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Sven Kohlmeier (SPD) – hier im August vergangenen Jahres. Foto: Ronja Ringelstein
© Ronja Ringelstein

Abgeordneter aus Marzahn-Hellerdorf „Wer vom Dorf kommt, kann nun mal nicht berlinern“

Nach 15 Jahren im Berliner Abgeordnetenhaus spricht SPD-Politiker Sven Kohlmeier über schlechte Opposition, klare Worte in der Politik – und Meerschweinchen.

Sven Kohlmeier (45) trat 1994 in Marzahn-Hellersdorf in die SPD ein und sitzt seit 2006 für die Partei im Berliner Abgeordnetenhaus. Die beste Koalition war für ihn die mit der CDU.

Herr Kohlmeier, für Sie enden 15 Jahre Abgeordnetenhaus. Was haben Sie gemacht?
Zunächst mal eine gehörige Abrissparty in meinem Büro. Danach fahre ich wie nach jeder Sitzung nach Hause und trinke noch ein Abschiedsbier mit irgendjemandem und werde sagen: Es war eine geile Zeit.

Also überwiegt die Wehmut der Freude?
Ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Die Zeit im Abgeordnetenhaus war gut und erfahrungsreich, ich habe einiges bewegt und dennoch bewegte es sich viel langsamer, als ich es zu Beginn meiner Abgeordnetenlaufbahn erwartet hätte. Politik ist ein schwerfälliges Geschäft. Meine Entscheidung zum Ausstieg kommt zur richtigen Zeit. Ich freue mich auf die Zeit danach.

Sie haben 15 Jahre lang regiert, zunächst gemeinsam mit der Linkspartei, dann mit der CDU und die letzten fünf Jahre mit Grünen und Linken. Welche Koalition war die Beste?
Die mit der CDU. Wir hatten eine freundschaftliche Zusammenarbeit und haben sehr pragmatisch Politik gemacht. Zwei Stunden lang wurde hart verhandelt und gerne mal gestritten, danach haben wir zusammen ein Bier getrunken. So muss das sein.

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In der aktuellen Koalition wirkten sie häufig unzufrieden, provozierten mit Anfragen im Stil der Opposition vor allem die Grünen. Warum?
Erstens hatten wir eine schlechte Opposition, weshalb ich deren Job gleich mitgemacht habe. Zweitens halte ich das Machen für wichtiger als das Moralisieren. Mir ist die Politik für die gesamte Stadt, also auch für die Außenbezirke, wichtiger als schillernde Einzelthemen. Da waren die Grünen natürlich der optimale Sparringspartner.

Wird generell zu wenig gestritten in der Politik?
Zumindest ist Streit nicht immer schlecht. So manche Auseinandersetzung war wertvoll und hat das Ergebnis am Ende verbessert, das gilt unter anderem für zuletzt gefundene Kompromisse im Bereich der Justiz.

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Haben Sie die ein oder andere Spitze in Richtung Koalitionspartner hinterher bereut?
Einige Dinge hätten nicht sein müssen, ja. Aber man darf halt nicht wegen jedem Streit die Koalition infrage stellen. Ein bisschen Piesacken darf schon sein, selbst in der Koalition.

15 Jahre nach ihrem Einzug ins Abgeordnetenhaus: Worauf sind Sie persönlich stolz?
Auf die barrierefreie Brücke zum S-Bahnhof Kaulsdorf. Genau wie darauf, dass die Außenbezirke politisch endlich mitgedacht werden. Das Auseinanderdriften von Innenstadt und Außenbezirken ist eines der wichtigsten Themen für unsere Stadt überhaupt. Zu erreichen, dass das Tierheim Berlin mittlerweile eine jährliche Zuwendung bekommt, finde ich ebenfalls sensationell, auch wenn ich selbst nie mehr als ein Meerschwein besessen habe.

Wo haben Sie nicht geliefert?
Ganz klar bei der Verwaltungsdigitalisierung. Es ärgert mich ganz persönlich, dass wir da nicht weiter sind, auch wenn mir die Hindernisse durchaus bekannt sind.

Mit Sven Kohlmeier verliert das Parlament einen Berliner mit Mut zum flotten Spruch. Wird die Politik insgesamt zu glatt?
Wer vom Dorf kommt, kann nun mal nicht Berlinern, das ist Fakt. Ich habe zwar den ein oder andere Shitstorm mit allzu saloppen Äußerungen erlebt, bin aber bei dem Motto „No risk no fun“ geblieben. Klare Worte bedeuten, dass man halt mal einstecken muss.

Ein Risiko, das zu viele scheuen?
Viele reden heute arg gestelzt und ecken am besten nirgendwo an. Wenn ich das in Kaulsdorf oder Hellersdorf mache, verstehen mich die Leute da aber nicht mehr. Ich habe immer Wert darauf gelegt, mich nicht nur in Politikerkreisen zu bewegen. Ich bin überzeugt davon, dass es nicht gesund ist, sein Leben nur in der Politik zu verbringen. Auch deshalb bin ich für eine Amtszeitbegrenzung – in der Exekutive wie in der Legislative.

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