Ein Mauerstein erinnert an die unbekannten Opfer der innerdeutschen Grenze. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Ben Wagin zum 9. November in Berlin "Und dann klirrten die Scheiben"

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Er hat Reichspogromnacht und Mauerfall erlebt. Am 9. November 1990 eröffnete Ben Wagin das „Parlament der Bäume“. Ein Rundgang durch deutsche Geschichte.

Ben Wagin spaziert durchs „Parlament der Bäume“ am Schiffbauerdamm. Er wandelt, denn für ihn, den Erschaffer dieser Gedenkstätte, kann die Formulierung vom „wandelnden Lexikon“ nicht treffender sein. Wenn Ben, wir nennen ihn Ben, weil er, wie bekannt, alle Menschen duzt und es umgekehrt nicht anders erwartet, wenn Ben also beim Wandelgang aus seinem inzwischen 89 Jahre währendem Leben erzählt, spricht er ohne Punkt und Komma von der Tante, mit der er nach Berlin gekommen ist, wo man vor 80 Jahren die Flammen gesehen hat, wer hier welchen Baum gestiftet und gepflanzt hat, dass das da hinten echte S-Bahn-Türen sind.

Ben, Ben, Hilfe, stopp einfach mal. Man ist dann nach zwei Stunden Wandelgang völlig erschlagen von all den Geschichten, die Ben auf einen niederprasseln lässt. Es sprudelt einfach alles aus ihm heraus. Und um ihn, den sehr kleinen Mann mit dem immer noch kräftigen Händedruck und der nie versiegenden Tatkraft, verstehen zu wollen, muss man immer wieder um Übersetzungen bitten. Und dann steht er da zwischen seinen Bäumen, Büschen, Gedenktafeln, Segmenten der Berliner Mauer, an diesem Ort, den er erschaffen hat auf dem Gelände des ehemaligen Todesstreifens zwischen dem heutigen Haus der Bundespressekonferenz und den Büros der Bundestagsabgeordneten und wird fast unwirsch, wenn man mal nachfragt: „Mit Willy ist Willy Brandt gemeint, oder?“

Er wischt solche Fragen fast weg wie lästige Fliegen: „Ja, ja.“ Und mit Michael meinst du Michail Gorbatschow? „Nein, nein, der hat hier diesen Ginkgo gepflanzt, den Apfelbaum da hinten hat Michael Douglas, der Schauspieler, eingegraben.“ Ben kennt jeden Baum hier persönlich, jeden Busch, jeden Halm und so ziemlich jeden Menschen auf der Welt. Er spricht sie einfach an, hat keine Berührungsängste, keine Scheu, er ist sehr hartnäckig.

Der Richie, der Klaus und die Rita

Gorbatschow hat er zum Beispiel damals im Kreml angerufen, sich so lange durchgefragt, bis er den sowjetischen Staatspräsidenten und maßgeblichen Mann zur Auflösung der deutschen Teilung tatsächlich am Apparat hatte. Und dann, als Gorbatschow in Berlin weilte, hat sich Ben, so erzählt er es, einfach durchgedrängelt an allen Sicherheitsbeamten vorbei mit einer Kiste mit 50 Ginkgo-Setzlingen, die Gorbatschow dann bezahlt hat und später einen davon persönlich mit Spaten und Schaufel eingesetzt hat in die Erde. Der steht jetzt vor dem Mauersegment, auf dem sein berühmter Satz steht: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Ben erzählt solche Geschichten fast beiläufig, ohne Stolz, ohne Angabe, einfach nur so. Als sei es das Normalste der Welt, einfach mal so mit den Lenkern der Welt über Bäume zu reden, die es zu pflanzen gilt. Auf diese Weise hat er den Richie bekommen (von Weizsäcker, ehemaliger Bundespräsident), den Klaus (Töpfer, ehemaliger Umweltminister), die Rita (Süssmuth, ehemalige Familienministerin), die Hanna (-Renate Laurien, unter anderem auch mal Schulsenatorin in Berlin). Es gibt wohl wenige Menschen, die ähnlich umtriebig sind wie Ben. Sein Erfolg gibt ihm recht. Und dass er vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, beim Wandel durch sein Werk, ist nur zu verständlich.

Ort gegen Krieg und Gewalt

Er stoppt jetzt vor einer Installation aus Eisenträgern, „das sind Originalteile der deutsch-deutschen Grenzbefestigung“, um die zerbrochene Fensterscheiben drapiert sind, „das gehört zu dem, was vor 80 Jahren geschehen“. Es sei dieses Parlament der Bäume eben nicht nur eine Gedenkstätte für die Opfer der innerdeutschen Grenze, „das wird immer fälschlicherweise so dargestellt“, es eben ein Ort „gegen Krieg und Gewalt.“

Ben Wagin auf dem Gelände des " Parlaments der Bäume". Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Und dann holt er aus und im Detail vermischen sich auch schon mal die Erinnerungen. „Vor 80 Jahren warst du neun, Ben.“ Ja, ja, sagt er, „da haben wir im Wedding gewohnt“, und das deckt sich nicht ganz mit seiner Biografie, aber das Erlebte braucht keine spezielle Verortung. „Da war diese Katze, die kratzte abends immer am Fenster und wollte rein. Ich habe sie rein gelassen, wir sind dann unters Bett gekrochen oder ins Bett, da schlief sie. Und dann klirrten die Scheiben, weil in unserem Mehrfamilienhaus auch Juden wohnten. Und durch die zerbrochenen Fensterscheiben drang der Qualm rein von den brennenden Häusern und Synagogen. Da fing der Wahnsinn an vor 80 Jahren, und ich lag da mit meiner zugelaufenen Katze im Bett. Ich hatte immer Bezug zu Tieren. Jahre später, da wohnte ich schon in Tiergarten, hatte ich Moro, die Nebelkrähe, die wohnte 18 Jahre bei mir, die wusste immer schon, dass ich vor der Tür stand…“ Vom Hölzchen geht es zum Stöckchen.

