Teile der Besatzung von Neu-Lummerland auf ihrem Bootsverband. Foto: Mike Wolff
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Alternatives Leben in der Rummelsburger Bucht Ein Besuch auf der Anarcho-Insel

Auf dem Rummelsburger See lebt eine Gruppe Aussteiger. Einzige Regel: Keine Nazis. Manche Uferbewohner stören sich an „Neu-Lummerland“.

Jenny Pollack, in einem früheren Leben Unternehmensberaterin, sitzt zusammen mit vier anderen Siedlern im Mutterschiff von Neu-Lummerland und erzählt davon, dass sie nun, zwei Jahre später, nicht mehr verstehe, wie sie einst in „kapitalistischen Zwängen“ habe leben können. Hier auf Neu-Lummerland gebe es keine Regeln, sagt sie, keinen Kapitalismus. Am Ufer sieht es anders aus: Immer mehr Büros und Wohnungen entstehen, auch die Touristenattraktion "Coral World" steht in den Startlöchern. Die Senatsverwaltung will den See am liebsten ohnehin freischaffen von Hausbooten, scheiterte mit einem Ankerverbot und versucht es nun durch eine Seesanierung.

Längst werden in Neu-Lummerlands Nachbarschaft auch „gemütliche Hausboote mit Kamin“ über AirBnb angeboten, „kann man mit Blick aufs Wasser tiefenentspannen und beim seichten Schaukeln der Wellen behaglich schlummern“, wie es in einer Angebotsbeschreibung heißt. „Alternatives Wohnen auf dem Wasser – grade in der dafür prädestinierten Rummelsbucht lässt sich dieses beliebte Modell authentisch erleben.“

Neu-Lummerland, selbsternannte, in Spreewasser schwimmende Anarcho-Insel im Berliner Osten, bestehend aus ungefähr 50 Meter vom Ufer entfernt ankernden, miteinander vertäuten Booten, zwischen Rummelsburg im Norden und der Friedrichshainer Halbinsel Stralau im Süden. Von Menschen bewohnter, sagenumwobener Ort ohne Regeln mitten auf dem Rummelsburger See. Einstige Obdachlose leben hier neben Künstlern.

Ein solches Leben sei – Pollack schaut durch ein Bullauge rüber aufs Festland – in der heutigen Gesellschaft kaum mehr möglich. „Jeder muss funktionieren, niemand darf aus dem Rahmen fallen“, sagt sie. „Alles andere verzeiht man in unserer kapitalistischen Welt nicht mehr.“ Auf Lummerland gelte: Kein Kapitalismus, keine Fremden.

Der engere Kreis zähle 50 Leute, sagt Weber – für die meisten Zweitwohnsitz, eine Art Gartenlaubensiedlung, es sind schwimmende Kleingärten, um die längst auch ein Kulturkampf geführt wird. Die auf den Booten gegen die in den Palästen am Ufer. So manches Hausboot verbirgt durchaus nobles Interieur, und nicht alle der neuen Wohnungen auf der Halbinsel Stralau sind Luxusapartments. Pollack hat noch eine Eigentumswohnung in Berlin-Mitte. Ein Überbleibsel aus ihrem alten Leben. Oft lässt sie befreundete Obdachlose in der Wohnung leben, erzählt sie.

Insel ohne Regeln: Neu-Lummerland auf dem Rummelsburger See. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Insel ohne Regeln: Neu-Lummerland auf dem Rummelsburger See. © Mike Wolff

Uferbewohner beschweren sich über das laute Leben auf dem Wasser. Im vergangenen Jahr war die Wasserschutzpolizei an 167 Tagen auf dem Rummelsburger See im Einsatz. Die Grüne Clara Herrmann, Umweltstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg, spricht von einem „Beschwerde-Hot-Spot“: Klagen über Drogen, Müll, Lärm und Aggressivität. Laut dem Abgeordnetenbüro von Innensenator Andreas Geisel wurden hier fünf Haftbefehle vollstreckt. Die Pressestelle der Polizei konnte das nicht bestätigen und spricht von zwei vollstreckten Haftbefehlen durch die Wasserschutzpolizei im letzten Jahr. Zudem habe es mehr als 100 Anzeigen gegen Bootseigentümer gegeben. Anwohner, die sich an Lummerland stören, wollen nicht namentlich genannt werden. Aus Angst vor den Seebewohnern, wie sie sagen.

