Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Professor Dr. Axel Ekkernkamp ist der ärztliche Direktor und Geschäftsführer des BG Klinikums Unfallkrankenhauses Berlin (ukb). Foto: ukb
© ukb

75 Visionen für Berlin – Folge 51 "Wir sollten Gesundheitsversorgung von den Patienten her denken"

Axel Ekkernkamp

Berlin muss den Umbau der Gesundheitsversorgung zügig vorantreiben – auch wegen der Demografie, schreibt unser Gastautor.

Wenn es um medizinische Versorgung geht, ist wohl keine Stadt in Deutschland so gut aufgestellt wie Berlin: Fast 70 Kliniken, vom Kiezkrankenhaus mit Grund- und Regelversorgung über die sogenannten Maximalversorger bis hin zur universitären Hochleistungsmedizin inklusive Spitzenforschung stehen für ein Gesundheitsangebot, das andere Regionen neidisch werden lässt. Von der Geburt bis zum Hospiz – für alle Lebenslagen der Berlinerinnen und Berliner ist gesorgt, auch dank rund 9000 niedergelassener Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeuten:innen. Eigentlich befinden wir uns in einer Luxussituation.

Aber wie das oft so ist, wenn es einem (zu) gut geht: Wir geraten in Gefahr, mit unseren Ressourcen nicht sorgfältig umzugehen. Wir nutzen unsere Kapazitäten nicht optimal, es gibt überflüssige Parallelstrukturen und Zuständigkeitswirrwarr, außerdem nach wie vor schier unüberwindbare Hürden zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

Nur: Das werden wir uns nicht mehr lange leisten können: Zwei Faktoren fallen zusammen, die auch die medizinische Landschaft der Hauptstadt verändern werden: auf der einen Seite eine schon heute dank guter medizinischer Versorgung immer stärker wachsende, immer älter werdende Generation, die natürlich auch zukünftig eine quantitativ und qualitativ angemessene medizinische Behandlung erwartet. Auf der anderen Seite ein sich weiter deutlich verschärfender Fachkräftemangel, insbesondere in der Pflege. Schon heute ringen die Krankenhäuser um das Personal. Viele würden gerne mehr Pflegekräfte einstellen – allein der Markt ist nahezu leergefegt. Jeder Mitarbeiter, der irgendwo eine Lücke stopft, reißt woanders eine ein. Viele Fachkräfte haben den Beruf aufgegeben – zu viel Belastung durch Schichtdienst und Schreibkram, zu wenig Zeit für die Patienten, zu wenig Worklife-Balance.

Um aus diesem Dilemma langfristig und vor allem auch nachhaltig zu kommen, bedarf es eines ganzen Bündels von Maßnahmen, die ineinandergreifen. Und wir müssen zeitnah mit dem Umbau unseres Gesundheitswesens loslegen, um nicht von der demographischen Entwicklung überrollt zu werden.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Erforderlich ist eine deutlich stärkere Vernetzung. Schon die sogenannte Lauterbach-Kommission hat wichtige Eckpunkte aufgezeigt: mehr Kooperation und strategische Abstimmung bei der klinischen Patientenversorgung, eine Verzahnung von Charité und Vivantes unter Einbindung weiterer Krankenhäuser mit abgestimmten Aufgaben. Das heißt: Die Charité konzentriert sich auf Hochleistungsmedizin, Vivantes übernimmt die übrige Versorgung, Spezialkrankenhäuser wie etwa das Deutsche Herzzentrum oder das Unfallkrankenhaus Berlin ergänzen das Angebot.

Einschnitte nötig. Berlin sei zwar sehr gut versorgt mit medizinischen Einrichtungen, meint unser Gastautor. Allerdings nutze die Stadt diese Ressourcen nicht optimal. Größere Korrekturen seien erforderlich, damit das System auch künftig funktioniert. Foto: imago/Westend61 Vergrößern
Einschnitte nötig. Berlin sei zwar sehr gut versorgt mit medizinischen Einrichtungen, meint unser Gastautor. Allerdings nutze die Stadt diese Ressourcen nicht optimal. Größere Korrekturen seien erforderlich, damit das System auch künftig funktioniert. © imago/Westend61

Eine erfolgreiche Digitalisierung wird ein wesentlicher Baustein für die Medizin von morgen sein. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Bereiche, die von der digitalen Transformation enorm profitieren. Personal wird entlastet, weil viele Prozesse vereinfacht werden: es gibt die digitale Patientenakte, elektronische Programme zur Ermittlung der benötigten Medikation, zur Therapieplanung- und umsetzung. Das dient auch der Patientensicherheit und erlaubt medizinischem Personal, wieder deutlich mehr Zeit für die direkte Versorgung aufwenden zu können.

