"Ich bin dankbar – aber ich fühle mich fehl am Platz"

Oleg Liskin, fotografiert im September 2015. Foto: Mike Wolff
Asyl in Berlin Angekommen?

Oleg Liskin bekam 2005 in Deutschland politisches Asyl – als erster Russe überhaupt. Wladimir Putin habe ihm das Leben vermasselt, sagt er. Am russischen Präsidenten arbeitet Liskin sich bis heute ab.

Seit gut zehn Jahren lebt Oleg Liskin in Berlin. Doch seine Gedanken kreisen um Russland, er liest russische Zeitungen, schaut russisches Fernsehen und verfolgt über Facebook, Youtube und Twitter, was dort los ist. Kaum ist eine Viertelstunde vergangen, sind wir mitten in politischen Diskussionen über Wladimir Putin und den Westen.

Liskin musste Russland verlassen, weil ihn die dortigen Behörden zum Kriminellen erklärt und ihm „Rowdytum“ vorgeworfen hatten. Ihm drohte eine lange Haftstrafe, weil er einen Gerichtsvollzieher verprügelt haben soll. Den deutschen Behörden, Menschenrechtsorganisationen und Politikern konnte er beweisen, dass an den Vorwürfen nichts dran ist, dass es vielmehr seine politischen Aktivitäten für eine russische Oppositionsbewegung waren, die ihn in seinem Heimatland verdächtig machten und ihn bei einer Rückkehr ins Gefängnis bringen würden. Liskins Asylverfahren war eine ebenso spektakuläre wie heikle Angelegenheit, denn 2005 war Putin-Freund Gerhard Schröder Bundeskanzler.

Oleg Liskin im Jahr 2004. Foto: Uwe Steinert Vergrößern
Oleg Liskin im Jahr 2004. © Uwe Steinert

Heute ist Oleg Liskin 46 Jahre alt, er ist etwas fülliger geworden, seit der Tagesspiegel damals erstmals über ihn berichtete. In einem Café am Kurfürstendamm bestellt er seinen Kaffee auf Deutsch. Seine Sprachkenntnisse reichen auch zum Smalltalk. Doch für alles, was darüber hinausgeht, hat er einen Freund mitgebracht. Der übersetzt für ihn. Dass ihm Deutsch immer noch so schwer über die Lippen kommt, liegt daran, sagt Liskin, dass er lange Zeit hoffte, bald nach Russland zurückkehren zu können. Man möge ihn aber bitte nicht falsch verstehen: „Ich bin Deutschland sehr, sehr dankbar, dass ich hier aufgenommen wurde und dass man den wiederholten Auslieferungsbegehren Moskaus nicht stattgegeben hat“, sagt der große Mann mit dem weichen Gesicht. Doch zur Heimat ist ihm Deutschland nicht geworden. Er fühle sich hier „fehl am Platz“.

Sein Interpol-Haftbefehl existiert nach wie vor

Seine Heimat ist Russland. Dort möchte er sich einbringen, politisch und wirtschaftlich, die Menschen aufklären und sich für Demokratie einsetzen. Im Jahr 2000 hatte er in seiner Heimatstadt Lipetsk, 400 Kilometer von Moskau entfernt, für das Bürgermeisteramt kandidiert, ein Jahr später für den Posten des Gouverneurs, unterstützt von der liberalen Oppositionspartei Jabloko. Doch einen Monat vor den Wahlen wurde er festgenommen, anschließend floh er nach Deutschland. Menschenrechtsorganisationen verglichen seinen Fall mit dem des Kreml-Gegners Michail Chodorkowski. Der hatte Jabloko finanziert und saß dann zehn Jahre in Sibirien in Haft. Als er nach seiner Freilassung 2013 Berlin besuchte, hat Liskin ihn getroffen. Er ist für ihn ein Vorbild geblieben. Liskin trifft sich auch mit anderen, die in Russland wichtig waren oder es immer noch sind. Viele Gesprächspartner versprechen ihm, ein gutes Wort im Kreml einzulegen, damit sein Haftbefehl gelöscht werde. Doch bis jetzt sei nichts passiert, sagt Liskin. Auch der Interpol-Haftbefehl wegen „Rowdytums“ existiere nach wie vor.

Wenn er ins Ausland fährt, auch ins westeuropäische, werde er deshalb des Öfteren an der Grenze verhaftet. Oleg Liskin erwähnt das eher beiläufig, als gehöre es zu seinem Leben schon fast dazu. „Ich kenne das schon“, sagt er. Meistens würden die Grenzer schnell kapieren, dass er in Deutschland Asyl hat und dann über das „Rowdytum“ lachen, weswegen ihn Interpol sucht. Das sei aber schon alles sehr nervig. Neulich, sagt jetzt der Freund, habe Liskin angerufen und ihn um Hilfe gebeten, weil er in Italien 20 Stunden lang im Gefängnis saß.

Er müsste sich einen Anwalt nehmen und gegen den Interpol-Haftbefehl klagen. Doch das Geld dafür habe er nicht, sagt Liskin. Die russische Karaokebar am Kurfürstendamm, mit der er sich in den ersten Jahren über Wasser gehalten hat, gibt es nicht mehr. Jetzt veranstaltet er europaweit Events für reiche Russen und arbeitet für eine Consultingfirma, die russische Firmen an die Frankfurter Börse zu bringen versucht. Er kann davon leben und hat auch eine Familie gegründet. Zum Träumen reicht es nicht. Claudia Keller

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