Demo gegen den Schah-Besuch 1967. Foto: Polizeihistorische Sammlung
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Ausstellung in der Villa Oppenheim Von Gammlern und Kiffern

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Charlottenburg war das Zentrum der 68er-Studentenrevolte. In der „Villa Oppenheim“ und am Ku’damm erinnert eine Ausstellung an diese Zeit.

Charlottenburg gilt als gutbürgerlich – doch während der Studentenbewegung in den 1960er Jahren war der Stadtteil einer der wichtigsten Orte der Proteste im damaligen Westdeutschland. Große Demonstrationen führten beispielsweise über den Kurfürstendamm, oft samt Straßenschlachten mit der Polizei.

Am Ku’damm wurde 1968 auch das Attentat auf Rudi Dutschke verübt. Und nahe der Deutschen Oper an der Bismarckstraße erschoss der Polizist Karl-Heinz Kurras 1967 den Studenten Benno Ohnesorg am Rande der Demo gegen den Schah-Besuch. Die Folgen dieser Ereignisse reichten weit über Berlin hinaus.

Im 50. Jubiläumsjahr der 68er-Bewegung zeigt das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf deshalb ab dem heutigen Donnerstag die Doppelausstellung „1968. Berlin-Charlottenburg. Zentrum der Revolte“. Ein Teil davon ist die Open-Air-Schau namens „Schauplätze der Studentenbewegung“ mit sechs Litfaßsäulen und nächtlichen Videoinstallationen auf dem Joachimsthaler Platz am Ku’damm.

Sanitäter versorgen einen Demonstranten bei den „Osterunruhen“ 1968. Foto: K. Mehner
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„Hier war der Endpunkt vieler Demonstrationen“, sagen die Kuratoren Florian Bielefeld, Karolin Steinke und Norbert Wiesneth. Außerdem bot sich der Platz wegen seiner zentralen Lage an – so erreicht die Ausstellung mit deutsch-englischen Infotafeln auch zahlreiche Touristen.

Litfaßsäulen mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen

Auf den eigens aufgestellten Litfaßsäulen sieht man vor allem Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die von den Fotografen Klaus Mehner und Jürgen Henschel sowie vom damaligen „BZ“-Reporter Uwe Dannenbaum und aus der Polizeihistorischen Sammlung stammen.

Dreißig weitere Fotos, die Mehner zwischen 1967 und 1970 gemacht hat, präsentiert das Bezirksmuseum in der Villa Oppenheim in seiner Ausstellung. Einige Bilder zeigen gewalttätige Auseinandersetzungen wie die „Osterunruhen“ nach dem Attentat auf Dutschke oder die „Schlacht um den Tegeler Weg“ anlässlich eines Prozesses gegen den damaligen APO-Anwalt Horst Mahler vor dem Landgericht.

Friedvollere Aufnahmen entstanden unter anderem in der „Kommune 1“ am Stuttgarter Platz, wo Mehner die Bewohner beim Kiffen ablichtete oder Uschi Obermaier vor seiner Kamera posierte. Zu sehen ist auch der „Internationale Vietnamkongress“, der mit etwa 5000 Gegnern des Vietnamkriegs aus 14 Ländern in der Technischen Universität (TU) Berlin stattfand.

Mehner fotografierte außerdem eine bürgerliche Gegenkundgebung mit Slogans wie „Wir danken unserer Schutzmacht Amerika“.

Polizisten in der „Schlacht am Tegeler Weg“ 1968. Foto: J. Henschel
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Die Open-Air-Schau auf dem Joachimsthaler Platz konzentriert sich auf zehn Schauplätze. Neben den bereits genannten gehört dazu auch die Gedächtniskirche. Denn darin hatten Demonstranten mehrmals Gottesdienste gestört und gegen den Vietnamkrieg protestiert. Bei einer daraus resultierenden Rangelei im Kirchensaal erlitt Rudi Dutschke eine Platzwunde.

Draußen auf dem Breitscheidplatz sitzende junge Leute galten als „Gammler“. Passanten bedachten sie mit Sprüchen wie „Wascht euch doch erstmal!“ oder „Geht doch nach drüben!“

Aus der denkmalgeschützten alten Verkehrskanzel auf dem Joachimsthaler Platz werden nachts Videos auf den Gehweg projiziert – die meisten Filme sind Ausschnitte aus der deutschen Wochenschau „Die Zeit unter der Lupe“. Der Ton ist allerdings nicht zu hören.

„Wir wollen Aufklärungsarbeit leisten“, sagt die Charlottenburg-Wilmersdorfer Bildungs- und Kulturstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD). Sie möchte daran erinnern, warum Studenten unter anderem gegen „verkrustete Strukturen“ und die teils nationalsozialistische Vergangenheit der Elterngeneration auf die Straße gegangen sind.

Das Museum sei klein und habe „begrenzte Mittel“, fügt Schmitt-Schmelz hinzu. Insbesondere die Freiluft-Ausstellung geht auf einen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf zurück.

Auf dem Joachimsthaler Platz stehen Infosäulen der Ausstellung. Foto: Cay Dobberke
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Den Kuratoren blieb nur rund ein halbes Jahr, um alles vorzubereiten. Erschwerend kam hinzu, dass Ex-Museumsleiterin Sabine Witt ihren Job für eine neue Stelle im öffentlichen Dienst gekündigt hat. Seit Anfang April ist die Villa Oppenheim führungslos. Einen Ausstellungskatalog gibt es aus diesen Gründen nicht.

Dafür gelang es, ein Begleitprogramm mit fünf Vorträgen und Filmvorführungen zu organisieren. So spricht der Soziologe und Leiter des APO-Archivs an der Freien Universität (FU) Berlin, Siegward Lönnendonker, am 20. Juni um 18 Uhr über seine Recherchen und eigenen Erinnerungen.

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Die Ausstellung „1968. Berlin-Charlottenburg. Zentrum der Revolte“ läuft bis zum 23. September auf dem Joachimsthaler Platz und im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, Schloßstraße 55 (Eintritt frei). Das ganze Programm steht online unter www.villa-oppenheim-berlin.de

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