Mehr Schein als Sein. Charlotte Ritter, gespielt von Liv Lisa Fries, lässt nachts die Puppen tanzen und haust tagsüber unter ärmlichen Bedingungen in einer Mietskaserne im Wedding. Dort machen sich Ende der Zwanziger Jahre die Nazis breit. Foto: Frederic Batier, promo
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ARD-Serie "Babylon Berlin" Koksnasen, Proletarier und viele Parallelen zum Berlin von heute

Endlich im Ersten: Zum Fernsehstart von "Babylon Berlin" erklärt Krimi-Autorin Kerstin Ehmer, warum sie die Zwanziger so faszinieren.

Sie ist fasziniert von diesen Zwanziger Jahren, sie weiß, wovon sie spricht, sie hat „Babylon Berlin“ gesehen und empfiehlt die Serie, die an diesem Sonntagabend endlich im Ersten zu sehen ist, mit einem Wort: „Babylon Berlin“ sei „großartig“, sagt Autorin Kerstin Ehmer, von den Bildern wie von den Schauspielern her. In dem einen Wort kommt sie zum Ausdruck – diese Anziehungskraft einer Zeit, die von der Gegenwart so weit weg ist und ihr doch zu ähneln scheint in ihrer Aufgeregtheit und ihrer Neigung zum Exzess, in ihrer Lebenslust und der Ahnung, dass das alles so nicht ewig weitergeht.

Sie betreibt auch die Victoria-Bar an der Potsdamer Straße

Kerstin Ehmer hat die Zeit und ein paar Menschen, die in ihr zurechtkommen mussten, in ihrem 2017 veröffentlichten Roman „Der weiße Affe“ porträtiert. Wie „Babylon Berlin“ und eine Reihe historischer Romane spielt auch „Der weiße Affe“ in Berlin, und doch hat Ehmer mit dem Buch und der bewegenden Geschichte um einen Kommissar und einen Jungen einen ganz eigenen Ton, eine besondere Perspektive gefunden. Sie betreibt seit jetzt siebzehn Jahren die Victoria Bar an der Potsdamer Straße. West-Berlin kennt sie noch aus den Achtzigern – das und die Jahre mit der Bar in an der Potsdamer Straße stehen für eine gewisse Expertise mit Exzessen. Dem „Weißen Affen“ merkt man das an.

Kerstin Ehmer arbeitete viele Jahre als Mode- und Porträtfotografin. Seit 16 Jahren betreibt sie mit ihrem Mann die legendäre Victoria Bar in Berlin. Sie verfasste das Buch »Die Schule der Trunkenheit«, das sich zu einem Longseller entwickelte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Der weiße Affe« ist ihr erster Kriminalroman. rFoto:pivat Vergrößern
Kerstin Ehmer arbeitete viele Jahre als Mode- und Porträtfotografin. Seit 16 Jahren betreibt sie mit ihrem Mann die legendäre Victoria Bar in Berlin. Sie verfasste das Buch »Die Schule der Trunkenheit«, das sich zu einem Longseller entwickelte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Der weiße Affe« ist ihr erster Kriminalroman. © rFoto:pivat

An „Babylon Berlin“ haben ihr nicht allein die Schauspieler gefallen – Volker Bruch, der den Kriminalkommissar Gereon Rath spielt, und Liv Lisa Fries, die Darstellerin von Charlotte Richter, die bei der Polizei als Stenotypistin arbeitet und gern Ermittlerin wäre. Kerstin Ehmer fand auch das Berlin der kleinen Leute eindrucksvoll dargestellt, die Mietshäuser und zu kleinen Wohnungen für zu große Familien, die Kinder, die immer draußen spielten, die Hinterhöfe, in denen gearbeitet wurde – wenn nicht in den Remisen noch Tiere gehalten wurden.

