U-Bahnhof Schloßstraße, 1974 Foto: Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte
© Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte

Ausstellung in Kreuzberg Das erzählen die U-Bahnhöfe über Berlins Geschichte

Schlichte Nachkriegszeit und schrille 70er: Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie zeigt, wie die U-Bahnhöfe das Bild der Stadt prägen.

Rein. Zur Arbeit, zur Schule, zur Party. Raus. Das Signal ertönt, die Türen schließen. Da rauscht sie auch schon wieder ab in den Tunnel, die U-Bahn. Und der Fahrgast bleibt am Bahnhof zurück. Steuert zügig den Ausgang an. Merkt meist gar nicht, wo er sich befindet – nämlich in einer unterirdischen Galerie der Berliner Stadtgeschichte.

Für die meisten hier gehört die U-Bahn zum Alltag. Und wie so oft beim Alltäglichen hört man schnell auf, wirklich hinzuschauen, auf Details zu achten, die oft wirklich eindrücklich sind. Zum Beispiel die bemalten Fließen im U-Bahnhof der Paulsternstraße. Oder die Skulptur des Kerberos, dem legendären mehrköpfigen Hund der antiken Mythologie, der den Eingang zum Bahnhof Rathaus Steglitz bewacht, und das 20 Quadratmeter große Wandmosaik im Bahnhof Tierpark, das im starken Kontrast zur Schlichtheit der sonst weißen Wandverkleidung steht.

Die architektonische Vielfalt, durch die wir jeden Tag fahren, wird bis zum 20. Mai im Rahmen der Foto-Ausstellung „Underground Architecture: Berliner U-Bahnhöfe 1953-1994“ in der Berlinischen Galerie gezeigt.

Sachlichkeit, Schlichtheit und Funktionalität statt Nazi-Protz

Es wird gezeigt, wie die Bahnhöfe Geschichten über Berlin erzählen. So steht die Spichernstraße als Beispiel dafür, wie die Stationen nach dem die Ende des zweiten Weltkriegs gestaltet wurden. In dieser Zeit ging es darum, alles was an die Nazis erinnern könnte, zu vermeiden. „So knüpfte man architektonisch an den Stil der Vorkriegsjahre an, als ob dazwischen nichts gewesen wäre“, erklärt die Kuratorin der neuen Ausstellung, Ursula Müller. Die riesigen, imposanten grauen Betonbauten aus der NS-Zeit sollte es nun nicht mehr geben – stattdessen: Sachlichkeit, Schlichtheit und Funktionalität.

Die Spichernstraße - damals noch mit blauen Säulen. Foto: Rudolf Kessel/promo Vergrößern
Die Spichernstraße - damals noch mit blauen Säulen. © Rudolf Kessel/promo

Der Bahnhof Spichernstraße wurde von Bruno Grimmek Ende der 50er Jahre entworfen, und obwohl dieser Bahnhof in Teilen in den 80er Jahren verändert wurde, sieht man heute noch einige Elemente der alten Architektur. Klare Linien, eine Wandverkleidung aus Keramik mit einer hellblauen Farbe, die so wenig anstößig wie nur möglich wirken soll, erklären Frau Müller und ihre Kollegin Kati Renner. „Die Mittelstützen sind sechseckig geformt und waren früher ebenfalls mit kleinen blauen Steinen geschmückt“, erklärt Müller. Die Stützen sind zwar heute auch noch im Bahnhof Spichernstraße zu sehen, doch sind sie jetzt mit weißen Fließen überzogen.

Und nicht nur in West-Berlin sollten die Kriegsjahre vergessen werden. „In der DDR hat man bis zum Mauerfall am Stil der Vorkriegszeit festgehalten“, sagt Müller, dort sehe man bis heute noch überall Bahnhöfe mit modularem System, bestehend aus Beton, heller Keramik und Klinkersteinen. Und dann gibt es da noch die Ausnahme – das Mosaik im U-Bahnhof Tierpark. Vielleicht gehen die meisten Berliner einfach nur schnell daran vorbei, werfen dem Ganzen höchstens einen flüchtigen Blick zu. Aber bei genauerem Hinsehen ist im Durchgang in Richtung des Parks doch ein überraschendes Kunstwerk zu sehen: Das Mosaik zeigt verschiedene, ineinander verschlungene Tier- und Pflanzenmotive, erkennbar sind Vögel, ein Krokodil, ein Affe und die Sonne.

Auch hinter schlichtem Beton steckt Geschichte

Die Künstlerin, die dahintersteckt, ist Dagmar Glaser-Lauermann, im Jahre 1973 wurde dieser einzigartige Bahnhof in Ost-Berlin eröffnet. Einzigartig ist auch keine Übertreibung, erklärt Ursula Müller: Der U-Bahnhof Tierpark sei damals der einzige unterirdische Bahnhof der DDR gewesen – alle anderen haben das Netz überirdisch weitergeführt. So auch der Bahnhof Hellersdorf, der beispielhaft für den „typischen“ DDR-Stil der Bahnhöfe stehe.

