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Seit der Pandemie ist Basden vor allem als Straßenmusiker in Berlin unterwegs. Foto: privat
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Beamte sollen ihm das Bein gebrochen haben Musiker erhebt Gewalt-Vorwürfe gegen Berliner Polizei

Bei einem Vorfall im Supermarkt am Kottbusser Tor sollen Beamte dem Straßenmusiker das Bein gebrochen haben. Die Polizei weist die Vorwürfe zurück.

Viele Stunden hatte Mike Basden die Berliner am vergangenen Donnerstag mit seiner Musik erfreut. Der gebürtige New Yorker lebt mittlerweile seit Jahrzehnten in der deutschen Hauptstadt und ist bekannt für seine Saxofon-Künste. In pandemiefreien Zeiten spielt er in Bars und Jazz-Cafés, momentan vor allem auf der Straße.

Diese Geschichte handelt davon, dass Polizisten gewalttätig gegen den Musiker vorgegangen sein sollen. Und dass Basden durch die Attacke einen Beinbruch erlitten haben. In den sozialen Netzwerken ist von rassistischer Polizeigewalt die Rede.

Doch dieser Vorwurf ist bislang nicht belegt, es ist völlig unklar, was geschehen ist - die Polizei ermittelt und will auch Videomaterial des Vorfalls sichten. Die Polizisten schildern eine andere Situation, als der Musiker.

Ebenso liegen dem Tagesspiegel Hinweise vor, wonach zumindest Vorsicht im Umgang mit den Angaben des Musikers angebracht ist - er sei betrunken gewesen, heißt es von der Polizei, soll randaliert haben.

Oft trifft man Basden und sein Saxofon oder seine Klarinette auf dem Kurfürstendamm, am 18. Februar verdiente er in Kreuzberg sein Geld. Gegen 19 Uhr machte der 55-Jährige Feierabend, er sei müde gewesen und wollte noch für das Abendessen einkaufen gehen. „Schnitzel sollte es geben“, erzählt der Musiker dem Tagesspiegel.

In der REWE-Filiale am Kottbusser Tor war es wie immer zu dieser Zeit sehr voll. Vor den Kassen bildeten sich lange Schlangen. Basden setzte sich nach eigener Schilderung im Kassenbereich auf einen kleinen Hocker, der sonst von Mitarbeitern benutzt wird, um Regale einzuräumen. „Ich war erschöpft und wollte mich kurz ausruhen, während ich in der Kassenschlange wartete“, sagt er.

Sicherheitsmitarbeiter soll Basden zum Gehen aufgefordert haben

Ein Sicherheitsmitarbeiter des Supermarkts sei auf Basden aufmerksam geworden, habe ihn aufgefordert aufzustehen. Der Satz „Du bist obdachlos. Wir wollen keine Obdachlosen hier“ soll gefallen sein. Basden habe entgegnet, dass er viel Geld in seiner Tasche habe und keineswegs obdachlos sei, sich lediglich kurz hinsetzen wolle. Ein zweiter Mann des Sicherheitsdienstes sei erschienen, erzählt Basden.

Der Schilderung des Musikers zufolge sollen sie ihm befohlen haben, den Laden zu verlassen. Basden habe sich geweigert und die Polizei gerufen. Auch die Sicherheitsmänner wählten die 110.

Sie sollen den gebürtigen New Yorker bedrängt haben, ihn festhalten wollen, sagt der 55-Jährige dem Tagesspiegel: „Ich fühlte mich bedroht und benutze meine Tasche als Schild. Auf einmal drückten sie mich runter, mit dem Kopf auf den Boden des Supermarktes.“

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Als die Polizei eintraf, sollen die Beamten den am Boden liegenden Basden sofort Handschellen angelegt haben. Dieser habe geschrien: „Ich habe doch die Polizei gerufen, wieso fesselt ihr mich?“

Aus dem Einsatzanlass „Randalierende Person in einem Lebensmittelgeschäft“ wurde die Polizei gegen 19.30 Uhr zum Kottbusser Tor alarmiert, teilt die Pressestelle dem Tagesspiegel mit. Als erste Einsatzkräfte eintrafen, habe der Verdächtige bereits am Boden gelegen, so der Einsatzbericht. Gegen ihn bestehe der Verdacht der Beleidigung und fahrlässigen Körperverletzung.

