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Gisela John (links) und Birgit Johannssen gehen wieder in die Schule - um zu helfen. Foto: Daniel Devecioglu
© Daniel Devecioglu

Ältere helfen Jüngeren in der Schule „Seniorpartner in School“ suchen Ehrenamtliche in Berlin

Vor 20 Jahren wurde der Verein „Seniorpartner in School“ gegründet – die Mediatoren schlichten auch Streit an Schulen. In Ausbildungskursen sind Plätze frei.

Oft ist es gut, wenn bei einem Problem Außenstehende auf die Gemengelage schauen. Wenn sich jemand Zeit nimmt, zuzuhören, wenn lebenserfahrene Menschen Jüngeren beistehen.

„Die Potentiale der älteren Menschen nutzen“ – das war die Devise der 2018 verstorbenen Vereinsgründerin Christiane Richter, als sie „Seniorpartner in School e.V.“ in Berlin vor 20 Jahren schuf. Der Bedarf ist weiter groß, berichtet Birgit Johannssen, erste Vorsitzende von „Seniorpartner in School e.V. (SiS) Landesverband Berlin“.

Auch im Jubiläumsjahr werden Menschen ab 55 Jahren gesucht, die als Mentor:in und Mediator:in Kindern und Jugendlichen zur Seite stehen. Für den nächsten Ausbildungskursus zum/zur Schulmediator:in ab 1. September sind noch einige wenige Plätze frei. Auch im kommenden Jahr wird ausgebildet.

Das erfolgreiche Engagement sei auch dem Tagesspiegel mitzuverdanken, bilanziert Birgit Johannsen. Eine exakte Statistik gibt es nicht, sie schätzt aber, dass „circa zwei Drittel unserer Ehrenamtlichen über die Berichterstattung im Tagesspiegel auf uns aufmerksam wurde“. Die Gründerin hat schon viel bewegt.

Laptop und WhatsApp - das sollte beherrscht werden

Wer bei SiS mitmachen möchte, erwirbt zunächst in einer 88-stündigen Ausbildung die Grundlagen der Mediation. Die Ausbildung ist gratis, Teilnehmende verpflichten sich aber, in den Verein einzutreten und mindestens 18 Monate an einem Vormittag in der Woche an einer Schule tätig zu sein.

Wichtig seien „Freude an der Arbeit mit Kindern, Lernbereitschaft, Empathie-Fähigkeit, Toleranz, Geduld, zuhören können, Flexibilität und Humor“. In der Corona-Pandemie sei ein Impfschutz Voraussetzung. Auch mit Technik wie Laptops oder Messengerdiensten sollte man sich auskennen.

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Seniorenpartner:innen gehen dann meist zu zweit im Team an die Schulen. In 20 Jahren fanden bereits 47 Grundausbildungen zum Schulmediator statt, rund 660 Senior:innen nahmen teil. Der Verein SiS Berlin hat derzeit 270 Mitglieder, davon sind 169 aktiv an 59 Schulen, so die jüngste Statistik von Ende 2020.

Die Erfahrung: Mädchen beleidigen sich, Jungs rangeln

Laut der ersten Vorsitzenden seien Grundschulen in den alten West-Berliner Bezirken stärker vertreten, also etwa in Spandau, Tempelhof-Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf . „Wir sind größtenteils an Grundschulen, aber auch an einigen Sekundarschulen und einem Gymnasium vertreten.“

Anders als vor zwei Jahrzehnten seien Schulen heute offener für Externe. Lehrer:innen könnten so entlastet, Kinder teils besser gefördert werden. Es gebe heute auch „bedeutend mehr Sozialarbeiter:innen und Erzieher:innen an den Schulen, wie auch Sozialstationen“, sagt Birgit Johannsen.

