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Ein Jahr nach BER-Eröffnung fliegen die Easyjet-Maschinen bei Ostwind auf der Südbahn nicht mehr in die Hoffmannkurve. Foto: Patrick Pleul/dpa
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Ärger um die „Kotzkurve“ bei Berlin BER-Anwohner klagen über Fluglärm – Easyjet verweist auf Vorschriften

Die Hoffmannkurve sollte Entlastung bringen. Easyjet nutzt sie nicht mehr, andere Airlines fliegen mit Abweichungen. Nun klagen Anlieger anderswo über Lärm.

Der Bürgermeister von Zeuthen, Sven Herzberger (parteilos) sagt es so: „Es ist einfach laut.“ Es gebe plötzlich Fluglärm über Kliniken, Schulen und Kitas, wo er nicht zu erwarten war – in Gemeinden südlich und östlich Schönefelds, die nicht zu den Schutzzonen gehören und keinen Schallschutz haben.

Denn die Gesellschaft Easyjet fliegt seit Anfang August nicht mehr die zur Lärmvermeidung von der Flugsicherung vorgesehene Flugroute Hoffmannkurve. Ihre Maschinen starten auf der Alternativroute nur noch schräg geradeaus. Andere Gesellschaften fliegen die Kurve mit Abweichungen. Dies wurde bei einer Diskussion in Zeuthen am Donnerstag deutlich.

„Nach international geltenden Regeln müssen wir so vorgehen, weil man Wegpunkte, die eine Flugroute beschreiben, stets akkurat zu fliegen hat, und das Drehen eines Flugzeugs ab einer Mindesthöhe vorgegeben ist“, sagte Easyjet- Deutschlandchef Stephan Erler dem Tagesspiegel am Freitag. „Das Erreichen der Wegpunkte ist bei der Hoffmannkurve ohne manuelles Eingreifen nicht möglich. Das Abflugverfahren ist aktuell nicht regelkonform auszuführen, so wie die Hoffmannkurve derzeit codiert ist.“

Auch andere Fluggesellschaften haben dieses Thema der Flugsicherung mit Lösungsmöglichkeiten bereits vorgetragen, sagte Erler. Der erste Wegpunkt, der zu erreichen sei, liege in der Kurve. An Bordcomputern, wie Gerüchte auch bei der Diskussion in Zeuthen wiedergegeben wurden, liege es nicht, betonte Erler, so benutze man beispielsweise Lufthansa-Programme. Easyjet-Maschinen seien gerade gut gebucht, auch vom Gewicht her stärker ausgelastet.

Dirk Schulz, Vertreter Zeuthens in der Fluglärmkommission, zeigte bei der Debatte am Donnerstag Flugverkehr-Grafiken mit dem „Ausfransen“ der Hoffmannkurve. Marcel Hoffmann, Privatpilot und Ideengeber aus Eichwalde, kritisierte, auf der Geradeaus-Route werde durch einen 60-Kilometer-Umweg mehr Kerosin verbraucht. Es werde jetzt dokumentiert, wer die Ausweichroute beantragt habe. Er habe große Maschinen beobachtet, die die Kurve „auf den Strich geflogen“ sind.

Jetzt soll die Fluglärmkommission tagen

Geschäftsführer Michael Halberstadt von der Flughafengesellschaft schlug für lärmärmere Abflüge den Steilstart vor. Die Fluglärmkommission soll jetzt tagen. „Wir haben als Flughafen keine Durchgriffs- beziehungsweise Kontrollrechte.“ Dennoch habe man Gespräche aufgenommen, etwa zur einem Steilstartverfahren. Längst müssten auch die Easyjet-Flugzeuge zudem stets die gesamte Startbahn nutzen, um schneller abheben und die starke Kurve einleiten zu können.

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„Ich bin erstaunt, wo Flugzeuge über Eichwalde auftauchen, in ganz großer Zahl“, sagte Bürgermeister Jörg Jenoch (Wähler Initiative Eichwalde). Eigentlich ist Piloten bei Ostwind und Windstille vorgegeben, noch über der Südbahn ab etwa 122 Meter Höhe nach rechts in die 145-Grad-Kurve zu gehen. Markus Mücke (parteilos), Bürgermeister von Schulzendorf, kritisierte, die Ausnahme „aus aerodynamischen und meteorologischen Gründen“ sei „zur Regel geworden“.

BER-Geschäftsführer Halberstadt betonte, dass Piloten die Geradeaus-Route durchaus bei der Deutschen Flugsicherung anmelden können. Ihm zufolge gab es im August 5039 Abflüge, davon 3966 bei Westwind. Bei Ostwind wurde die Hoffmannkurve, um Rotberg herum, 404 Mal geflogen, die Hoffmannkurve mit Weiterflug nach Osten über Wildau 423 Mal; der Geradeausstart mit 15-Grad-Verschwenkung über Schulzendorf und Zeuthen 237 Mal.

Bitten nach Schallschutz gehen ins Leere

Joachim Kolberg vom Umweltausschuss Schulzendorf sagte, es sei „gefährlich“, die 15-Grad-Route führe über den Schulcampus. Der Vorsitzende des Umweltausschusses Zeuthen, Jonas Reif, regte neue Messstellen an, um verlässliche Lärmdaten zu eruieren.

Die Wildauer Bürgermeisterin Angela Homuth (SPD) sagte, die Kurve gehe wegen der Abweichungen zu zwei Dritteln über die Stadt. Zeuthens Bürgermeister Sven Herzberger prüft Rechtsmittel. Laut Halberstadt fehlt für Schallschutz etwa für Rotberg, Kiekebusch und Karlshof das Geld. 730 Millionen Euro stünden zur Verfügung, 430 Millionen seien schon ausgegeben.

Groll der Bürger:innen gegen Geradeaus-Starts

Andrea Lübcke vom Umweltausschuss Eichwalde fand es „beschämend“, dass weder Vertreter von Easyjet, noch der Flugsicherung bei der Diskussion anwesend waren. „Wenn Pauschal die Regelroute nicht geflogen wird, dann würde ich erwarten, dass pauschal die Abfluggenehmigung nicht gegeben wird. Das muss eine Konsequenz haben.“

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Unterdessen schrieb ein Bürger in den Debattenchat gar, Easyjet solle boykottiert werden. Da waren am Donnerstag indes die jetzt von Easyjet angeführten Gründe noch nicht im Detail bekannt. Die Hoffmannkurve wird laut Agentur dpa derzeit statistisch etwa jeden dritten Tag geflogen, da in der Region öfter Westwind herrscht, zudem die Starbahnen jeden Monat gewechselt werden. Der Kurvenstart wird von der Nordbahn generell nicht geflogen, da gibt es wegen der Lage der Gemeinden im Osten Schönefelds andere Flugrouten.

Dem Tagesspiegel gegenüber hatte die Pilotengewerkschaft Cockpit bei Routenfestlegung gegenüber betont, dass durch die drastische Kurve in geringer Höhe Sicherheitspolster geringer würden, da Piloten in kürzerer Zeit mehr Aufgaben im Cockpit zu überwachen haben. Das Manöver sei risikoreicher als Geradeaussteigflug, wenn ein Triebwerksausfall oder Vogelschlag geschehe.

Wegen der raschen Eindrehung hatten einige Passagiere auch Sorge vor einer "Kotzkurve". Andere Fluggäste, die gern fliegen, freuten sich erst recht darauf. So eine Route wird eher in bergigem Gelände geflogen. Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung wird die BER-Routen nach einem Jahr Volllastbetrieb evaluieren.

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