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Senatsverwaltung wollte Ankerverbot - und scheiterte

Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz wollte das Ankern auf dem See verbieten, die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes als Eigentümer des Sees lehnte dies jedoch ab. Ein Widerspruch des Senats gegen die Ablehnung wurde rechtskräftig abgelehnt. Das Gewässer ist eine Bundeswasserstraße, natürlich würden hier Boote fahren und ankern, so die Argumentation der WSV. Lummerland brannte bereits einmal ab. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Brandstiftung.

Es ist ruhig an diesem Dezemberdonnerstagmorgen, nur Enrico Webers Motorboot röhrt über den See, ein kleiner pinker Plastik-Flamingo wackelt über dem Armaturenbrett. Bisher waren Journalisten auf Lummerland nicht willkommen, doch Weber ist neuer Besitzer des Mutterschiffes – des in der Inselmitte ankernden Bootes, an dem die anderen festgemacht sind –, der vormalige sei für eine Frau an Land gegangen, erzählt Weber. Mutterschiffbesitzer haben in Bootsverbänden wie Lummerland eine Art Sonderstellung, und Weber will sie nutzen, um Lummerland offener zu gestalten für Dialoge, auch mit den Seeanwohnern und Politikern.

Der 47 Jahre alte Mechatroniker und Vater von zwei Töchtern aus Sachsen hatte seinen Job vor drei Jahren eine Zeitlang hingeschmissen und sich zunächst ein kleineres Boot in Berlin gekauft, mit dem er an Wochenenden zum Rummelsburger See und manchmal um Lummerland herum fuhr – mehr als ein Jahr lang, bis die anderen ihn an Bord ließen. Er blieb.

„Die Kunst ist nicht das Anlegen, sondern das Bleiben.“

Vier andere Lummerland-Bewohner steigen rüber in sein enges, wankendes Wohnzimmer mit Ofen und setzen sich, wollen über ihr Lummerland erzählen. Andere Mitglieder der Gemeinschaft sind nicht so offen. Das große, weiße Schiff neben dem von Weber zum Beispiel soll nicht betreten und auch nicht fotografiert werden. Der Besitzer wolle nicht vor der Presse reden, sagt Weber und zuckt mit den Achseln.

Jenny Pollack lacht, wärmt sich am Ofen, sie sagt: „Die Kunst ist nicht das Anlegen, sondern das Bleiben.“ Sie sucht das Feuerzeug, um sich eine neue Zigarette anzuzünden.

Immer mehr Boote auf dem See, immer mehr Häuser um den See

Pollack ist über Tinder dazugestoßen – durch die Dating-App hatte sie ihren damaligen Freund und sein Boot kennengelernt, das eine Zeitlang an Alt-Lummerland lag. Später kaufte sie sich ein eigenes Schiff. Eines, wie es auch in den Häfen von St. Tropez oder Amsterdam ankern könnte, fast schon eine Jacht. „Ich hatte ordentlich Kohle, aber mir ging es nicht gut damit“, sagt sie. Auf Lummerland sei es erst nicht leicht gewesen, „ich war es nicht gewohnt, mit anderen zusammenzuleben und zu teilen.“

Die Fluktuation auf Lummerland ist streckenweise hoch: Einige kommen und gehen schnell wieder, andere bleiben länger. Lummerland lebt, es wächst organisch, wie ein Rhizom – und es blüht auf im Sommer wie eine Seerose.

Nicht nur die Boote auf dem See werden immer mehr, aus 24 vor vier Jahren sind ungefähr 200 im vergangenen Sommer geworden. Auch das Ufer wird bald vollständig bebaut sein. Die Friedrichshainer Seeseite wurde in den letzten Jahren zügig mit Wohnungen und Gewerbe bebaut.

