Trauerfeier für einsam Verstorbene in der St. Marienkirche in Mitte. Foto: Lisa Nguyen
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Allein bis in den Tod Berliner Bezirk Mitte gedenkt der einsam Verstorbenen

Lisa Kim Nguyen

In der Marienkirche fand eine Trauerfeier für verstorbene Menschen ohne Angehörige statt. Viele Berliner kamen, um ihnen einen würdigen Abschied zu ermöglichen.

54 rote Teelichter stehen am Freitagabend in der St. Marienkirche am Alexanderplatz. Jedes Teelicht steht für einen Menschen, der dieses Jahr in Berlin Mitte, Tiergarten oder Wedding einsam verstorben ist. Es ist die erste Trauerfeier dieser Art. Organisiert wurde sie vom Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte und dem Bezirksamt Mitte im Auftrag der Bezirksverordnetenversammlung.

[91 Tote, 91 Kerzen: "Macht nächstes Mal die katholische Kirche mit?" So lief die Gedenkfeier in Spandau - hier der Text. Die Tagesspiegel-Newsletter für jeden Berliner Bezirk gibt es kostenlos und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de]

Wer gilt als „einsam verstorben“? In diesem Jahr gab es im Bezirk Mitte 376 „ordnungsbehördliche Bestattungen.“ Bestattet werden auf diese Art jene, die mittellos sind und deren Angehörige nicht unmittelbar auffindbar sind. Sie werden in der Regel feuerbestattet – ohne Zeremonie im Anschluss. Nach der Einäscherung suchen die Behörden weiterhin Angehörige, in der Regel bis zu einem halben Jahr. Wenn keine gefunden werden, gelten sie nach amtlicher Definition als „einsam verstorben“.

Unter den 376 im Bezirk Mitte waren 54 Menschen in diesem Jahr davon betroffen. Reinickendorf war der erste Bezirk, der im Januar diesen Jahrs eine Trauerfeier dieser Art veranstaltet hat. Zehlendorf-Steglitz folgte im Oktober. Dass erst in diesem Jahr eine in Berlin Mitte stattfinde, konnte der Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) sich nicht erklären – Aber jetzt sei die Zeit dafür einfach reif gewesen.

Die Organisation der Zeremonie sei jedoch nicht ohne Herausforderung gewesen, sagte von Dassel. Eine Trauerfeier in einer Kirche sei christlich geprägt, über die Konfessionen der Verstorbenen sei aber nichts bekannt gewesen. Da aber eine Trauerfeier im Saal der Bezirksverordnetenversammlung dem Ganzen nicht die entsprechende Würde verliehen hätte, haben sich die Organisatoren für die St. Marienkirche entschieden. Die Trauerfeier für einsam Verstorbene soll nun jedes Jahr stattfinden. Rund 50 Personen besuchten die Trauerfeier, die Kirchenbänke vornewaren vereinzelt besetzt. Auch einige Touristen nahmen teil, gingen aber vorzeitig.

Die Gründe, warum Menschen die Trauerfeier besuchten, waren unterschiedlich. Andra Crome saß in der ersten Reihe. Auch sie habe eine Bekannte gehabt, die vor einigen Monaten verstorben sei. Crome habe erst später von ihrem Tod erfahren und wisse nicht, wo sie bestattet sei –unter den einsam Verstorbenen war sie aber nicht. Nun wolle sie sich von ihr würdig verabschieden.

[Vorbild Reinickendorf: Die Berichterstattung im Leute-Newsletter gab Akteuren im Bezirk den Anstoß, trotz aller Bedenken erstmals eine Feier für die einsam Verstorbenen zu organisieren. Lesen Sie hier den Bericht von Gerd Appenzeller.]

Doris Ullrich ist BVV-Abgeordnete für die Grünen. Sie habe sich die Liste der Verstorbenen angeschaut und eine Frau entdeckt, die nur zehn Tageälter war als sie. Ulrich wurde am 3.Januar 1950 geboren. Da sie fast gleichaltrig gewesen waren, habe sie starke Empathie empfunden. Annette Jahn erzählte, dass ihr Mann im Frühjahr gestorben sei. Er habe eine schöne Trauerfeier ganz in seinem Sinne gehabt. Ihr tue es daher sehr leid, dass viele Menschen einsam versterben.

Einsamkeit bleibt große Herausforderung

Die Trauerfeier dauerte knapp eine Stunde. Sie fing mit dem Lied „Somewhere over the Rainbow“ an. Vorgelesen wurden der Psalm 90, ein Auszug aus Goethes „Gespräch mit Eckermann und Khalil Gibran „Das Geheimnis des Todes.“ Danach wurden alle 54 Namen mit Geburts- und Sterbedatum sowie die Adresse der Verstorbenen vorgelesen. Für jeden Namen wurde eine Kerze angezündet. Im Anschluss gab es eine Schweigeminute und die Kirchengänger konnten danach eigene Kerzenanzünden und Blumen niederlegen.

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Die Ältesten unter ihnen verstarben mit 94 Jahren – die jüngste Person wurde 40 Jahre alt. Nur drei Personen verstarben ohne festen Wohnsitz. Mehr wisse man über die Schicksale nicht, sagt Dr. Bertold Höcker, Superintendent des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte. Auch wenn man sich die Adressen der Verstorbenen ausschaue, lassen sich keine Musterableiten – das Problem der Einsamkeit ziehe sich durch alle Einkommensschichten. Dieses Phänomen nehme gerade in der Großstadt zu, sagt Höcker. Sein Kirchenkreis bietet einen Besucherdienst für ältere Menschen an, die sich einsam fühlen.

Seit einigen Jahre sei die Nachfrage gestiegen, es mangele aber an ehrenamtlichen Mitarbeitern. Einsamkeit bleibt eine große Herausforderung, auch die Anzahl der ordnungsbehördlichen Bestattungen nehme jedes Jahr zu. Das Problem sei schwer zu lösen, sagte Corinna Zisselsberger, Pfarrerin der St. Marienkirche, in ihrer Ansprache. Kleine Gesten, wie ein Plausch im Treppenhaus oder eine Karte zum Geburtstag könnten schon viel bewirken.

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