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Tage des Aufruhrs. Die Räumung der besetzten Häuser in der Mainzer Straße am 14. November 1990 eskalierte zur Straßenschlacht. Foto: imago / Peter Homann
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Als Friedrichshain im Straßenkampf versank Vor 30 Jahren wurden die besetzten Häuser der Mainzer Straße geräumt

Die Räumung in der Mainzer Straße am 14. November 1990 eskalierte zur Straßenschlacht. Die brutalen Konflikte sind ein Berliner Wendepunkt nach der Einheit.

Als die Wasserwerfer nicht weiterkommen und Räumpanzer im Graben steckenbleiben, kommt über Megafon der Befehl: „Zu Fuß vordringen.“ Polizistinnen und Polizisten rücken vor ins Krisengebiet in der eigenen Stadt, die wie ein Kriegsgebiet anmutet.

Umgestürzte Bauwagen und brennende Barrikaden liegen auf der Straße, von Dächern fliegen Molotowcocktails, Gehwegplatten, Toilettenbecken, Gullydeckel. Die Polizei schießt Tränengasgranaten, behelmte Sondereinsatzkommandos stürmen in Häuser, es gibt verletzte Beamte und auch Misshandlungen an Festgenommenen.

Mitten in Friedrichshain tobt stundenlang ein Straßenkampf. Dann ist Ruhe am 14. November 1990. Die Mainzer Straße wird zum Militärischen Sicherheitsbereich erklärt: „Unbefugtes Betreten verboten! Vorsicht Schußwaffengebrauch!“ Eigentlich ist hier ein Wohngebiet.

Ein Jahr nach friedlicher Revolution und Mauerfall erlebt der Osten des gerade erst vereinten Berlin einen der heftigsten Polizeieinsätze der jüngeren Stadtgeschichte. Die Erschütterungen vor 30 Jahren lassen die rot-grüne Koalition zerbersten. Sie zeigen aufbrechende Konflikte zwischen Ost und West, zwischen linker Szene und Polizei, auch zwischen Hausbesetzern und Hausbesetzern. Ein anarchischer Traum, geboren im Berlin des Wendewahnsinns, ist ausgeträumt.

Der harte Alltag der deutschen Einheit beginnt. Er hinterlässt Wunden, die man kaum sieht, wenn man heute durch das Viertel rund um den Boxhagener Platz streift: sanierte Altbauten, Familienspaß auf teuren Bürgersteigen, Geschäfte, Cafés. Der Flohmarkt als Kiez-Idyll, in dem man Vergangenheit noch auf Fotos entdecken kann. Und in ein paar Gesichtern.

Eigentlich ging es um Altbauten, die in Friedrichshain nicht mehr hätten stehen sollen. Wie in bröckelnden Straßenzügen von Prenzlauer Berg und Mitte plante die DDR-Führung den Abriss maroder Wohnhäuser, deren Sanierung die Kommunale Wohnungsverwaltung nicht gestemmt bekam. „KWV – Ruinen schaffen ohne Waffen“, spotteten die Menschen, die hier trotzdem wohnten, manche mit Klo auf halber Treppe, und Kohlen hochschleppten.

Kurz vor dem Ende der DDR wurde die westliche Seite der Mainzer Straße entmietet; hier sollten bald Plattenbauten vom sozialistischen Wohnen künden. Doch dann rissen die Menschen lieber den Sozialismus ab. Die Häuser bleiben.

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Neuer Raum entsteht, inmitten der Stadt. Wie rund um die Schönhauser Allee nutzen junge Leute auch in Friedrichshain die staatliche Ohnmacht, um sich selbst Wohnräume zu erobern. In der „Kirche von unten“, eng mit der DDR-Opposition verbunden, tauchen viele Wohnungsbesetzer bei linken Punk-Konzerten in Kellerclubs auf. Die Szene im Altbau-Osten, die sich auch gegen Neonazis aus den Neubaugebieten positionierte, wirbt am 1. Mai 1990 in Kreuzberg um Unterstützung West-Berliner Linker. Hier haben viele, ausgehend von der legendären Bethanien-Besetzung, schon Erfahrung mit der Selbstaneignung städtischen Raums.

Die Mainzer Straße wird mit zwölf besetzten Häusern zum Mekka vieler Leute, die anders leben wollten. So beschreibt es jedenfalls Kristof Wagner, Punker aus Pankow, der damals staunend vor den besetzten Häusern steht – mit eigenen Theatern, Spätis und über die Straße gespannten Plakaten: „Krieg den Palästen, Friede den Hütten“. Und auch: „Deutschland verrecke“.

Etwa 3000 Polizisten waren am 14. November 1990 rund um die Mainzer Straße im Einsatz. Foto: imago stock&people Vergrößern
Etwa 3000 Polizisten waren am 14. November 1990 rund um die Mainzer Straße im Einsatz. © imago stock&people

Hunderte werden angezogen von einer Szene, die Freiheit verspricht, ihre Freiheit aber auch über die anderer stellt. Viele Aktivisten ziehen aus Bayern und Baden-Württemberg zu – endlich Berlin erleben, wo gerade Geschichte gemacht wird. „Da will ich auch rein“, denken Punks wie Kristof Wagner. Er erzählt heute am Telefon: „An den besetzten Häusern hat mich das Bunte angezogen, das Freie. Ich wollte mich ausprobieren ohne Eltern, ohne Schule, ohne Arbeitsgemeinschaften.“

Einer der markantesten Treffpunkte in der Mainzer Straße wird das sogenannte Tuntenhaus für queere Menschen; die meisten von ihnen kommen aus Kreuzberg oder Westdeutschland. In der Kneipe „Forellenhof“ finden queere Partys statt. „Der große Scheiß“, eine Schlagerrevue mit Quizshow, zieht bald hunderte Leute an. Berlin ist Punk.

