Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Das Bundeskanzleramt, aufgenommen mit einer Wärmebildkamera: Diese Geräte helfen beim Aufspüren von Stellen, an denen besonders viel Wärmeenergie austritt. Besser Dämmung allein wird aber keine Klimaneutralität bringen. Foto: IMAGO / Marius Schwarz
© IMAGO / Marius Schwarz

75 Visionen für Berlin – Folge 55 "Wie Berlin klimaneutral heizen könnte"

Elisa Dunkelberg Julika Weiß

Fast die Hälfte des Berliner Energieverbrauchs geht aufs Heizen zurück. Wie kann die Stadt dabei klimaneutral werden?

Berlin hat sich das Ziel gesetzt, bis spätestens 2045 klimaneutral zu sein. Akteure wie Fridays for Future fordern, dass es noch schneller geht. Wie kann das gelingen? Das Ob und Wann hängt maßgeblich davon ab, wie sich der Gebäudesektor entwickelt. Denn hier entstehen im Moment mit 44 Prozent fast die Hälfte der CO2-Emissionen Berlins. Und diese sinken seit mehreren Jahren unzureichend. Es ist höchste Zeit für eine wirksame Wärmewende.

Die aktuellen Studien „Berlin Paris- konform-machen“ und „Entwicklung einer Wärmestrategie für das Land Berlin“ unter Federführung des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) zeigen, dass unsere Stadt es schaffen kann – vorausgesetzt, der enorme Wandel wird mit deutlich mehr Tempo angegangen als bislang. Berlin muss bei dieser Aufgabe zweigleisig fahren. Es gilt, sowohl den Wärmeverbrauch in den rund 360 000 Wohn- und Nichtwohngebäuden in Berlin deutlich zu senken als auch die Wärmeerzeugung zu dekarbonisieren. Denn klimaneutral heißt, künftig ohne fossile Brennstoffe auszukommen.

Zentral ist, dass deutlich mehr Gebäude jedes Jahr energetisch saniert werden, um mit spürbar weniger Heizenergie auszukommen. Auch muss das Sanierungsniveau ambitionierter werden. Aktuell werden in Berlin etwa 0,6 Prozent der Gebäudeaußenflächen jedes Jahr saniert. Unsere Studien gehen davon aus, dass die Sanierungsrate jährlich um 0,2 bis 0,25 Prozentpunkte gesteigert werden kann, bis auf über drei Prozent in den 2030er Jahren. Noch schneller scheint dies nicht realistisch.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Denn hierfür müssen mehrere Hemmnisse abgebaut werden. Vor allem brauchen wir Fachkräfte. Schon heute gibt es im Baugewerbe tendenziell einen Fachkräftemangel, auch angesichts des hohen Neubaubedarfs. Im Handwerk für Sanitär, Heizung, Klima (SHK) sieht es ganz ähnlich aus. Wir empfehlen, den zusätzlichen Bedarf durch Ausbildung und Migration, aktive Bewerbung und attraktive Arbeitsbedingungen zu decken.

Mehr als 80 Prozent der Berlinerinnen und Berliner wohnen zur Miete. Daher drängt die Frage: Wie entwickeln sich die Warmmieten, wenn saniert wird und Heizungen ausgetauscht werden? Mehr als 28 Prozent der Berliner Wohnungen befinden sich in Milieuschutzgebieten – mit steigender Tendenz. Bislang werden dort ambitionierte energetische Sanierungen untersagt, um Mietende vor hohen Ausgaben und Verdrängung zu schützen. Berechnungen im Projekt „Sozial-ökologische Wärmewende“ des Forschungsverbunds Ecornet Berlin zeigen, dass das bisherige Vorgehen kontraproduktiv ist. Denn in schlecht gedämmten Altbauten können Heizkosten bei steigenden Energiepreisen – wie wir sie gegenwärtig erleben – schnell durch die Decke gehen. Energetische Sanierungen können die Mieter:innen vor diesem Risiko schützen und die Nebenkosten entlasten.

[Mehr Hintergründe zum Thema finden Sie in unserem werktäglichen Newsletter Background Energie & Klima - hier probelesen]

Doch für die Höhe der Warmmieten ist es essenziell, wie die Sanierungen finanziert werden. Mit den Fördermitteln für Sanierungen und Modernisierungen, die der Bund bereitstellt, kann die Modernisierungsumlage begrenzt werden und somit die Kosten, die auf die Kaltmiete draufgeschlagen werden. Energetische Sanierungen können dann sogar zu sinkenden Warmmieten führen. Wir empfehlen Berlin, die Gebäude auch in Milieuschutzgebieten energetisch auf hohem Niveau zu sanieren. Werden die Genehmigungsprozesse so gestaltet, dass Förderungen genutzt und die Umlagen begrenzt werden, liegt darin eine große Chance – für die Wärmewende und für die Bewohner*innen dieser Kieze.

