Nationalkonservativ und Muslim. Foto: Markus Scholz/dpa
p
Update

Arthur Wagner Warum ein AfD-Politiker zum Islam konvertierte

49 Kommentare

Der Brandenburger AfD-Politiker Arthur Wagner ist nun Muslim. Sein Kreisverband will ihn loswerden. Und er?

Er sei nun Muslim und wolle in der AfD bleiben. Unbedingt. Das sagt der Brandenburger AfD-Politiker Arthur Wagner, der jüngst zum Islam konvertiert ist. Der 48-jährige Russlanddeutsche, der mit seiner Familie in Falkensee (Havelland) lebt, hat sich bislang nicht öffentlich über seinen Religionswechsel äußern wollen. Aber nun spricht der Konvertit über den Übertritt, über den selbst die BBC berichtet hatte.

Warum verlässt er die Rechtsaußenpartei nicht, die den Islam bekämpft? „Ich bleibe nationalkonservativ, bis ich sterbe“, sagt Wagner dem Tagesspiegel. „Ich stehe dazu, ich kann nicht anders: Es gibt einen deutschen Geist, eine deutsche Seele. Fast jeder AfDler hat das.“ Und: „Wenn wir diese deutsche Seele, das Deutschtum nicht beschützen in den kommenden Jahren, dann ist das Ding weg, dann ist Deutschland weg.“

Und dabei hat er seine Mission gefunden, die er auf einer Pressekonferenz am frühen Abend in Potsdam erläutert. Er hatte ins Restaurant „Fliegender Holländer“ geladen, der Medienandrang war gewaltig. Nach seinem „Salamaleikum“ folgte ein einstündiger Auftritt mit skurrilen Zügen.

"Ein kleines Kind der großen Islam-Welt"

Er sei zwar noch ein „kleines Kind in der großen Islam-Welt“, sagte Wagner da, den man jetzt auch Ahmad nennen darf. Doch wolle er den jungen deutschen Islam mit den Nationalkonservativen versöhnen, Brücken bauen. „Wir müssen reden, wie Männer, wie Menschen.“ Und er spricht viel von „Liebe“, „Frieden“, seinen spirituellen Erfahrungen. Ja, er habe einen deutschen und einen russischen Pass, sagt Wagner irgendwann. Angela Merkel sei seine Kanzlerin, und Wladimir Putin sein Präsident. Zwar wolle er den russischen Pass abgeben, aber das sei ja kompliziert.

Er hat von den Gerüchten in der AfD gehört, dass er von Geheimdiensten geschickt worden sei. Polizei und Geheimdienste finde er auch gut, sagt er. „Ich habe damit nichts zu tun. Wenn die Fragen haben, können die sich gern an mich wenden!“ Es sind sonderbare Szenen, die sich zutragen

Ehe er zum Islam konvertierte, habe er mit der evangelischen Kirche gebrochen.. Er sei in der früheren Sowjetunion aufgewachsen und „immer auf der Suche nach Wahrheit“, sagt Wagner. „Ich war Atheist, ich habe als treues Parteimitglied gegen Kirchen gekämpft, bis 1989, bis ich 20 war.“

Der CSD führte zu seiner Abkehr von der evangelischen Kirche

Evangelischer Christ sei er im August 1989 geworden. Bei einem Besuch in Dresden habe er sich mit seiner Familie taufen lassen, „das war eine große spirituelle Erfahrung“. Danach habe er ein halbes Jahr in Riga Theologie studiert, auch die orthodoxe und die neuapostolische Kirche kennengelernt.

Ausschlaggebend für seine Abkehr von der evangelischen Kirche fast drei Jahrzehnte später sei – neben deren Haltung zur AfD – vor allem der Christopher Street Day vorigen Sommer gewesen, bei dem auch Pfarrer teilgenommen hätten, sagt Wagner. „Das hat mich wahnsinnig gemacht. Da waren auch Kinder dabei. Für Kinder ist es nicht richtig, dass sie das hören und sehen.“

Sätze aus einem anderen Jahrhundert

Es sind Sätze wie aus einem anderen Jahrhundert, voller Ernst formuliert. Danach sei er mit der evangelischen Kirche fertig gewesen, wenngleich er den „bürokratischen“ Austritt erst jetzt erkläre.
Zum Islam übergetreten sei er im Herbst 2017 beim Besuch einer Moschee im russischen Ufa, nachdem diese Idee schon einige Jahre in ihm gereift sei: „Ich habe mir erlaubt, es in mir wachsen zu lassen.“ Erklären könne er das alles nicht. Er habe auch plötzlich aufgehört, Schweinefleisch zu essen und zu rauchen. „Das lief von allein. Meine Familie ist glücklich. Alles schön“, sagt Wagner.

Alles schön? Nicht für die AfD. Wagner, seit 2013 Parteimitglied, seit 2015 im Landesvorstand in Brandenburg, zog sich jetzt zwar aus der Parteispitze und auch als Vize-Kreischef im Havelland zurück. Doch in der Partei reicht das vielen nicht. „Viele Mitglieder erwarten nun auch Wagners Parteiaustritt“, wird AfD-Kreischef Kai Berger auf der Partei-Homepage zitiert. „Wir werde keinen Druck auf ihn ausüben“, heißt es dort. Doch der Druck folgt im nächsten Satz: „Die AfD bleibt selbstverständlich weiterhin die politische Kraft gegen die Islamisierung, die überall in der Gesellschaft Platz greift und vor der sie nun selbst nicht verschont geblieben ist.“

Obwohl Wagner damit quasi zur Unperson erklärt wird, bemüht er sich, gelassen zu bleiben. Berger sei „ein direkter Typ“ und es sei verständlich, dass in der AfD viele seinen Schritt nicht nachvollziehen könnten. Auf Landesparteichef Andreas Kalbitz, der den Religionswechsel zur Privatsache erklärte, lässt Arthur Wagner nichts kommen. Doch mit dem Anti-Islam-Kurs der AfD hadert er. Es gebe „im Islam gute und schlechte Leute“.

Man dürfe sich „nicht zum Islambekämpfer“ machen. Und was „unser armer Herr Höcke“ da in Erfurt über den Islam gesagt habe, „das tut weh“. Aber, und damit stimmt Wagners Weltbild wieder, so sei ja nicht die gesamte AfD. „Da wir eine künftige Volkspartei sein sollen, da gehören verschiedene Gedanken dazu.“ Wenn man das wolle, dann müsste auch der Islam zur AfD gehören, davon ist Wagner überzeugt.

Zur Startseite