Einblick in die Fahrradwerkstatt Rückenwind in Neukölln. Foto: Sven Darmer
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Aktionstage "Gemeinsame Sache" Wo Geflüchtete und Helfer Fahrräder reparieren

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Hilfe zur Selbsthilfe: Die Vereine „Rückenwind“ und „Garage 10“ reparieren Räder gemeinsam mit Geflüchteten. Aber auch anderen Bedürftigen soll geholfen werden.

Konstantin Poerschke lässt sich in einen Bürostuhl in der Fahrradwerkstatt plumpsen, die Arbeitshandschuhe hat er abgestreift. Am Computer scrollt er durch eine Liste: „102 Geflüchtete warten gerade auf ein oder mehrere Fahrräder von uns“, erzählt der Student. Poerschke gehört zum Gründungsteam des Vereins „Rückenwind“. Rund 1000 Fahrräder hat das Team gemeinsam mit Geflüchteten seit 2015 flottgemacht und an sie verschenkt.

„Die Idee für das Projekt kam von der Bedarfsliste einer Flüchtlingsunterkunft“, erzählt Poerschke. „Kleidung hatten sie dort genug, aber unter anderem Fahrräder wurden gebraucht.“ Vor allem Privatleute und Hausverwaltungen, die herrenlose Räder aus ihren Hinterhöfen entsorgen, spenden dem Verein inzwischen ihre Fahrräder.

Die Tür und die großen Fenster der Werkstatt stehen offen, ein lauer Neuköllner Sommerwind weht hinein. Es riecht nach Gummi und Chai-Tee. An vier Arbeitsstationen schrauben Helfer an Rädern. Besucher kommen und gehen – eine Frau bringt Fahrradzubehör vorbei, darunter eine Lenkertasche mit einem Buch über Radwege in Deutschland, ein Mann spendet ein weißes Fahrrad, ein neuer Helfer stellt sich vor. Konstantin Poerschke macht heute die Schreibtischarbeit in der Werkstatt. Er begrüßt Besucher, verwaltet Spenden und die Fahrradausgabe.

Pedalschlüssel, Nippelspanner und Doppelmaulschlüssel

„Wir haben sieben bis acht Schrauber, die regelmäßig kommen“, erzählt er. Doch das Team sucht nach weiteren Freiwilligen. „Sie brauchen nicht mal Know-How mitbringen“, die Grundlagen des Räder Reparierens könne man in der Werkstatt lernen. Je ein Schrauber arbeitet mit einem Geflüchteten an einem Rad, das er sich zuvor aus dem Bestand aussuchen kann – ungefähr zwölf Räder pro Woche wechseln so den Besitzer. „Es geht darum, dass sie den Prozess sehen, wie einfach es ist, ein Fahrrad zu reparieren“, erklärt Poerschke.

An den Wänden der Werkstatt hängen Mäntel, Laufräder und allerhand Werkzeug. Pedalschlüssel, Nippelspanner, Doppelmaulschlüssel, mit der jeweiligen Vokabel beschriftet, damit die Geflüchteten beim Reparieren Deutsch lernen. Manche von ihnen kämen immer wieder, nachdem sie ein Fahrrad bekommen haben, um an anderen Rädern weiterzuschrauben, sagt Poerschke. Auch Hussain aus Afghanistan kam wieder. Er arbeite seit sechs Monaten in der Werkstatt, erzählt er in gebrochenem Deutsch. Hier habe er das Reparieren gelernt, bald tritt er in der Werkstatt eine Stelle als Bundesfreiwilliger an. Heute bezwingt er die Kette eines weißen Damenrades.

Jeder kann sein kaputtes Fahrrad vorbeibringen

Beim Aktionstag wollen die Ehrenamtler eine Selbsthilfewerkstatt veranstalten, wie sie jetzt bereits jeden Freitagnachmittag stattfindet. Jeder kann sein kaputtes Fahrrad vorbeibringen und sich beim Reparieren anleiten lassen. Auch für die Zukunft hat der Verein viel vor: Eine weitere Werkstatt in Tempelhof wollen sie eröffnen, gemeinsam mit Flüchtlingen Lastenräder bauen und außerdem einen Verleih-Pool aus Kinder- und Jugendrädern aufbauen.

Etwa eine halbe Stunde Radweg entfernt sitzen Anja Klempau und Bernd Pickert vom Verein „Garage 10“ im begrünten Hof einer Flüchtlingsunterkunft in Johannisthal. Neben der Grünfläche sausen Kinder aus der Unterkunft mit ihren Fahrrädern über den breiten Gehweg. Die „Garage 10“ ist gerade im Umbruch: Die Flüchtlingsunterkunft in der Köpenicker Allee in Karlshorst, auf deren Gelände der Verein seine Fahrradwerkstatt hat, wurde im März leergezogen, die Werkstatt muss geräumt werden – doch die beiden neuen Container am Rande der Trabrennbahn Karlshorst stehen noch nicht. Nun unterstützt der Verein die Fahrradwerkstatt der Unterkunft in Johannisthal.

Anja Klempau (l), Bernd Pickert (r) und Tommy Monteiro von der Johannisthaler Flüchtlingsunterkunft in der Werkstatt. Foto: Sven Darmer
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„Sobald unser Bauantrag bewilligt ist, ziehen wir um“, sagt Anja Klempau, Vorstandsmitglied der „Garage 10“. Viel Material haben die Helfer an andere Radinitiativen verschenkt, das übrige warte noch in Kisten auf den Umzug. „Am Freitag und Sonnabend sind aber immer noch Leute von uns in der Garage in Karlshorst, reparieren und geben Fahrräder an Flüchtlinge aus, die Interesse haben“, sagt sie. Über Facebook kämen immer noch Anfragen.