Enrico Weber in seinem Motorboot, der pinke Flamingo wackelt auf dem Armaturenbrett. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Enrico Weber in seinem Motorboot, der pinke Flamingo wackelt auf dem Armaturenbrett. © Mike Wolff

Teils direkt am Wasser, beworben mit „Blick auf den See“ und „ruhiger Lage“. Weber schaut hinüber zu den Landratten. Mit einigen verstehe er sich ganz gut, sagt er. Manche würden ihn immer nur beschimpfen. Wenn es nach der von Regine Günther geleiteten Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz geht, soll der Rummelsburger See nicht mehr als dauerhafter Wohnort von Hausbooten genutzt werden. Die Bezirke Lichtenberg und Friedrichshain-Kreuzberg haben Anlegeverbote beschlossen.

Und es wird weiter gebaut: Auf der Westseite, zwischen dem See und der Bahntrasse Richtung Ostkreuz, entsteht „B:Hub“, ein Bürokoloss: 300 Meter lang, fast 50 000 Quadratmeter Fläche und bis zu elf Stockwerke hoch, 24 Euro Monatsmiete kostet der Quadratmeter. „A new landmark in Berlin“ … „More than just a space“ ... „idyllisch am Wasser“: So bewirbt sich „B:Hub“. Den neuen Büro-Riegel braucht die Stadt als Lärmschutz, um in Stralau noch mehr Wohnungen errichten zu können.

Innensenator spricht mit Anwohnern

Am 27. Februar 2019 beschwerten sich rund 30 Anwohner über Lummerland und die Situation am See bei Innensenator Andreas Geisel, der selbst in der Nähe, in Karlshorst unweit des Sees wohnt und dort seinen Wahlkreis hat. „Sie haben meinen Ehrgeiz geweckt, ich gebe mir Mühe. Ich werde mich darum kümmern“, versprach Geisel. Er ermutigte die Bürgerinnen und Bürger dazu, Fotos zu machen. Die vermuten Drogenhandel und Wasserverschmutzung auf Lummerland. Die würden dort ins Wasser scheißen, heißt es. Und nachts, da würden Boote ans Ufer fahren – das seien doch Drogenkuriere, meinte eine Anwohnerin. Dass nächtliche Seefahren nichts aussagen, wurde ihr dann schnell klar.

Die umgebaute Sauna von Neu-Lummerland ist derzeit bewohnt. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Die umgebaute Sauna von Neu-Lummerland ist derzeit bewohnt. © Mike Wolff

Andere Anwohner erzählen von alkoholisierten Lummerländern, die aggressiv geworden seien. Jenny Pollack und Enrico Weber sagen dazu: Geschäfte mit Drogen könne man ebensogut auf dem Festland vermuten, hinter den Wänden der Wohnungen. Philipp Marten, Leiter von Geisels Abgeordnetenbüro, sagt, es seien keine Fotos zugesandt worden, die Straftaten dokumentieren. Kurz vor Weihnachten wurde Geisels Wahlkreisbüro mit Farbe beschmiert – nicht das erste Mal. „Unsere Aktion richtet sich gegen die Verdrängung autonomer Freiräume in Berlin“, heißt es in einem dazugehörenden Schreiben.

Größtes Obdachlosencamp Deutschlands am Seeufer

Gemeint ist damit vielleicht auch das Obdachlosenzeltlager am Westufer. 150 Menschen, aus Bulgarien, Rumänien, Deutschland sollen dort leben. Mitarbeiter des Sozialarbeitsvereins Karuna, die im Auftrag der Senatsverwaltung für Soziales die Obdachlosen an der Rummelsburger Bucht eine Zeitlang betreut hatten, sagen, sie kennen keine größere Ansammlung von obdachlosen Menschen in Deutschland.

Die Wache Ost der Wasserschutzpolizei spricht vom See als einem Schwerpunktbereich, insgesamt seien die Kollegen im Jahr 2019 ungefähr 2000 Stunden lang hier tätig gewesen, bei „400 Einsatzanlässen fertigte die Wasserschutzpolizei ca. 500 Vorgänge“.

