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"Natürlich wäre ich lieber zu Hause geblieben"

Mhammad Abu Hajar Anfang Oktober 2015. Foto: Davids/Sven Darmer
Asyl in Berlin Angekommen?

Die ersten Monate waren wie Gefängnis, nur ohne Folter“ so beschrieb Mhammad Abu Hajar im Februar auf diesen Seiten seinen Alltag in der Flüchtlingsunterkunft an der Pankstraße. Nach seiner Flucht vor dem syrischen Geheimdienst hatte der 27-Jährige Aktivist im September 2014 in Berlin seinen Asylantrag gestellt. Die Warteschlangen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) sind ihm noch heute in böser Erinnerung.

Bei minus zehn Grad wartete er im Januar 2015 auf einen Termin, zu dem die Behörde ihn brieflich bestellt hatte. Als Mhammad Abu Hajar ein Foto von der Situation machen wollte, bremste ihn die Security: Fotografieren würde gegen die Rechte der geflohenen Menschen verstoßen. Auch heute muss Abu Hajar darüber lachen. Humor scheint eine Überlebensstrategie des hageren Mannes zu sein, der in Syrien für seine politischen Aktivitäten zwei Monate lang inhaftiert und gequält wurde.

Mut ist eine andere. Als ihm am fünften Tag das Warten zu viel wurde, marschierte er kurzerhand ins Haus 8 des Lageso – und bekam den Transferschein, der zum Auszug aus der Erstaufnahmestelle berechtigt. Freunde vermittelten ihm schließlich ein WG-Zimmer in Wedding. Der Auszug im April war eine Befreiung für ihn – „auch wenn ich heute weiß, dass es Luxus gewesen ist, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Aber ich stand kurz davor, in dem Heim durchzudrehen.“

Mhammad Abu Hajar im Februar 2015. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Mhammad Abu Hajar im Februar 2015. © Mike Wolff

Abu Hajars neue Bleibe ist ein altes Fabrikgebäude, das durch Hausbesetzer vor dem Abriss gerettet wurde. Er blickt aus dem Fenster seines WG-Zimmers im obersten Geschoss, dreht sich eine Zigarette. „Ein besserer Ort als dieser hätte mir nicht passieren können.“ Auf wenigen Quadratmetern hat er hier alles, was er braucht: Bett, Sofa, Schrank, Schreibtisch, einen Computer.

Sterni-Bier und Currywurst

Die Mitbewohner heißen Mitgenossen, und sie werden nicht müde zu diskutieren. Das gefällt Abu Hajar. Er hat politische Ökonomie studiert. Im Veranstaltungssaal im Erdgeschoss klärt sein Verein „Action Syria“ über Hintergründe des Bürgerkrieges auf. Mit seiner syrischen „Mazzaj Rap Band“ tritt er in verschiedenen Clubs auf, für Gigs fliegt er immer wieder nach Italien. „Give me a paper“ heißt die Band, die er mit deutschen Freunden gegründet hat. Auch auf Kiezevents ist er dabei.

Mhammad Abu Hajar ist in Berlin angekommen. Trinkt Sterni-Bier, isst Currywurst. „Mein Fahrrad wurde geklaut“, schreibt er nach dem Treffen per SMS. „Jetzt bin ich noch mehr Berliner geworden.“ Seit fünf Monaten besucht er, der fließend Englisch und Italienisch spricht, einen Deutschkurs. „Ich fühle mich immer noch wie ein Kind“, sagt er, „aber ich wachse!“ Die deutsche Gesellschaft, die Diskurse, die Freiheit, das alles nimmt er dankbar auf. Zugleich verschwindet das grenzenlose Bild, das er einst von Europa hatte. „Eigenartig, dass ich hier bin – und die anderen sind da.“

Die anderen, das sind die vielen Millionen Menschen, die Syrien noch nicht verlassen konnten oder wollten, wie seine Mutter, die er lieber bei sich in Deutschland wüsste. Seine Brüder leben in Kurdistan, Saudi-Arabien und Jordanien. Abu Hajars Meinung zur Flüchtlingskrise: „Stoppt den Waffenhandel! Und hört auf, unsere Ressourcen zu nehmen. Dann kommen wir auch nicht. Natürlich wäre ich lieber zu Hause geblieben, wo ich meine Sprache sprechen und meine Familie um mich haben kann.“

Mhammad Abu Hajar ist aktiv, neben dem Humor eine weitere Überlebensstrategie. Mehrmals pro Woche fährt er zum Lageso nach Moabit, um Neuankömmlinge zu unterstützen – wie er es schon 2006 während des Libanon-Kriegs in seiner Heimatstadt Tartus getan hat. Er übersetzt, macht Musik, spielt mit Kindern. Und immer wieder hält er Ausschau nach bekannten Gesichtern, die es nach Deutschland geschafft haben könnten. Manchmal, sagt er, ist das Heimweh sehr stark. Lena Reich

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