"Die Therapien haben mir geholfen"

Tanja Ristic (links) und ihre Mutter Milica Anfang Oktober 2015 in Berlin. Foto: Mike Wolff
Asyl in Berlin Angekommen?

Sie lebte schon neun Jahre in Deutschland, als sie, 13-jährig, in Abschiebehaft kam. Da fühlte sich Tanja Ristic, mit ihren Eltern aus Bosnien geflohen, in Berlin längst heimisch. Der Weg aus der Haft zurück in ein normales Leben war steinig. Und ist es noch heute.

Es ist ein Griff in die untere Schublade der Schrankwand, dann liegt alles vor ihnen. Plakate, Fotos, Zeitungsartikel, Dokumente der Zeit, in der die Grundlage ihrer Existenz in Deutschland immer wieder infrage stand, bis es im August 2004 zum Äußersten kam.

Tanja Ristic, damals 13 Jahre alt, wusste genau, was los ist, als am zweiten Schultag nach den Sommerferien die Sekretärin ihren Kopf durch die Klassenraumtür steckte und sagte: „Tanja, kannst du mal bitte kommen?“

Im Flur standen zwei Polizisten in Zivil. Die sagten Tanja, ihre Eltern würden nach ihr schicken. Sie musste gleich mit ihnen ins Auto steigen. Es ging nach Köpenick, in den Abschiebegewahrsam. Tanja kam in eine Einzelzelle. „Zehn Minuten nur oder so“, sagt sie heute, „aber die kamen mir vor wie zwei Stunden.“ Dann wurde sie zur Familie gebracht, zu Mutter, Vater, Schwester. Sie bestätigten ihre Gedanken: Die Duldung war nicht verlängert worden, sie müssten sofort ausreisen.

1995 war Tanjas Familie aus dem bosnischen Tuzla nach Deutschland geflohen. Sie gehörte zu jenen hunderttausenden post-jugoslawischen Bürgerkriegsflüchtlingen, die damals die Asyldebatten anheizten. Sie erhielten eine Duldung, einen unsicheren Sonderstatus, der ihnen bis zum August 2004 erhalten blieb. In den neun Jahren war aus dem dreijährigen Kind ein etwas schüchternes, aber beliebtes Mädchen geworden, das wie selbstverständlich Berlin seine Heimat nannte.

Tanja Ristic (rechts) mit ihrer Mutter Milica im Jahr 2004 mit einem Plakat, das Tanjas Mitschüler für sie gemalt haben. Foto: Christian Schroth Vergrößern
Tanja Ristic (rechts) mit ihrer Mutter Milica im Jahr 2004 mit einem Plakat, das Tanjas Mitschüler für sie gemalt haben. © Christian Schroth

Elf Jahre später sitzt Tanja auf einem neuen Sofa in derselben Wohnung, in der sie damals schon wohnten, und kann darüber sprechen. Klar und deutlich, kein schüchternes Mädchen mehr, sondern eine attraktive junge Frau, 24 Jahre alt, mit blitzenden Augen. Auch dank mehrerer Therapien, sagt sie, konnte sie ihr Fachabitur machen.

Vom Abschiebegewahrsam aus riefen sie damals Anwälte an, die im Namen der minderjährigen Tanja einen Asylantrag stellten. So konnten die 13-Jährige und die Mutter als Aufsichtsperson in Berlin bleiben, während die ältere Schwester und der Vater am nächsten Morgen ins Flugzeug stiegen.

Im Grips-Theater entstand ein Stück über sie

„Und dann fing der Albtraum erst an“, sagt Tanja heute. Die Angst, die Sehnsucht, die Trauer, die Verzweiflung. Was würde werden? Ein langes Jahr verging, bis die Schwester wieder einreisen durfte, noch ein weiteres Jahr, bis auch der Vater wieder da, die Familie wieder ganz war.

Tanja und ihre Mutter wurden nach der Haft von Staats wegen psychotherapeutisch betreut, so viel Verantwortungsgefühl war dann doch. Und Tanjas Schule reagierte. Nach kurzer Schockstarre übernahmen an der Neuköllner Fritz-Karsen-Schule Wut und Widerstandswille die Regie, der Ruf „Tanja muss bleiben“ wurde laut. Er wurde auf Laken gemalt, an die Schulwand gehängt und zur Innenbehörde getragen, ein Engagement, für das es später Preise gab. Medien wurden aufmerksam, auch der Tagesspiegel. Und Künstler: „Hiergeblieben“ hieß ein Stück, das zu Tanjas Fall am Grips-Theater entstand. „Hiergeblieben“ hieß auch die Kampagne von Menschenrechtsaktivisten.

Tanja war nun eine Berühmtheit, vor allem an ihrer Schule, was ihr als unangenehm in Erinnerung ist. Sie habe zuvor ihren Flüchtlingsstatus nie erwähnt, der sei ihr wie ein Defizit vorgekommen, „losermäßig“, sagt sie. Ihr Fall kam vor die Härtefallkommission des Landes Berlin, die sich um gut integrierte, aber abschiebebedrohte Flüchtlinge kümmerte. Dort wurde 2006 positiv entschieden, schließlich war die Familie – Vater und Mutter arbeiteten, die Töchter waren gute Schülerinnen – vorbildlich. Es gab nun Aufenthaltsgenehmigungen, wenn auch zeitlich begrenzte und belastenderweise immer einzeln, sodass die Familienmitglieder dauernd unterschiedliche Titel hatten.

2012, nach 16 Jahren in Deutschland, kam die Erlösung aus dem Fristenleben: Nach und nach erhielten sie unbefristete Aufenthaltsgenehmigungen. Endlich war alles gut – da brach Tanja zusammen. Sie zog sich zurück, ging nicht mehr raus, stand nicht mehr auf, „lebte unter der Decke“, wie ihre Mutter sagt. Ein Arzt nannte Tanjas Biografie als Grund für den Ausbruch, die zu vielen Attacken auf grundlegendste Sicherheitsbedürfnisse. Tanja nickt, sie hadert nicht: ist überstanden, weiter geht’s. Sie hat eine Ausbildung als Erzieherin angefangen, das lag ihr schon immer, Kinder lieben sie. Und sie hat ein Ehrenamt in Aussicht: Arbeit mit Flüchtlingskindern. „Ich glaube, das kann ich“, sagt sie. Ariane Bemmer

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