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Ein Schild «Ruhezone Abitur» hängt während der Abiturprüfung in der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Hannover. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Absage wegen Coronavirus? Berlins Bildungssenatorin entscheidet am Freitag über Abiturprüfungen

Nach den Schülern und den Gymnasien fordern auch die Sekundarschulleiter die Absage der Abschlussprüfungen. Der Druck auf Bildungssenatorin Scheeres wächst.

Auf Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wächst der Druck, die gesamten Abschlussprüfungen abzusagen. Am Donnerstag meldete sich auch die Vereinigung der Sekundarschulleiter (BISSS) zu Wort. Zuvor hatten sich schon der Landesschülerausschuss und die Vereinigung der Oberstudiendirektoren (VOB) entsprechend positioniert.

Scheeres wird sich dem Vernehmen nach am Freitag – direkt vor den Osterferien – festlegen. Dies wurde Schulleitern am Donnerstag avisiert. Denn am ersten Tag nach den Ferien, am 20. April, stünde die erste Leistungskursklausur an – in Latein. Längst haben die rund 180 Schulen, an denen es Abiturienten gibt, angefangen, Türklinken und Fenstergriffe zu desinfizieren und die Tische der Prüflinge in großem Abstand aufzustellen, um auf alles gefasst zu sein.

Brandenburg verkündete am Donnerstag, dass das Abitur „am 20. April beginnt“. Scheeres’ Hamburger Amtskollege, ihr Parteifreund Ties Rabe, setzt sich vehement für die Prüfungen ein. Er hat ebenfalls frische Terminpläne veröffentlicht und lässt lediglich für einige Sportarten Ausnahmen zu.

Immer mehr Hilferufe von Abiturienten

Von Scheeres gibt es weiterhin keine Äußerung, seitdem sie sich zusammen mit der Kultusministerkonferenz am 25. März generell für die Abiturprüfungen ausgesprochen hatte. In dieses Kommunikationsvakuum hinein drängen aber immer lauter die Warnungen und Hilferufe von Schülern, dem Prüfungsdruck während der Ausbreitung der Corona-Pandemie nicht gewachsen zu sein.

Diese Hilferufe erreichen auch Sven Zimmerschied, den stellvertretenden BISSS-Vorsitzenden, der die Charlottenburger Friedensburg-Sekundarschule leitet. Er berichtete dem Tagesspiegel am Donnerstag von Schülern, die sich außerstande sehen, sich auf ihre Prüfungen zu konzentrieren. „Ich mache mir Sorgen“, sagt Zimmerschied.

Sven Zimmerschieds Friedensburg-Europaschule von hat vielfältige Verbindungen ins besonders vom Coronavirus geplagte Spanien. Foto: Susanne Vieth-Entus Vergrößern
Sven Zimmerschieds Friedensburg-Europaschule von hat vielfältige Verbindungen ins besonders vom Coronavirus geplagte Spanien. © Susanne Vieth-Entus


"Es gibt eine sehr große Verunsicherung"

Da seine Schule auch Europaschule für Deutsch-Spanisch ist, haben viele Schüler in Spanien Verwandte und Freunde, die direkt von der dort extrem zugespitzten Corona-Situation betroffen sind. Es gebe eine „sehr große Verunsicherung“. Zimmerschied bezweifelt, dass es ohne erhöhte Infektionsgefahr möglich sein könnte, stundenlang in den Prüfungsräumen zusammenzusitzen. Daran ändere sich auch nichts, wenn nur weniger pro Raum platziert würden. „Die Hygiene ist nicht gegeben“, steht für ihn fest.

Argumente für die Prüfungen

Allerdings ist diese Ansicht bundesweit zurzeit noch nicht mehrheitsfähig. Wie berichtet wurde in Hessen gerade das Abitur geschrieben, auch andere Bundeslänger bereiten sich vor. Lehrer und Schulpsychologen weisen zudem darauf hin, dass den Schüler etwas fehlen könne, wenn sie ihre Abitur erhalten, ohne die Prüfungssituation durchlebt und damit diese Art von "Initiationsritus" erfahren zu haben. Auch auf nicht immer positive Erfahrungen mit dem "Notabitur" in Kriegszeiten wird verwiesen.

