfahrung, eine andere Art der Imagination fremder Lebensläufe, ob man sie in der notwendig nüchternen Sprache eines wissenschaftlicher Akribie verpflichteten Biografen dargeboten bekommt oder in dem von solchen Beschränkungen freien, fantasie- und lebensvolleren Duktus eines Romans. Wie weit in diesem den Fakten Erfundenes hinzugefügt wurde, liegt dann in die Verantwortung des Autors oder in diesem Fall der Autorin.

Der Maler Max Liebermann an seinem 85. Geburtstag am 20. Juli 1932. Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
Der Maler Max Liebermann an seinem 85. Geburtstag am 20. Juli 1932. © picture alliance / dpa

Und damit will es Sophia Mott, deren Erstling über die Ehe von Elvira und Giacomo Puccini bereits zum Biografischen tendierte, sehr genau genommen haben. „Außer ein paar Nebenfiguren ist niemand erfunden“, versichert sie in einem persönlich gehaltenen „Epilog“. Doch Liebermann-Experten könnten die Stirn runzeln über einige künstlerische Freiheiten, die sie sich genommen hat: Die Vorstellung, Familie Liebermann im frühen 20. Jahrhundert in ihrem Rosengarten am Wannsee im Morgenmantel anzutreffen, ist vielleicht wirklich etwas gewagt.

Gleichwohl ist Sophia Mott ein durchaus berührendes, trotz des bekannten tragischen Endes auch spannendes Buch über Martha Liebermann gelungen, das – der Titel greift hier etwas kurz – keineswegs nur deren letzte Lebensmonate in ihrer Wohnung in der Graf-Spee-Straße 23 in Tiergarten, der heutigen Hiroshimastraße, beschreibt. Geschildert werden auch die „paradiesischen“ Jahre und Jahrzehnte zuvor, an der Seite des gefeierten Malers, sei es in in der Villa am Großen Wannsee, Colomierstraße 3, die heute ein Museum ist und dessen berühmter Garten in wiedergewonnener Pracht blüht, oder in Liebermanns im Krieg zerstörten Wohnhaus am Pariser Platz 7. Es wurde im Jahr 2000 durch einen nach historischem Vorbild gestalteten Neubau ersetzt, auf dem Trottoir erinnert ein Stolperstein an Martha Liebermann.
Geschickt hat die Autorin die Gegenwart der von den Restriktionen der NS-Bürokratie zunehmend bedrängten, zuletzt, die drohende Deportation nach Theresienstadt vor Augen, in den Tod flüchtenden Malerwitwe mit Rückblicken auf ihr Leben mit Max Liebermann verwoben. Sie wechselt dabei in den Zeitebenen hin und her, schafft so zugleich neben dem Porträt Martha Liebermanns auch eines von Max wie der von beiden durchlebten Zeit, vom kaiserlichen Berlin über das der Novemberevolution, der Weimarer Zeit bis zu der des „Dritten Reichs“, dessen Anbruch Liebermann zu seinem im Roman selbstverständlich zitierten Kraftwort veranlasst haben soll: „Ick kann jar nich so viel fressen, wie ick kotzen möchte.“

Sophia Mott: Dem Paradies so fern. Martha Liebermann. Ebersbach & Simon, Berlin. 336 Seiten, 22 Euro. Foto: promo Vergrößern
Sophia Mott: Dem Paradies so fern. Martha Liebermann. Ebersbach & Simon, Berlin. 336 Seiten, 22 Euro. © promo

Ein bekanntes Detail aus seinem langen Malerleben, von anderen wissen eher Spezialisten, etwa dass der 1922 in der Grunewalder Koenigsallee ermordete Außenminister Walther Rathenau ein Verwandter Liebermanns war.
Auch Rathenau war Berliner, wenngleich, glaubt man dem Buch, ohne die Neigung zu bodenständiger Artikulation. Liebermann dagegen, der reale wie die Romanfigur, berlinert derart, dass man sofort Durst auf eine Molle bekommt. Dem sollte man nicht nachgeben, denn auch Dienstboten, Taxifahrer und ähnliches Personal lässt die Autorin hemmungslos berlinern, wie man es hier schon lange nicht mehr vernimmt. Darauf immer eine Molle zu zischen, hätte fatale Folgen.

In einer früheren Version des Textes war kritisiert worden, dass im Roman Walther Rathenau als Neffe Max Liebermanns bezeichnet wurde. Zu den nicht ganz einfach zu durchschauenden Verwandtschaftsverhältnissen der beiden erreichte die Redaktion folgende Anmerkung der Buchautorin:

"Leider meinte Ihr Rezensent, mich eines Fehlers überführt zu haben. Geirrt hat aber er, was die verwandtschaftlichen Beziehungen der Liebermanns und der Rathenaus angeht. Ganz richtig und etwas umständlich hat er dargestellt, dass Walther Rathenaus Urgroßvater der Großvater Max Liebermanns war. Wenn man die Sache aber mal vom anderen Ende der Generationenfolge betrachtet, war Walther Rathenau der Sohn von Emil Rathenau. Der wiederum war ein Sohn von Therese, der Schwester von Max' Vater. Also war Emil ein direkter Cousin Max Liebermanns. Umgangssprachlich wird deshalb sein Sohn Walther Rathenau gerne als Großcousin von Max Liebermann bezeichnet. Max Liebermann selbst bezeichnete sich, wie man in meinem Buch auch nachlesen kann, als Cousin Walthers. Nach heutiger Festlegung der Verwandtschaftsbezeichnungen aber ist Walther ein Neffe zweiten Grades. Also habe ich Walther Rathenau ganz korrekt als ,Neffen' bezeichnet."

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