Leben auf Spendenbasis

Dabei ist Bens Lebensraum sehr beschränkt. Ein Leben in der Joseph-Haydn-Straße in Tiergarten, gleich neben der S-Bahn-Trasse, da hat er Wohnung und Atelier und das ist eine Stätte, die vollgestellt ist mit Kunst und Natur, Kunst und Natur, Kunst und Natur, Sitzplätze müssen frei geschaufelt werden. Des Weiteren hinter dem Anhalter Bahnhof, dort hat Ben ein großes Atelier, „und da habe ich vor ein paar Jahren in einer Ruine so einen Griff gefunden, so einen Nothaltegriff, Wahnsinn, da finde ich so ein Ding. Als ich mit Tante Martha nach Berlin kam, das war 1937, da stellte ich mir vor, dass man an so einem Griff ziehen muss, wenn man aussteigen will, und das habe ich dann auch getan. Hat aber Ärger gegeben.“

Dritte Station ist der Savignyplatz, wo Ben ebenfalls Wandinstallationen erstellt hat, „ich habe ein enges Verhältnis zur S-Bahn, ich habe als Kind mal einen Film gesehen, in dem stieg ein Mann aus der S-Bahn aus und war in seiner Wohnung, so wollte ich es eigentlich immer haben.“ Und schließlich das „Parlament der Bäume“, am 9. November 1990 eröffnet. „Mindestens drei Mal die Woche bin ich hier, viel mehr kenne ich nicht von Berlin.“

Das "Parlament der Bäume" befindet sich am Schiffbauerdamm an der Adele-Schreiber-Krieger-Straße in Mitte. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Viel mehr braucht Ben auch nicht. Ein Leben auf Spendenbasis. „Jetzt im Sommer, ich stand gerade im Parlament der Bäume und sprengte den Rasen und die Bäume. Da stand ein Mann rum und staunte und fotografierte. Ich kann das nicht leiden, wenn die Leute einfach nur hier reinkommen, fotografieren und wieder abhauen und sich keine Gedanken machen. Ich bin hin zu dem Mann, hey du, hilf mir lieber, habe ich zu ihm gesagt, und dann hat er mir wortlos einen Hunderter in die Tasche gesteckt. Auch gut, das kostet ja hier. Aber die Wasserwerke sind einer meiner Sponsoren, das Wasser bekomme ich umsonst.“ Wieder vom Hölzchen zum Stöckchen.

Gedenkstätte steht unter Denkmalschutz

Und jetzt steht wieder ein Mann auf dem Mittelweg und fotografiert die Mauersegmente. Auch den spricht Ben freundlich an, aber der versteht ihn nicht, weil er Australier ist und kein Deutsch kann. Ben kann kein Englisch. Der Mann ist sehr groß und vornehm gekleidet und das gibt ein hübsches Bild ab mit dem dem kleinen Ben in seinen Arbeitsklamotten. Finanziell geht Ben diesmal leer aus, aber als der Mann erzählt, dass er von Bens Installation im fernen Australien gelesen hat, reicht ihm das auch als Entlohnung.

Komm, sagt Ben, wir gehen hinter die Mauerteile, da hängen alte S-Bahn-Türen, „die hat mir der Dieter überlassen“ (Teichmann, ehemaliger Stabschef der DDR-Grenztruppen). „Dessen Telefonnummer habe ich in der Ständigen Vertretung von Günter aufgeschnappt (Gaus, ehemals Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR). Und dann habe ich den Dieter angerufen, und der hat sie mir gegeben, noch vor dem Mauerfall.“

Und dazwischen hängen Zeichnungen und Gemälde berühmter Menschen. Die hat Benn auch angerufen und gebeten, sie nachzeichnen zu dürfen und hier aufzuhängen. „Ich habe sie alle bekommen, umsonst, nur der Günter, der Arsch, wollte zuerst Geld für seine Rättin“, (Grass, Schriftsteller und Nobelpreisträger). Aber auch den hat Ben rumgekriegt. Ben kriegt sie alle rum.

Ben bleibt noch ein wenig in seiner Welt, „dann schließe ich gleich ab, einen Wärter kann ich mir nicht leisten.“ Vielleicht bald doch. Seit dem vergangenen Jahr steht das „Parlament der Bäume“ unter Denkmalschutz. „Aber ich habe noch keine Urkunde darüber.“ Und das klingt Ben zum ersten Mal ein wenig angesäuert. Aber nur kurz. „Die Bäume, egal, wer sie sind, reden miteinander und untereinander, deswegen ist es ein Parlament. Miteinander reden, das ist die Botschaft.“

Das Parlament der Bäume ist diesen Freitag, Sonnabend und Sonntag von 11 bis 16 Uhr geöffnet.

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