Man kann verstehen, dass die Meisten diesen so schlichten, unscheinbaren Bahnhof kaum eines Blickes würdigen – doch steckt hinter dem modularen, linearen System aus Beton und schlichter, farbiger Keramik auch Geschichte. „Es ist die Historie einer Stadt, die auch noch im Jahre 1983 weiter versucht, das System der Jahre vor dem Krieg zu befolgen, und Funktionalität über allem stehen zu lassen,“ erklärt Müller.

Der Richard-Wagner-Platz im bunten Pop-Art-Look Foto: Chris M. Forsyth Vergrößern
Der Richard-Wagner-Platz im bunten Pop-Art-Look © Chris M. Forsyth

Wo der Osten bei seinen U-Bahnhöfen bis zum Mauerfall an die Vorkriegsjahre anknüpfte, wandelte sich Ende der 60er und Anfang der 70er etwas im Westen. Die Pop-Art-Bewegung aus den USA und Großbritannien schwappte über nach Berlin – und inspirierte auch die Architektur der U-Bahnhöfe. „Diese Pop-Architektur ist alles andere als schlicht: sie ist laut und bunt, das ist das Motto dieser Bewegung“, sagt Müller. Beispielhaft sei hier der U-Bahnhof Rathaus Steglitz, das 1974 fertiggestellt wurde: An den Decken sind riesige gelbe Punkte, die Rohre wurden knallorange oder dunkelblau bemalt, die Wände als Kontrast schwarzweißen verkleidet – und das Highlight ist eine riesige Skulptur auf der Mittelebene.

Der Hund von Hades bewacht den Eingang zur Unterwelt

Dieser Riese aus Kunststoff und Aluminium wurde 1972 von Bildhauer Waldemar Grzimek geschaffen und zeigt die Figur Kerberos, der in der griechischen Mythologie der Hund von Hades ist und den Eingang zur Unterwelt bewacht. „Den Kopf des Kerberos können wir hier in der Galerie zeigen, nach Ende der Ausstellung im Mai wird er wieder zurück zum Bahnhof in Steglitz gebracht“, sagt Frau Müller, und fügt noch hinzu dass der Körper des mythologischen Hundes nicht aufgestellt werden kann: „Der ist viel zu groß, der Kopf allein ist etwa 1,80 Meter groß und genauso breit“.

Meistens werde der Wächter der Unterwelt als mehrköpfiger Hund dargestellt, doch hat er in Steglitz nur einen Kopf – dafür aber den typischen schlangenartigen Schwanz. Ob Hades wirklich im U-Bahnnetz lauert, ist nicht sicher. In Berlin ist der einzig bekannte Gott der Unterwelt die BVG.

Neben Schlichtheit und Pop wird in der Ausstellung dann noch eine dritte Art der U-Bahnhof-Gestaltung gezeigt. Ein Stil, der die lokale Stadtgeschichte zu berücksichtigen versucht. „Der Architekt, Rainer Rümmler, wollte vor allem Geschichten erzählen und das Stadtbild des Oberirdischen in die Unterwelt mitnehmen“, sagt Kuratorin Müller. Einer der eindrucksvollsten Bahnhöfe sei hier die Paulsternstraße in Siemensstadt, einer von etwa 30 Bahnhöfen, die unter Denkmalschutz stehen.

Und man muss nur einmal auf die Wandverkleidung blicken, um zu verstehen, warum: Die Fließen zeigen eine fantastische nächtliche Szene, das tiefe Blau des Nachthimmels ist Hintergrund für gelbe, violette, rote und weiße Blumen, man erkennt den Sternenhimmel, das Gras am Boden, die Bäume, die auf den Säulen abgebildet sind.

„Inspiration hatte Rümmler von der Natur in der Umgebung des legendären Gasthauses Stern, welches der Erzählung nach im Besitz der Familie Paul war. Hier sind die eingekehrt, die zwischen Berlin und Spandau mal rasten mussten“, erzählt Kati Renner, die persönlich diesen Bahnhof besonders bewundert.

Weitere Beispiele für diese Einbindung von Geschichte und oberirdischer Erzählung in der Architektur der U-Bahnhöfe seien auch der Bahnhof Spandau, der eine riesige Halle hat, die an eine Kathedrale erinnern soll, oder der Bahnhof Residenzstraße, der den historischen überirdischen Stadtkern und dessen Pracht und Prunk wiedergeben soll.

Ganz schön viel Stadtgeschichte also, unter den Füßen der Berliner. Besonders deutlich wird das an der U7, verraten die Kuratorinnen. An der längsten U-Bahnlinie Berlins kann man sich alle drei in der Ausstellung präsentierten Architekturstile direkt vor Ort ansehen.

Also einsteigen und sich von Bahnhof zu Bahnhof durch die Jahrzehnte hangeln. Los geht's an der Möckernbrücke (schlicht), es folgt Fehrbelliner Platz (Pop-Art) und schließlich die Endstation – die Spandauer Bahnhofskathedrale. Mal angekommen im tiefen Westen, lohnt dann auch ein Ausflug an die Oberfläche, in die Altstadt.

Die Ausstellung „Underground Architecture: Berliner U-Bahnhöfe 1953-1994 in der Dauerausstellung“ ist bis zum 20. Mai in der Berlinischen Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 7 Euro, bis 18 Jahre freier Eintritt.

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