[Der Autor Axel Ekkernkamp ist der ärztliche Direktor und Geschäftsführer des BG Klinikums Unfallkrankenhauses Berlin (ukb). Er ist zudem Professor für Unfallchirurgie an der Universität Greifswald.]

Unterstützung kommt zudem durch Künstliche Intelligenz: KI wird in Diagnose und Therapie zunehmend eine Rolle spielen – etwa 20 Prozent der ärztlichen Leistungen könnten durch KI ersetzt werden. So sind Computerprogramme schon heute in der Lage, viele radiologische Diagnostikaufgaben ebenso gut vorzunehmen wie Ärzte, die dadurch Ihren Fokus mehr auf therapeutische Einsätze richten können.

Eine wichtige Rolle spielt in Zusammenhang mit KI auch die Prävention. So können etwa Geräte, die Vitalwerte messen und sie mit Hilfe von Software auswerten, dabei helfen, dass Patienten rechtzeitig (haus)ärztlich betreut werden, bevor die Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass nur noch ein Klinikaufenthalt helfen kann. Digitale Vorsorge- und Überwachungsprogramme können so auch Drehtür-Effekte vermeiden helfen – einem ständigen Kreislauf zwischen ambulanter und stationärer Versorgung beziehungsweise unterschiedlicher klinischer Fachrichtungen.

Das Krankenhauszukunftsgesetz mit der milliardenschweren Anschubfinanzierung schafft hoffentlich Anreize, die viel zu lang verschlafene Medizin-Digitalisierung hier endlich deutlich voranzutreiben.

Berlin gehört schon heute zu den führenden Metropolen, wenn es um medizinische Forschung geht. So verfügt die Hauptstadt mit dem Berlin Institute of Health (BIH) über ein weltweit beachtetes und geschätztes Instrument, um medizinischen Fortschritt nachhaltig zu gestalten – durch Grundlagenforschung ebenso wie durch klinische Forschung zur Entwicklung neuartiger Medikamente, insbesondere für die sogenannte personalisierte Medizin, die eine individuell zugeschnittene, qualitativ hochwertige Behandlung ermöglichen. Ich stimme der Erkenntnis führender Köpfe uneingeschränkt zu, dass die Zukunft Berlins direkt mit den Erfolgen von Gesundheitsversorgung und Wissenschaft korreliert.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Anfang Juni 2021 im neuen "Haus der Zukunft am UKB". Foto: Annette Riedl/Reuters Vergrößern
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Anfang Juni 2021 im neuen "Haus der Zukunft am UKB". © Annette Riedl/Reuters

Doch entscheidend wird letztendlich sein, dass sich die Perspektive der Akteure im Gesundheitswesen ändert. Medizin muss viel mehr vom Patienten aus gedacht werden. Wir brauchen funktionierende Netzwerke, in die vom stationären Spezialversorger bis hin zu den ambulanten Leistungserbringern alle eingebunden sind. Voraussetzung für ein modernes, patientenorientiertes Gesundheitssystem ist eine Zusammenarbeit multiprofessioneller Teams aus unterschiedlichen Gesundheitsberufen. Hausärzte, Therapeuten, Pflegedienste, Reha-Einrichtungen, Apotheken und Kliniken müssen gemeinsam mit den Patienten die bestmögliche Versorgung definieren und sie sicher durch das Gesundheitssystem leiten – ambulant, stationär und poststationär. Der viel zu oft als Werbung strapazierte Spruch „Bei uns steht der Patient im Mittelpunkt“ könnte so endlich auch mal wahr werden. Im „Haus der Zukunft am ukb“ zeigen wir schon heute mit einem Pflegestützpunkt und dem „Smart Living & Health Center“ unter einem Dach, wie selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden trotz gesundheitlicher Einschränkungen mithilfe von unterstützenden, smarten Pflegesystemen möglich ist.

Berlin hat die besten Voraussetzungen, sein Gesundheitswesen nachhaltig und langfristig umzugestalten. Wir sollten sie nutzen – für eine weiterhin lebenswerte, attraktive Metropole. Und wir sorgen damit auch dafür, dass die Gesundheitsbranche der Region mit ihren derzeit über 20 000 Unternehmen und rund 360 000 Beschäftigten einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren bleibt und hoffentlich weiter wächst.

Zur Startseite