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F. Mohammadi und ihr Sohn blicken mit Angst nach Kabul.  Foto: Robert Klages
© Robert Klages

Afghanische Familie bangt um Angehörige in Kabul „Werde ich meinen Vater nochmal wiedersehen?“

Während die ersten Meldungen von Explosionen am Flughafen in Kabul eintreffen, versucht eine Familie aus Berlin verzweifelt, ihre Angehörigen zu retten. 

Eine Frau mit einem schwarzen, locker gewickelten Kopftuch sitzt neben ihrem Sohn und ihrer Tochter auf den grünen Matten im Sportraum des "SPIK e. V.", einer sozialpädagogischen Einrichtung in Berlin-Hohenschönhausen. Die Frau, F. Mohammadi, und ihre Kinder fassen sich an den Händen. Hinter ihnen steht die Sozialpädagogin Dayana Dreke. Sie betreut die Familie seit 2017, versucht, zu helfen.

Dann zeigt F. Mohammadi die Kopie eines Dokuments und sagt, es sei von den Taliban. Da stehe, wenn sich ihr Mann nicht bei den Extremisten melde, werde man ihn und seine Familie töten. Sie weint nicht, sie wirkt gefasst. 

Sie hat einige Kopien von dem Dokument und diese in den letzten Tagen vielen Leuten gezeigt, sie schickte sie an Hilfsorganisationen, Freunde, Politiker:innen und etwa zehn mal an das Auswärtige Amt, verbunden mit der Bitte um Hilfe für ihren Mann und ihren Bruder, die beide in Kabul am Flughafen festsitzen. 

Nachdem Mann und Bruder die Drohungen der Taliban erhalten hatten, hatten sie sich auf den Weg gemacht, von einer Kleinstadt in der Provinz Kundus nach Kabul. So wie viele Afghan:innen hofften sie, einen der letzten Evakuierungsflieger zu bekommen. 

Während F. Mohammadi davon erzählt, liest ihr Sohn die Nachrichten auf dem Handy. Erst eine, dann die zweite Explosion am Flughafen in Kabul werden gemeldet, mindestens 13 Tote, darunter US-Soldaten, und mehr als 60 Verletzte zu diesem Zeitpunkt. 

Der Sohn blickt auf, sagt, sein Onkel sei Soldat gewesen, habe für die NATO gearbeitet. F. Mohammadi holt eine weitere Kopie aus ihrer Tasche, von einem Dokument, das belegt, dass ihr Bruder Hilfskraft der NATO war. "Solche Leute werden von den Taliban gesucht", sagt ihr Sohn. 

[Über die aktuelle Lage in Afghanistan berichtet der Tagesspiegel in einem Newsblog]

Auch der Mann von F. Mohammadi war früher Soldat. 2014 sind sie zusammen mit den fünf Kindern nach Deutschland, haben eine Aufenthaltserlaubnis, leben in Berlin-Lichtenberg. Vor zwei Jahren sei ihr Mann zurück nach Afghanistan, erzählt F. Mohammadi. Wegen seiner kranken Mutter. Im Sommer wollte er bereits zurück nach Deutschland, bekam aber kein Visum mehr.

Seit vier Tagen befinden sich er und der Bruder von F. Mohammadi am Kabuler Flughafen, zusammen mit hunderten Anderen, die auf Hilfe hoffen. Sie hätten kaum zu Essen und zu Trinken, sagt Mohammadi, die täglich mit ihrem Mann telefoniert. Die Mutter seines Mannes habe nicht mitgewollt zum Flughafen - und auch nicht gekonnt. Sie schaut auf den Boden. 

Auch ihre Tochter S. ist mit zum Interview gekommen, die Kinder können übersetzten, wenn die Mutter mal etwas nicht weiß. Sie ist still, traurig, und fragt, wen man noch anschreiben könne, sie hätten es schon überall versucht, niemand würde reagieren. 

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Die Familie zeigt automatisierte Antwortmails vom Auswärtigen Amt: Die Anfrage könne derzeit nicht beantwortet werden, aufgrund einer Vielzahl von Maileingängen. Andere Mitarbeitende des Amtes schreiben der Familie zurück, sie seien nicht zuständig, denn Mohammadis sind keine deutschen Staatsbürger. Andere schicken neue Emailadressen, an die sich die Familie wenden solle - von dort erhält sie keine Antwort mehr. 

Auch Sozialpädagogin Dreke weiß vorerst keinen Rat mehr, will aber nicht aufgeben. Für ihr Engagement gegen Rassismus und Ausgrenzung wurde sie mit dem "Lichtenberger Frauen*preis 2020" ausgezeichnet. In der Einrichtung "SPIK e. V." hilft sie geflüchteten Familien und bietet vor allem Angebote für junge Mädchen und Frauen an. 

F. Mohammadi und ihr Sohn.  Foto: Robert Klages Vergrößern
F. Mohammadi und ihr Sohn.  © Robert Klages

Die Berliner Abgeordnete Hendrikje Klein (Linke) versucht, ihre Kontakte anzuschreiben, etwas für die Familie zu vermitteln. Es gibt Listen mit Namen, die von den deutschen Truppen gerettet werden sollen. Auf einer dieser Listen müsste der Name Mohammadi stehen. "Es sieht sehr schlecht aus. Es ist zum heulen", antwortet Klein dann. 

Kurz darauf kommt die Meldung vom letzten Evakuierungsflug der Bundeswehr, die Maschine startete soeben in Kabul. Familie Mohammadi will trotzdem nicht aufgeben, versucht weiter, Hilfe zu bekommen. Steve Alter, Pressesprecher des Innenministeriums twitterte, man werde sich auch nach der Evakuierung weiter darum bemühen, besonders schutzbedürftige Menschen nach Deutschland zu holen. 

F. Mohammadi muss sich setzen, sie schaut aus dem Fenster. "Werde ich meinen Vater nochmal wiedersehen?", fragt ihr Sohn. 

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