Scheeres schätzt die Expertise von Erziehungswissenschaftler Köller (re.) und Staatssekretär a.D. Voges. Auch beim Abitur? Foto: Susanne Vieth-Entus Vergrößern
Scheeres schätzt die Expertise von Erziehungswissenschaftler Köller (re.) und Staatssekretär a.D. Voges. Auch beim Abitur? © Susanne Vieth-Entus


Zudem plädiert etwa der renommierte Kieler Erziehungswissenschaftler Olaf Köller, der Berlin und weitere Bundesländer berät, für das Festhalten an den Prüfungen. Andernfalls, so sein zentrales Argument, würden die diesjährigen Abiturnoten besser ausfallen als sonst. Das sei ungerecht gegenüber den anderen Jahrgängen und denjenigen Bundesländern, die am Abitur auch 2020 festhalten.

Ärmere Kinder sind noch mehr benachteiligt als sonst

Zimmerschied findet dieses Argument nicht überzeugend, „da die Abiture bundesweit sowieso nicht vergleichbar sind“. Für ihn wirkt schwerer, dass insbesondere Schüler aus bildungsfernen Familien noch mehr also sonst benachteiligt wären, weil sie zu Hause weniger technische Möglichkeiten, weniger Raum und Ruhe zum Lernen haben als Schüler im bürgerlichen Milieu.

„Wir sprechen uns klar für eine Absage aller Abschlussprüfungen aus“, lautet daher die BISSS-Botschaft – die allerdings spät kommt. Der Gymnasialleiterverband VOB forderte seit Wochen, die Terminpläne zu überdenken.

Ein präventiver Vorschlag wurde nicht gehört

Anstatt die Entwicklung der Pandemie abzuwarten, hatte der VOB-Vorsitzende Ralf Treptow vorgeschlagen, alle dritten Prüfungsfächer Mitte März am selben Tag schreiben zu lassen und eine Woche später ein Leistungsfach. In dem Fall hätten alle Abiturienten zumindest einen Teil der Prüfungen sicher absolvieren können.

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Da Scheeres auf den Vorschlag nicht einging, plädiert Treptow seit zwei Wochen dafür, alle Abiturprüfungen und die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss (MSA) komplett abzusagen. Es sei zu spät und nicht zumutbar, länger davon auszugehen, dass am 20. April mit den Prüfungen begonnen werden könne. Die Lage sei zu unsicher.

"Viel Glück" wurde den Abiturienten Ende März in Hessen gewünscht. Hier wurden die bisherigen Abi-Terminpläne durchgezogen. Foto: Uwe Zucchi/dpa Vergrößern
"Viel Glück" wurde den Abiturienten Ende März in Hessen gewünscht. Hier wurden die bisherigen Abi-Terminpläne durchgezogen. © Uwe Zucchi/dpa


Die Schulen werden jetzt desinfiziert

Dennoch hat auch Treptow alle Vorkehrungen getroffen und in seinem Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasium alles Nötige desinfizieren lassen. Ebenso wie Treptow macht der BISSS den Vorschlag, die Noten aus den Kursen der vier letzten Semester heranzuziehen und daraus ein sogenanntes „Durchschnittsabitur“ zu bilden.

Dass die Verbände und der Landesschülerausschuss damit durchdringen, gilt aber als wenig wahrscheinlich, da Berlin sich andernfalls in eine Außenseiterrolle begeben würde. Selbst Schleswig-Holstein, dessen Bildungsministerin Karin Prien (CDU) am 24. März für die Absage der Prüfungen geworben hatte und einen Tag später davon zurücktrat, bekräftigte am Donnerstag auf Anfrage ebenso wie Hamburg, dass die Abiturprüfungen am 21. April beginnen.

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