Aus einem Protokoll der Wasserschutzpolizei ist zu entnehmen, wie einer der Beamten beschreibt, die Einsatzerfordernisse auf dem Rummelsburger See seien ähnlich hoch wie auf dem viel größeren Müggelsee. „Die digitale Vernetzung der Nutzer auf dem See und ihr ‚Frühwarnsystem’ vor der WSP sind ausgezeichnet organisiert.“ Gemeint ist eine WhatsApp-Gruppe, in der sich die Seebewohner austauschen.

Ronny Hering präsentiert seinen Neomat: Kunst aus dem Zigarettenautomaten. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Ronny Hering präsentiert seinen Neomat: Kunst aus dem Zigarettenautomaten. © Mike Wolff

„Wir leben hier von Toleranz, nicht von Rücksicht“, sagt Pollack. Falsch verstandene Rücksicht, wie in Wohngemeinschaften an Land, sei schädlich. Man müsse alle so tolerieren, wie sie sind. Und wenn einer laut ist, müsse man eben das tolerieren. Auf Lummerland macht niemand leiser, weil der andere am nächsten Tag arbeiten muss. Und, im Gegensatz zum Leben auf dem Festland, kann jeder mit seiner schwimmenden Behausung jederzeit ablegen und sich einen ruhigeren Ort auf dem See suchen.

Pollack zum Beispiel ankert seit ein paar Tagen nicht an Lummerland. Auch sie brauche mal etwas Ruhe, bevor sie sich über den Winter ohnehin nach Indien verabschiedet. Wegen des Wetters in Berlin, nicht wegen dem Leben auf See. Einen Rückflug hat sie noch nicht gebucht.

Einmal habe jemand vom Ufer gerufen: „Wir fackeln euch nochmal ab.“

Im Sommer, wenn Lummerland blüht, klar, da haben sie schon mal die Musikbox auf einem Bootsdach vergessen in der Nacht – und die lief dann bis morgens. Aber Pollack meint, die Landbewohner hätten andere Probleme mit Lummerland: „Die stören sich schon an unserem Anblick, verstehen nicht, wie wir hier leben, haben Angst.“ Müll werde nicht ins Wasser geworfen, sondern in Container gebracht, die am Ufer bereitstehen. Und natürlich gibt es eine Öko-Toilette auf dem Bootsverband „Ich schmeiß ja auch keinen Müll in meinen Vorgarten“, ruft Ronny Hering, der neben Pollack sitzt. Die Anwohner würden versuchen, Fotos von ihnen zu machen. Einmal habe jemand vom Ufer gerufen: „Wir fackeln euch nochmal ab.“

Die Crew von Neu-Lummerland in der Kajüte von Enrico Webers Schiff. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Die Crew von Neu-Lummerland in der Kajüte von Enrico Webers Schiff. © Mike Wolff

Alt-Lummerland war im März 2017 abgebrannt. Teile der Überreste sind noch im See. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen längst eingestellt und Brandstiftung ausgeschlossen. Sie vermutet einen defekten Motor oder einen Vorfall bei einer Party als Brandursache. Auf den Booten sieht man das skeptisch: Es sei feucht gewesen, es habe geregnet an dem Tag.

Hausverbote nur auf den eigenen Booten

Das Mutterschiff von Alt-Lummerland hat den Brand 2017 als einziges überstanden. Neue Boote dockten an, Neu-Lummerland gründete sich um eine hölzerne Sauna in Form einer geschlossenen Blüte.

Um anlegen zu können, muss man jemanden auf den Booten kennen – und man darf kein Nazi sein, sagt Pollack. Das sei die einzige Regel auf Lummerland. Auf dem eigenen Boot kann jeder Hausverbote aussprechen, Regeln verhängen und Besucher frei auswählen. Lummerland ohne Einladung oder Bezugsperson zu betreten, ist nicht möglich, jedenfalls nicht geduldeterweise.