Dieses Berlin, in dem Gereon Rath und Charlotte Richter unterwegs sind, war der Gegenpol zu dem Nachtclub- und Exzess-Berlin mit seinen Champagnerschlürfern und Koksnasen, von dem sich Gereon Rath stark angezogen fühlt. Volker Kutscher, Autor von inzwischen sechs „Gereon-Rath“-Kriminalromanen (der siebte soll Ende Oktober erscheinen, zudem soll ab Herbst die drittel Staffel der Serie in zehn Teilen gedreht werden) schickte seinen Helden in die untergehende Weimarer Republik – auch weil ihn die Frage bewegt, woran dieser Staat gescheitert ist und ob es nicht hätte anders kommen können.

Das Zerbrechliche an der Weimarer Republik fasziniert

Kutscher hat im Gespräch mit dem Tagesspiegel mal gesagt, er glaube, dass der Niedergang der Weimarer Republik mit der folgenden Machtübernahme der Nazis „keine zwangsläufige“ Entwicklung gewesen sei. Auch für Kerstin Ehmer ist es das Zerbrechliche an der Republik, das sie fasziniert. In „Der weiße Affen“ – ein Roman über einen jungen Kommissar bürgerlicher Herkunft in einer Stadt der Proletarier, der jüdischen Bürger und einer feiernden Bohème, die die Nacht zum Tag macht – ist der Niedergang noch kaum zu erahnen.

„Dieser unglaubliche Pluralismus“ wirkt bis heute anziehend, er ist wohl auch für den Eindruck verantwortlich, in der gesellschaftlichen Vielfalt wie in der Kultur seien das Berlin der Zwanziger Jahre und die Berliner Gegenwart vergleichbar.

Als die Nazis immer bedrohlicher wurden

Kerstin Ehmers erste Geschichte ereignet sich in der kurzen Zeit, die den Namen „die Goldenen Zwanziger“ verdient hat. Das waren die Jahre 1924 bis 1928, zwischen Brutalinflation und den beginnenden politischen Brutalitäten zwischen Nazis und den extremen Linken.

In der Fortsetzung, an der sie gerade arbeitet, machen sich die Nazis breit, zunächst im Wedding. In Kutschers sechs Rath-Romanen werden die Auftritte der Nazis immer bedrohlicher – und politisch nachhaltiger. Seine Freundin Charly erlebt mit Grauen, wie der liberale Polizeipräsident im Zuge der politischen Entwicklung „die Burg“, also das Präsidium am Alexanderplatz, räumen muss. Beim Frühstück streiten die beiden, ob sie ihrem Pflegesohn erlauben dürfen, wie alle Klassenkameraden zu den Veranstaltungen der Hitlerjugend zu gehen. Für Charly geht es ums Prinzip, Gereon Rath meint, der Nazi-Spuk werde in ein paar Jahren vorbei sein.

Wer bestimmte die Weimarer Politik?

Es waren, meint Kerstin Ehmer, sicher zu fünfzig Prozent „Nicht-Demokraten“, die die Politik der Weimarer Republik bestimmten – als Bürger und Wähler, als Abgeordnete, als Männer der Exekutive. Dazu ein Polizeiapparat mit einer Schutzpolizei, die kaserniert war, ohne Verbindung zur Bevölkerung: Demokratie ohne oder jedenfalls mit zu wenigen Demokraten, dafür aber mit einem stets wachsenden Potenzial an politischem und gesellschaftlichem Hass, an Bereitschaft zum Polit-Exzess.

"Bei allen Ähnlichkeiten sind wir heute sicherheitsverwöhnt"

In Ehmers neuem Roman mit dem jungen Kommissar Spiro wird es um eine andere, sozusagen subkutan wirksame, Epidemie dieser Zeit gehen – die Syphilis, an der Tausende litten, als Mitbringsel aus dem Krieg, als Nebenwirkung der Amateur-Prostitution zur Verbesserung der Einkünfte.

Penicillin, daran erinnert Kerstin Ehmer, gab es noch nicht. Auch das ist einer der großen Unterschiede zwischen der Zeit von „Babylon Berlin“ und der Gegenwart. Kerstin Ehmer schüttelt den Kopf bei der Frage, ob sie damals gern gelebt hätte. Bei allen Ähnlichkeiten bis hin zu den Unsicherheiten in der Politik seien wir heute „wohlstandsverwöhnt“ und „sicherheitsverwöhnt“ – „wer weiß, ob man überhaupt überlebt hätte?“

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