Unverändert ist das Ziel der „SiS“-Mentor:innen: „Wir wollen die Lebenserfahrung und die Zeit der Senior:innen nutzen, um jungen Menschen Ansprechpartner:innen zu sein und ihnen zu helfen, ihre Konflikte gewaltfrei zu lösen und ihr Selbstwertgefühl zu stärken.“

Für die 73-jährige Birgit Johannsen ist dabei „der Kontakt zu den Kindern aus verschiedenen Ländern nach wie vor sehr interessant und schön. Ihnen zuzuhören, sie in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken, auf sie und ihre Probleme einzugehen und beim Lösen von Konflikten zu unterstützen, ist sinnvoll und macht mir Freude.“

Erfahrungsgemäß gehe es bei den Mädchen dabei vielfach um Beziehungsprobleme – mit Eifersucht, Misstrauen, Verlust, Anspruchshaltung und Beleidigung. Auch Jungen beleidigten sich, bedrohen und beschimpfen sich, und aus Spaßgerangel werde mitunter Ernst.

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Sätze wie „Der hat aber angefangen!“ wollen überprüft, Störungen im Unterricht analysiert werden. Cybermobbing wie die Ausgrenzung aus Chatgruppen sei als Aufgabenfeld neu hinzu gekommen. Durch die Digitalisierung und die Nutzung der sozialen Netzwerken ergebe sich zudem „eine andere Art der Selbstdarstellung und Kommunikation“, berichtet Johannsen.

Kinder werden ausgegrenzt, sie brauchen Hilfe

Zuletzt haben die SiS-Ehrenamtlichen auch geflüchtete Kinder aus Syrien, Afghanistan oder Irak unterstützt und begleitet und mit zunehmend internationaleren Schulpädagogenteams kooperiert. Durch Sprachprobleme oder eine andere Kultur gebe es da mitunter Missverständnisse, die aufgeklärt werden wollen.

Infolge der Inklusion und der Auflösung der Förderschulen habe es, so die SiS-Erfahrung, mehr Probleme durch Verhaltensauffälligkeiten und dann Ausgrenzung gegeben. Schule sei auch mehr zum Lebensraum geworden, durch Ganztagsschulen, Betreuung, Hort, Frühstück- und Mittagessen-Angebote. Positiv sei, dass „die Kinder selbstbewusster und offener geworden sind“.

In der SiS-Jubiläumsausgabe ist nachzulesen, dass es allein im Jahr 2019 genau 5284 Mediationen, Einzelgespräche und -betreuungen, Gruppengespräche und anderes mit den Schüler:innen und 1094 Lehrer:innen sowie Elterngespräche bei SiS gegeben habe.

Vom Projekt im Tagesspiegel gelesen

Dass Birgit Johannsen so aktiv ist bei den Seniorenpartner:innen, auch das geht auf die Lektüre des Tagesspiegels zurück, erinnert sie sich. „Meine SiS-Partnerin Gisela John und ich hatten bereits vor 18 Jahren den Hinweis auf eine Mediatorenausbildung im Tagesspiegel gelesen und daraufhin die Ausbildung im Februar 2003 gemacht.

Meine Vision ist nach wie vor, durch unser Engagement in den Schulen zur Gewaltprävention und Toleranz beizutragen und ein friedliches Zusammenleben zu fördern.“

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Die 73-Jährige ist im SiS-Duo mit Gisela John, 80 Jahre, seit 18 Jahren an der Lynar-Grundschule in Spandau engagiert, zuletzt wegen Corona allerdings viel digital. „Nach den Sommerferien gehen die meisten Seniorpartner nun wieder in die Schulen.“

Wer mitmachen will: Eine Mail geht an geschaeftsstelle@seniorpartner-berlin.de. Alle Infos im Netz: www.seniorpartner-berlin.de. Den älteren Menschen bringt ihr Engagement ein, dass sie geistig beweglich bleiben, junge Menschen besser verstehen und Anerkennung bekommen. „Die Offenheit, das Vertrauen und die Zuwendung der Kinder sind der Dank – und auch die Wertschätzung der Schulleitung und der Lehrer:innen ist wichtig.“

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