„Wenn wir von Lummerland sprechen, dann reden wir über eine Familie, die zufällig auf Booten wohnt und dadurch einen Ankerverband bildet“, sagt Pollack. „Lummerländer gibt es auf der Insel und auf dem Land, wer dazu gehört und bleiben kann, entscheidet sich durch die Zugehörigkeit zur Familie.“ Hier solle „jeder so leben dürfen, wie er es für richtig hält, so lange er niemand anderem damit schadet.“

Neu-Lummerland: Ort der Utopie und des gemeinschaftlichen Lebens. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Neu-Lummerland: Ort der Utopie und des gemeinschaftlichen Lebens. © Mike Wolff

Alex, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, hat Ronny beim Feiern kennengelernt. Anschließend hätten sie in seinem Boot gelegen. „Da dachte ich: so eine Ruhe hatte ich noch nie vorher erlebt.“ Er ist der Jüngste an Bord, noch nicht 30, hat in einer Skatehalle in Lichtenberg gearbeitet, nun gibt er Skate-Workshops für Jugendliche, finanziert von der Senatsverwaltung.

Neben ihm sitzt „Mööp“ Twietmeier mit einem Antifa-Aufnäher auf der Hose. Er ist mit über 50 Jahren der Älteste. Eine Zeitlang war er obdachlos, er erzählt, das Obdachlosenzeltlager am Ufer vor drei Jahren mitgegründet zu haben. Ab und zu schaue er vorbei, sei aber nicht glücklich mit der Entwicklung: zu viele Leute, zu viel Müll. Nun lebt er in der zum Wohn- und Schlafzimmer umgebauten Sauna, der Blüte von Lummerland. Dort arbeite er an einem Kinderbuch und mache Musik, genieße die Ruhe.

Aussteigerin Jenny Pollack auf Lummerland. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Aussteigerin Jenny Pollack auf Lummerland. © Mike Wolff

Ronny Hering bleibt als einziger im Winter auf Lummerland, sagt er. Jenny Pollack und der 33-Jährige haben sich ebenfalls beim Feiern am Festland kennengelernt, als er mit seinem Boot in der Bucht übernachtete, dass er sich zum Geburtstag gekauft hatte. Auf Lummerland habe er sich dann sofort wohl gefühlt und angedockt, mit den damaligen Bewohnern habe alles gut harmoniert. Früher hat er in der Industrie gearbeitet, nun möchte er Kunsthandwerk machen und eine Werkstatt gründen, die für mittellose Künstlerinnen und Künstler offen ist. Alte Zigarettenautomaten will er umfunktionieren: Päckchen mit Kunst drin sollen gezogen werden können. „Neomat“ nennt er das Projekt.

Technoclub „Unterbewusstsein“ im Mutterschiff

Für den nächsten Sommer sind die Pläne ohnehin groß: Pollack will Yogakurse anbieten auf ihrem Boot, abgekoppelt von Lummerland, Weber Rundfahrten und die Übernachtungsangebote. Weber plant, das Mutterschiff, die „Phönixx“, wieder mit einem Motor ausstatten und den Bootsverband so umstellen, dass das zehn mal vier Meter große Schiff diesen auch einmal verlassen kann. Die Kajüte, wo gerade noch Pollack, Weber und Co, sitzen, will er zum Technoclub ausbauen. „Unterbewusstsein“ soll er heißen, die Partys sollen unter anderem an der Oberbaumbrücke gefeiert werden. Neu-Lummerland soll zudem ein zweites Mutterschiff, eine neue Mitte bekommen. Ein Boot mit viel Holz und Glas.

Und Lummerland wird sich vielleicht weiter vom Ufer entfernen müssen. Der Seeboden ist voller Schwermetalle, die Senatsverwaltung für Umwelt will die Sanierung vorantreiben. Der Kajakverleih am Ufer muss bis zum Herbst umgesiedelt werden, 120 000 Kubikmeter vergifteter Seeboden sollen raus. Eine Arbeitsplattform auf Pontons soll errichtet werden.

[Wie es rund um den See, mit dem Obdachlosencamp und mit der Seesanierung weitergeht, berichten wir auch in unserem Bezirksnewsletter für Lichtenberg, einmal pro Woche, ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de]

Enrico Weber schaut von Lummerland über die Wellen rüber ans Ufer. So dreckig finde er den See nicht, sagt er. Im Sommer gehe er schwimmen, auch Fisch von hier habe er schonmal gegessen, aber da müsse man vorsichtig sein.