Beim Reparieren wird jede Menge Deutsch gelernt

Als im Sommer 2015 in seiner Nachbarschaft die Unterkunft mit 1000 Menschen eingerichtet wurde, wollte er den Flüchtlingen dort helfen, erinnert sich der Vereinsvorsitzende Bernd Pickert. „Dann dachte ich, es wäre eine tolle Idee, wenn die Leute Fahrräder hätten, um einkaufen zu gehen oder zum nächsten Bahnhof zu fahren.“

Über Facebook startete Pickert die erste Fahrradspendenaktion, die ersten Räder reparierte er gemeinsam mit seinem Sohn. Heute hat der Verein 19 Mitglieder, dazu einen Stamm von etwa 10 Helfern. „Die Werkstatt soll ein Treffpunkt für Deutsche und Geflüchtete sein“, sagt Pickert. Beim Reparieren werde zudem jede Menge Deutsch gelernt und sich ausgetauscht. Das sei ein großer Anziehungspunkt für die Geflüchteten. „Die Kinder aus der Unterkunft kamen sofort, sobald wir die Werkstatt aufgemacht haben“, sagt Anja Klempau. „Und nach einem halben Jahr haben die schon Deutsch gesprochen.“ Die Nachfrage nach den Rädern sei riesig gewesen.

„Wir wollen aus der Rolle ‚Deutsche helfen Flüchtlingen' rauskommen“

Fast 800 Räder hat „Garage 10“ in drei Jahren ausgegeben. Erwachsenenräder gibt der Verein für eine Schutzgebühr von 20 Euro ab, Jugendräder für 10 Euro, Kinderräder kostenlos. So sollen Materialkosten, etwa für Licht und Bremsen, gedeckt werden. Die Räder können jederzeit zurückgebracht und das Geld zurückgeholt werden. Neben der Fahrradwerkstatt organisiert der Verein auch eine Selbsthilfewerkstatt für Flüchtlinge und andere Bedürftige, eine Frauenfahrradschule und einen Verkehrsparcours, der am neuen Standort wiederaufgebaut werden soll.

Von dort aus will der Verein nun die umliegenden Unterkünfte versorgen. Auch deutsche Bedürftige sollen Räder bekommen können und gemeinsam mit Flüchtlingen daran schrauben. „Wir wollen aus der Rolle ‚Deutsche helfen Flüchtlingen' rauskommen“, so Pickert. „Stattdessen tun wir etwas gemeinsam“ – weg von der „Weihnachtsmannmentalität“, wie er es nennt. Am Freiwilligentag organisiert der Verein eine mobile Werkstatt auf dem Traberwegfest in Lichtenberg, wo jeder sein Rad vorbeibringen kann – in der Hoffnung, neue Helfer zu gewinnen. Damit die „Garage 10“ am neuen Standort wieder durchstarten kann.

Helferinnen und Helfer sind herzlich eingeladen in die Selbsthilfewerkstatt des Projekts „Rückenwind“ am Freitag, 7. September, ab 14 – 20 Uhr, Lenaustraße 3 in Neukölln sowie am Samstag, dem 8. 9., von 12 – 18 Uhr in die mobile Werkstatt der „Garage 10“ auf dem Traberwegfest, Traberweg/Liepnitzstraße in Lichtenberg

Machen Sie mit: Wollen Sie – allein, mit Nachbarn, Freunden oder Ihrer Initiative – mitmachen beim Aktionstag von Tagesspiegel und Paritätischem Wohlfahrtsverband? Alle Aktionen finden Sie hier: www.gemeinsamesache.berlin. Dort können Sie auch Ihre eigene Aktion anmelden. Bei Fragen: gemeinsamesache@tagesspiegel.de

Machen auch Sie mit

Jeden Tag stellen wir Ihnen hier Projekte vor, die sich noch Helfer wünschen.

Jubiläumsfest in der Villa Bernadotte

Das Kinder-, Jugend und Familienzentrum Villa Folke Bernadotte feiert am Sonntag, den 9. 9., 60jähriges Jubiläum mit einem großen Fest. Am 7. 9. werden von 15 - 17 Uhr HelferInnen gesucht,

um die Villa zu schmücken und die Ardenne-Ausstellung vorzubereiten. Dazu gibt es Snacks und Getränke.

Ort: Villa Bernadotte, Jungfernstieg 19, 12207 Zehlendorf. Kontakt: Fr. Gowin 77 05 99 75. Online unter: www.mittelhof.org

Aus Prenzl'Berg wird Glänzl'Berg

Die Mitglieder des Ortsverbandes CDU Prenzlauer Berg Ost wollen ihren Kiez schöner machen.

Treffpunkt: 7. 9. von 16.30 - 19.30 Uhr an der Ecke Greifswalder Straße/Anton-Saefkow-Straße. Mit Besen und Harke wird der Müll im Park oberhalb der Straße entfernt – eigener Besen, Harke und Schaufel dürfen mitgebracht werden.

Kontakt: 428 74 81. E-Mail: post@kiezpartei.de. Online unter: kiezpartei.de

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