Fünf Beamte sollen Mike Basden in einem separaten Raum des Sicherheitsdienstes neben den Kassen gebracht haben. Hier habe der Musiker laut Pressestelle angegeben, von den Sicherheitsbediensteten angegriffen worden zu sein. Eine entsprechende Strafanzeige sei aufgenommen worden, so die Polizei.

Was dann passiert sei, schildert Basden so: „Ich wurde zu Boden geworfen, ein Polizist trat plötzlich brutal gegen mein rechtes Bein.“ Als Basden später gehen durfte und aufstehen wollte, sei er direkt wieder zusammengebrochen, erzählt er. Sein Bein war gebrochen.

Der Musiker hatte laut Polizei Alkoholgehalt von 2,5 Promille

Anders klingt die Situation im Büro des Supermarktes aus Polizei-Perspektive. Laut Pressestelle sei zunächst eine Atemalkoholmessung bei Basden durchgeführt worden. Diese hätte einen Atemalkoholgehalt von 2,49 Promille ergeben. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel hatte Basden keinen vorherigen Alkoholkonsum erwähnt.

Zusätzlich sei seitens der Polizei eine Sicherung der Videoaufzeichnungen veranlasst worden, um die Vorwürfe des Musikers gegen die Sicherheitskräfte zu überprüfen. Als Basden aus dem Supermarkt herausgleitet worden sei, soll er plötzlich über Schmerzen im Bein geklagt haben, berichtet die Polizei. Ein Rettungswagen habe den Saxofonisten in ein Krankenhaus gebracht.

Laut Basden fragten die behandelnden Ärzte im Krankenhaus, was passiert sei. Als er von dem Tritt durch die Polizei erzählt habe, hätten die Mediziner gesagt: „Das sieht furchtbar aus, sie müssen das melden.“ Als Polizeibeamte in der Klinik erschienen seien, hätten sie ihm angeblich nicht geglaubt, sagt der New Yorker.

Weil Basden keine Krankenversicherung besitzt, gibt es eine Crowdfunding-Aktion für den Musiker. Foto: privat Vergrößern
Weil Basden keine Krankenversicherung besitzt, gibt es eine Crowdfunding-Aktion für den Musiker. © privat

Laut Pressestelle der Polizei ist im Krankenhaus von alarmierten Einsatzkräften eine weitere Anzeige aufgenommen worden, da der „Tatverdächtige und Geschädigte“ angab, dass er „Schmerzen im Fuß verspürte, als ihn jemand auf den Fuß trat oder diesen festhielt, während er auf dem Boden des Supermarkts lag“.

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Einen konkreten Beschuldigten habe Basden nicht benennen können, erklärte die Polizei. Hierzu werte die Polizei die Videoaufzeichnungen der REWE-Filiale aus. Zum laufenden Ermittlungsverfahren will die Behörde laut Polizeisprecher keine weiteren Angaben machen.

Auf Twitter wurde der Fall öffentlich gemacht. Viele User sprechen von „rassistischer Polizeigewalt“. Innerhalb kürzester Zeit wurde über eine Crowdfunding-Plattform Geld gesammelt, um den Musiker zu unterstützen. Sein Bein muss weiter operiert werden und Basden besitzt keine Krankenversicherung.

Das Urban-Krankenhaus verlangt dafür eine Vorauszahlung von 3600 Euro. Im Internet kamen schnell über zehntausend Euro zusammen. Von dem, was übrigbleibt, will der Musiker vor allem einen Anwalt bezahlen.

Wir haben den Beitrag, der am 2. März erstmals online ging, am Mittwoch, 3. März ergänzt, um deutlicher herauszustreichen, dass die Vorwürfe des Musikers bislang nicht belegt sind, die Polizei noch ermittelt und es Gründe zur Vorsicht bei den Angaben von Mike Basden gibt.

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