Auf den Hausbooten darf offiziell nicht gewohnt werden, daher sind diese als Sportboote gemeldet. Einmal pro Tag müssen sie begangen oder bewegt werden, die Schifffahrtgesetze sind da streng, aber kaum kontrollierbar.

Ordnung durch Beton?

Nachdem das Ankerverbot abgelehnt wurde, hofft die Berliner Regierungspolitik nun darauf, dass die nahezu vollständige Bebauung des Ufers zu geordneten Strukturen führen wird. Ordnung durch Beton, am Ufer, sowie auf dem Wasser. Auch die Obdachlosensiedlung und ihre Bewohner sollen weg.

Enrico Weber röhrt mit seinem Motorboot über den Rummelsburger See. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Enrico Weber röhrt mit seinem Motorboot über den Rummelsburger See. © Mike Wolff

Eine Notunterkunft in der Nähe soll laut Regierungsankündigung geschaffen werden, noch fehlt allerdings ein Träger. Die Obdachlosen misstrauen der Sache ohnehin. Sie dürfen nicht mehr zurück, wenn sie einmal die Rummelsburger Bucht verlassen haben. Teile der Behausungen wurden bereits abgerissen, das Gelände wurde eingezäunt. Nach Ende der Kältehilfeperiode im März soll Schluss sein und der Baubeginn für „Coral World“, ein Unterwasserpark, eine Art Riesenaquarium mit einem Investitionsvolumen von 40 Millionen Euro.

Der Uferweg soll noch einmal asphaltiert und zur Flaniermeile werden, vielleicht wird es auch Aussichtsplattformen geben. Enrico Weber zuckt mit den Achseln: Lummerland werde bleiben, sagt er. Die Bucht sei seine Heimat geworden. Egal, was da am Ufer geredet oder gebaut werde.

Geheime Treffen im Abgeordnetenhaus

Auch im Abgeordnetenhaus ist der Rummelsburger See und sein Ufer immer wieder Thema. Bisher drei Mal fanden Runde Tische statt, initiiert durch die „Interessengemeinschaft Rummelsburger Bucht“ mit zehn Mitgliedern. Laut Eigenauskunft repräsentiert die IG „rund 342 Millionen Euro Grundstückserwerbs-, Planungs- und Investitionskosten“. Die Mitglieder sind überwiegend diejenigen, die an der Rummelsburger Bucht bauen wollen: die Wohnungsbaugesellschaft Howoge zum Beispiel und „Coral World“. Die Teilnehmer des Runden Tisches verpflichten sich zur Verschwiegenheit, die Inhalte sind vertraulich.

IG-Sprecher Ottfried Franke wohnt in Seenähe. Sein Haus wurde Anfang 2019 mit Farbe und Parolen beschmiert. Der letzte Runde Tisch wurde im November ausgetragen, Gastgeber war der CDU-Abgeordnete Danny Freymark. Vertreter der Hausbootbewohner waren nicht eingeladen.

Weber (rechts) und Twietmeier auf dem Dach ihres Mutterschiffes. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Weber (rechts) und Twietmeier auf dem Dach ihres Mutterschiffes. © Mike Wolff

Unter denen, die nicht an, sondern um Lummerland herum ankern, gibt es unterschiedliche Ansichten über die Insel, nicht alle kommen gut mit ihr und ihren Bewohnern aus, können die Beschwerden vom Ufer teilweise verstehen. Die Lummerland-Crew sagt hingegen, alle Beschwerden würden immer auf ihnen abgeladen. Auch, wenn der Krach nicht von ihnen käme, könnten die Leute vom Ufer das kaum differenzieren.

Am vergangenen Sonntagnachmittag, die Sonne steht tief. Spaziergänger, Jogger, Kinderwagenschieber und Uferbewohner Stralaus, das wie eine breite Mole den See von der Spree trennt, lauschen dem vollständigen „Pulp Fiction“-Soundtrack. Er ist nicht laut genug, um Gespräche unmöglich zu machen. Von wo im See er herüberschallt, ist unmöglich auszumachen.

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