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Immer wieder werden das Haus und die Straße von Neonazis aus dem nahen Lichtenberg angegriffen. Diese versuchen wie überall in Ostdeutschland, die Freiräume der zusammenbrechenden DDR mit rechter Gewalt auszufüllen. Die von ihrer eigenen Abschaffung verunsicherte Volkspolizei sieht nur zu. Auch diese Erfahrungen werden zu einem Erbe der Einheit.

Polizisten, Schaulustige und Wasserwerfer an der Ecke Frankfurter Allee, Mainzer Straße. Foto: imago stock&people Vergrößern
Polizisten, Schaulustige und Wasserwerfer an der Ecke Frankfurter Allee, Mainzer Straße. © imago stock&people

Die Stimmung im Sommer 1990, sowieso getrübt durch Betriebsschließungen und bis dahin nicht gekannte Arbeitslosigkeit, kippt. Die Auseinandersetzungen zwischen Links und Rechts, Scharmützel von Chaoten mit der West-Berliner Polizei lassen Anwohner verzweifeln.

Verhandlungen, besetzte Häuser zu legalisieren, haben auch im Ostteil wenig Erfolg. Auch weil westdeutsche Besetzerinnen und Besetzer wenig Kompromisse mit dem ihnen suspekten Staat machen wollen. Und weil der Senat zur Berliner Linie zurückkehrt, die keine Neubesetzungen duldet. So verstreicht der Sommer der Einheit ohne Lösung an der Mainzer Straße.

Keine Gewalt! Ostdeutsche Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley und Reinhard Schult versuchen zu vermitteln, vergeblich. Sogar während der Räumung stellen sie sich zwischen die Linien von Besetzern und Polizei. Von der einen Seite werden sie mit Steinen beworfen, von der anderen mit Wasserwerfern beschossen. „Leuchtraketen erhellen die Ost-Berliner Nacht“, titelt der Tagesspiegel.

Vermummte errichten Barrikaden, heben Gräben aus, blockieren die Frankfurter Alle

Heute ist die Innenstadt glattgentrifiziert. Die Menschen aber tragen die Geschichten weiter von einem Berliner Wendepunkt nach dem Umbruch – etwa für das sorgfältig kuratierte Buch „Traum und Trauma: Die Besetzung und Räumung der Mainzer Straße 1990 in Ost-Berlin“, das zum Jahrestag im Christoph Links Verlag erschienen ist. Mit vielfältigen Protokollen und eindrucksvollen Bildern zeigt es, dass der Übergang der beiden Stadthälften in eine neue Hauptstadt nicht glatt lief, sondern kantig. Und einen brutalen Bruchpunkt hatte.

Erst einige 1.-Mai-Straßenschlachten später sollten auch Berlins Politik und Polizei umdenken, umschwenken in Richtung Deeskalation. Und die linksautonome Szene, die sich in Friedrichshain zuletzt in der Liebigstraße mit Gewalt breit machte, zersplittert mehr und mehr. Die Eskalation vor 30 Jahren bleibt dennoch im Gedächtnis haften.

Schon am 12. November 1990 tobt die Gewalt in Friedrichshain. Nach der Räumung von besetzten Häusern in Prenzlauer Berg und Lichtenberg errichten Vermummte rund um die Mainzer Straße Barrikaden, heben Straßengräben aus und blockieren die Frankfurter Allee. Aus Sicht der Polizei soll die Straße zu einer Art „Festung“ ausgebaut werden, Innensenator Erich Pätzold (SPD) will den rechtsfreien Raum nicht länger dulden: Schluss, Ende.

In den politischen Nachbeben ging die rot-grüne Koalition - mit Renate Künast als Fraktionschefin der Alternativen Liste - in die Brüche. Foto: imago stock&people Vergrößern
In den politischen Nachbeben ging die rot-grüne Koalition - mit Renate Künast als Fraktionschefin der Alternativen Liste - in die Brüche. © imago stock&people

Am frühen Morgen des 14. November rücken 3000 Polizistinnen und Polizisten an; 500 Besetzerinnen und Besetzer liefern sich mit ihnen eine Straßenschlacht, die Berlin nachhaltig verstört. „Für mich war das ein politisches Erweckungserlebnis“, erzählt Kristof Wagner. Der Polizeieinsatz und die Proteste politisieren und provozieren die ganze Stadt.

Die Alternative Liste, angeführt von Fraktionschefin Renate Künast, verlässt zwei Tage später die rot-grüne Koalition des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper; aus den Gesamt-Berliner Wahlen geht nach einem kurzen heftigen Wahlkampf die CDU mit Eberhard Diepgen siegreich hervor. Berlin ist plötzlich eine andere Stadt. Die Leichtigkeit des Mauerfalls ist verflogen. Nur einen November danach.

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