Wer nach Polen einreist, muss für zwei Wochen in Quarantäne. Deutschen Kliniken fehlen deshalb Ärzte. Patrick Pleul/dpa
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Ärztemangel in der Coronakrise Deutschland braucht Polen mehr denn je

Wegen der Corona-Quarantäne in Polen fehlen in Ostdeutschland noch mehr Ärzte. Brandenburg will nun im Streit um polnische Medizinabschlüsse einlenken.

Wenn Rüdiger Heicappell an die kommende Woche denkt, wird ihm bange. „Uns fehlen dann zehn von 24 Kardiologen“, sagt der Klinikleiter. „Insgesamt sind vielleicht sogar 45 von 140 Medizinern nicht da.“ Heicappell ist der Ärztliche Direktor der Asklepios-Klinik in Schwedt, sein Haus ist auf Berufspendler aus Polen angewiesen. Die aber müssen seit Freitag wegen der Coronapandemie für 14 Tage in Quarantäne bleiben, wenn sie in Polen zu ihren Familien fahren sollten.

Das deutsche Gesundheitswesen braucht Polen – und zwar auch in anderer Hinsicht. Bis zum Sommer 2019 erhielten deutsche Absolventen polnischer Medizin-Fakultäten hierzulande umgehend die Approbation. Wie berichtet, erteilen deutsche Landesämter die Zulassung für angehende Ärzte inzwischen nicht mehr automatisch. Grund dafür ist die neue EU-Richtlinie über die Anerkennung von Berufsqualifikationen. In Deutschland wird diese bislang so ausgelegt, dass die in Polen vorgeschriebenen Zertifikate „Lek“ und „Staz“ auch für Bundesbürger verpflichtend sind. Beim „Lek“ geht es um polnisches Recht, „Staz“ ist ein umfangreiches Praktikum.

Mecklenburg-Vorpommern geht bei Ärztezulassung voran

Klinikleiter und Oppositionspolitiker hatten die hiesigen Ämter für die rigide Auslegung kritisiert. Doch erst in der Coronakrise zeichnet sich in diesem Streit eine Wende ab. Vor einigen Tagen bemühte sich die Mecklenburger Landesregierung mit Blick auf die Covid-19-Pandemie um eine Zwischenlösung, dann setzte die EU-Kommission die anderen Bundesländer unter Druck, die englischsprachigen Studiengänge in Polen auch ohne „Lek“ und „Staz“ anzuerkennen.

Per Erlass ordnete Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) an, den Absolventen eine einjährige Arbeitserlaubnis zu erteilen. Das wäre keine Approbation, die aber soll nach dem Berufsjahr unbürokratisch folgen. Glawes Regierung will zudem polnischen Berufspendler mit einem Tagegeld von 65 Euro im Land halten.

Ärztlicher Direktor: "Nun wird es richtig hart"

Noch dringender jedoch werden Ärzte in Brandenburg gesucht. „Kollegen, die in Polen ausgebildet wurden, brauchten wir schon viele Monate vor der Pandemie“, sagt der Schwedter Klinikdirektor Heicappell. „Nun wird es richtig hart.“ Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) hat angekündigt, die aktuell tätigen Berufspendler finanziell zu unterstützen, wenn sie sich in Deutschland für die nächsten Wochen ein Hotel nehmen müssen. Ob die polnischen Kollegen allerdings darauf verzichten wollen, über Wochen ihre Familie östlich der Grenze zu sehen, bleibt ungewiss.

Zur Frage der polnischen Medizin-Abschlüsse ließ Ministerin Nonnemacher ausrichten, sie strebe auch in Brandenburg eine pragmatische Lösung wie in Mecklenburg an: Man habe die Lage prüfen lassen und dabei „rechtlichen Ermessenspielraum“ festgestellt.

Eine Brandenburger Arzthelferin in Schutzausrüstung macht Abstrich-Tests auf das Coronavirus Sars-Cov-2. Patrick Pleul/dpa Vergrößern
Eine Brandenburger Arzthelferin in Schutzausrüstung macht Abstrich-Tests auf das Coronavirus Sars-Cov-2. © Patrick Pleul/dpa

Die EU-Kommission hält das bislang übliche Anerkennungsverfahren offenbar für ungeeignet, um in Zeiten von Fachkräftemangel junge Mediziner in die Kliniken zu holen. Die Brüsseler Juristen regen deshalb an, es mit dem nun in Mecklenburg eingeführten Modell zu probieren: „Letztlich könnten die Absolventen eine Integration in das deutsche Ausbildungssystem über eine akademische Anerkennung anstreben“, heißt es in dem EU-Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt. Grob vereinfacht sieht diese Art der Approbation einen Umweg über das in Mecklenburg angekündigte Extra-Berufsjahr vor. Dieses Jahr erfolgt zusätzlich zum schon im Studium obligatorischen „Praktischen Jahr“. Nach dem Extra-Berufsjahr sollen zwei Professoren die Mediziner zügig prüfen, damit diese ihre volle Zulassung erhalten.

Die EU um Stellungnahme gebeten, hatte der Berliner Anwalt Jörg Heynemann. Er vertritt Absolventen der medizinischen Fakultät im polnischen Stettin. Die jungen Mediziner freuten sich über das EU-Schreiben, sagt Heynemann, sie hofften, dass sich nun auch Brandenburgs Beamte konstruktiv zeigen.

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