Dr. Elisa Dunkelberg vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Foto: www.GordonWelters.com Vergrößern
Dr. Elisa Dunkelberg vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). © www.GordonWelters.com

Zweiter großer Handlungsstrang ist die Abkehr von Kohle, Öl und Gas – sowohl dezentral als auch bei der Fernwärme. Stattdessen gilt es, alle verfügbaren klimaschonenden Wärmequellen zu nutzen: von Geothermie über die Wärme von Abwasser und Flusswasser bis hin zur gewerblichen Abwärme. Mehr als die Hälfte der 330.000 Feuerungsanlagen Berlins, also Heizkessel, Gasetagenheizungen und Co., sind älter als 20 Jahre. Sie müssen in den nächsten Jahren ausgetauscht werden. Dieses Zeitfenster ist für den Klimaschutz hochrelevant. Berlin muss es nutzen, um bei den klimafreundlichen Energieträgern einen Sprung nach vorn zu machen: durch Beratungen, Förderungen und auch Verbote für fossile Brennstoffe wie Öl und Gas.

Ein- und Zweifamilienhäuser sollten zukünftig nahezu ausschließlich mit Wärmepumpen beheizt werden – am effizientesten mit Erdwärme, sofern möglich. Bei den größeren meist vermieteten Gebäuden kann ebenfalls auf Wärmepumpen gesetzt werden, unterstützt durch Stromheizungen oder Kessel. In geeigneten Gebieten sollte zu Fernwärme gewechselt werden.

Dr. Julika Weiß vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Foto: www.GordonWelters.com Vergrößern
Dr. Julika Weiß vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). © www.GordonWelters.com

[Alle bisher veröffentlichten Beiträge unserer Serie "75 Visionen für Berlin" lesen Sie hier.]

In Zukunft entscheidet sich in den Kiezen, welcher Energiemix uns mit Wärme versorgt. Quartierswärmekonzepte ermöglichen die insgesamt begrenzten Potenziale an erneuerbarer Wärme oder Abwärme in Berlin optimal auszuschöpfen. Öffentliche Gebäude wie Schulen oder Verwaltungsgebäude sind ideal, um umliegende Gebäude mit Wärme mitzuversorgen – wir nennen sie „Keimzellen“. Berechnungen im Projekt Urbane Wärmewende für ein Neuköllner Quartier zeigen, dass mit einem neuen Wärmenetz, einer Abwasserwärmepumpe und einem Spitzenlastkessel günstiger Wärme bereitgestellt werden kann als mit dezentralen Gaskesseln in jedem Gebäude. Möglich wird das durch das neue Bundesprogramm „Effiziente Wärmenetze“. Die Berliner Energieversorger sollten diese Fördermittel nutzen. Und das Land und die Bezirke müssen systematisch Quartierswärmekonzepte rund um die öffentlichen Gebäude als Keimzellen prüfen.

[Die Autorinnen sind Mitarbeiterinnen für Nachhaltige Energiewirtschaft und Klimaschutz beim Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Am Dienstag (2. 11. 2021) ab 9.30 Uhr diskutieren auf Einladung des Forschungsverbundes Ecornet Berlin in der Urania Akteure der Stadtgesellschaft über Klimaneutrales Wohnen und Bauen. Infos und Livestream hier. Die Studie "Entwicklung einer Wärmestrategie für das Land Berlin" finden Sie hier.]

Die letzte große Baustelle betrifft die Berliner Fernwärme. Zukünftig soll sie noch mehr Gebäude versorgen und auf erneuerbaren Energien und Abwärme basieren. Mehr Unternehmen werden an der Wärmeerzeugung beteiligt und mit den Berliner Fernwärmebetreibern kooperieren. Gewerbliche Abwärme, etwa von Großbäckereien oder Rechenzentren, ist zu kostbar, um sie ungenutzt zu lassen. Auch Geothermie sollte für die Fernwärme erschlossen werden. Neue große Wärmespeicher werden die Wärme vorhalten. Unter Umständen wird auch das nahe Umland über gewerbliche Abwärmequellen oder große Solarthermieanlagen Berlin mitversorgen. In der Fernwärme wird voraussichtlich auch Wasserstoff erforderlich sein, der in Teilen unter Nutzung der entstehenden Abwärme in Berlin hergestellt werden kann.

Da in der Wärmeversorgung Strom zukünftig wichtiger wird, etwa um die zahlreichen Wärmepumpen zu betreiben, ist für die klimaneutrale Wärme zudem eine zu 100 Prozent erneuerbare Stromversorgung erforderlich. Hier ist vor allem der Bund gefragt. Damit Berlins Wärmewende ein Erfolg wird, muss der zukünftige Senat eine verbindlichere Klima-Governance schaffen. Sozialverträglichkeit, ein neuer Mix aus Fördern und Fordern sowie gezielte Planung müssen Bestandteile einer neuen Strategie werden, die den Rahmen für Berlins Weg hin zur klimaneutralen Wärmeversorgung setzt. Kümmern wir uns sofort und gemeinsam um diese große Aufgabe.

Zur Startseite